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Umstrittener Bären-Gewinner: "Touch Me Not" von Adina Pintilie
Umstrittener Bären-Gewinner: "Touch Me Not" von Adina Pintilie
So ist das mit den Geistern, die man rief
Peter Paul Huth zieht ein ganz eigenes Bären-Resümee
Zehn Tage Berlinale mit durchaus preiswürdigen Filmen - und dann so etwas: "Touch Me Not" von Adina Pintilie, der wohl schrägste Film unter den möglichen Kandidaten, gewinnt den Goldenen Bären. Für "Kulturzeit"-Redakteur Peter Paul Huth ein Schlamassel, das sich die Berlinale selbst eingebrockt hatte, indem sie die hybride Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm in den Wettbewerb einlud.
So ist das mit den Geistern, die man rief. Dazu mit Tom Tykwer ein Jury-Präsident, der angekündigt hatte, er sei auf der Suche nach wilden, sperrigen Filmen. Was immer das heißen soll. Eine erstaunliche Ambition für einen Regisseur, dessen eigene Filme kaum jemand mit diesen Attributen beschreiben würde. Das Ergebnis: Eine Entscheidung der Jury, die bei den meisten Kritikern und Zuschauern auf Ratlosigkeit und Unverständnis stießen. Viele hatten den Film vorzeitig verlassen, denn die sozialpädagogische Studie zum Thema Intimität und körperlicher Berührungsangst war maximal irritierend. Wenn es schon eine Reihe zum Kulinarischen Kino gibt, warum dann nicht auch zum Therapeutischen, so der scherzhafte Vorschlag einer Kollegin.

Dass der Beitrag aus Paraguay "Las Herederas" ("Die Erbinnen") gleich mit zwei Preisen bedacht wurde, war eine weitere Merkwürdigkeit. Ana Brun, die als beste weibliche Darstellerin ausgezeichnet wurde, ist keine professionelle Schauspielerin sondern im bürgerlichen Leben Anwältin. Vielleicht war es der Reiz des Exotischen, zum ersten Mal einen Film aus Paraguay im Wettbewerb zu haben. Außerdem noch ein Feminismus-Bonus, denn die Erbinnen des Titels sind ein älteres lesbisches Paar. Dafür gab es den Alfred-Bauer-Preis für neue filmische Perspektiven.

Favorit im Kritiker-Ranking: "Dovlatov"
Favorit im Kritiker-Ranking war bis zuletzt der russische Beitrag "Dovlatov" von Alexej German Jr., dessen Ausstatterin Elena Okopnaya am Ende mit dem Preis für Kostüm und Production Design bedacht wurde. Zu wenig für diesen überragenden Film. Erstaunlich war auch die Tatsache, dass sämtliche deutschen Filme bei der Preisvergabe leer ausgingen. Die große Entdeckung unter ihnen war "In den Gängen", Thomas Stubers unsentimentale Liebesgeschichte in einem ostdeutschen Großmarkt, die in Berlin viele überrascht und begeistert hat.

Aber es gab auch erfreuliche Jury-Entscheidungen wie den Preis für den besten männlichen Darsteller, der an den 23-jährigen Franzosen Anthony Bajon ging. Fasziniert schaut man zu, wie er als aggressiver Drogenabhängiger in einer katholischen Einrichtung in den französischen Alpen landet und am Ende den Weg in ein neues Leben findet. Absolut verdient war auch der Drehbuchpreis für die Mexikaner Manuel Alcalá und Alonso Ruizpalacios, deren Film "Museo" auf ironische Weise mit dem Authentizitäts-Label "based on a true story" spielt und eine der Entdeckungen dieser Berlinale war. Dass der Große Preis der Jury, der zweite Hauptpreis des Festivals, an den polnischen Beitrag "Twarcz" ("Das Gesicht") ging, darf man der Jury zur intellektuellen und ästhetischen Ehrenrettung anrechnen. Mit scharfem Witz attackieren Malgorzata Szumowska und ihr Ko-Autor und Kameramann Michal Englert die Macht der katholischen Kirche wie Intoleranz ihrer polnischen Landsleute.

What about "Styx"?
Diese Preisverleihung illustriert einmal mehr ein grundsätzliches Dilemma der Berlinale, und zwar die willkürliche und schwer nachvollziehbare Unterscheidung zwischen dem Wettbewerb und der herausgehobenen Nebenreihe Panorama. Dort gibt es immer wieder Filme, die man gerne im Wettbewerb gesehen hätte. In diesem Jahr etwa "Unga Astrid" von Pernille Fischer Christensen, der davon erzählt, wie aus Astrid Ericsson, die auf dem Land aufwächst und mit 17 Jahren schwanger wird, die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren wurde. Oder "Styx" von Wolfgang Fischer, wo eine Notärztin aus Deutschland irgendwo auf hoher See auf ein Flüchtlingsboot trifft und plötzlich vor schwere moralische Entscheidungen gestellt wird. Susanne Wolf ist in der Hauptrolle so grandios, dass sie im Wettbewerb alle Darstellerpreise abgeräumt hätte. Im Übrigen hat "Styx" alles gewonnen, was man in der Reihe Panorama gewinnen kann. Nach dem Heiner-Carow-Preis der Defa-Stiftung gewann er auch den "Label Europa Cinema" und den Preis der Ökumenischen Jury.

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