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Die Essener Tafel, die Lebensmittelspenden kostenlos an registrierte Empfänger von Sozialleistungen verteilt, vergibt seine Berechtigungskarten seit dem 10. Januar vorübergehend nur noch an Bürger mit deutschem Ausweis.
Die Essener Tafel, die Lebensmittelspenden kostenlos an registrierte Empfänger von Sozialleistungen verteilt, vergibt seine Berechtigungskarten seit dem 10. Januar vorübergehend nur noch an Bürger mit deutschem Ausweis.
"Tafel"-Streit
Nazi-Schmierereien / Essener Chef droht mit Rücktritt
"Fuck Nazis" - Unbekannte haben am Wochenende Fahrzeuge und Türen der Essener Hilfseinrichtung "Tafel" beschmiert. Der Staatsschutz ermittelt - und der Chef droht mit Rücktritt. Was war passiert?
Der Verein in Essen, der Lebensmittelspenden kostenlos an registrierte Empfänger von Sozialleistungen verteilt, vergibt seine Berechtigungskarten seit dem 10. Januar 2018 vorübergehend nur noch an Bürger mit deutschem Ausweis. "Da aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen", erläutert der Verein Essener Tafel auf seiner Internet-Seite.

Bundesweit Reaktionen auf Entscheidung
Für die Entscheidung hagelte es bundesweit Kritik aus der Politik und von Sozialverbänden, es gab aber auch Verständnis. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war zunächst selbst am 27. Februar in die Kritik geraten, als sie den Aufnahmestopp als "nicht gut" bezeichnet hatte. Regierungssprecher Steffen Seibert bemühte sich nach Merkels kritischen Worten allerdings am 28. Februar um Ausgleich und erinnerte daran, dass die Kanzlerin auch von dem Druck gesprochen habe, mit dem die Tafeln umgehen müssten. Die Politik könne Hilfe anbieten. Es sei aber klar, dass allein die Verantwortlichen vor Ort die Entscheidungen träfen, so Seibert.

Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck erklärte, die Freiwilligen badeten aus, was die Politik versäumt habe. Die Fraktionschefin der Linken im Bundestag, Sarah Wagenknecht, erklärte im RBB-Inforadio, die Entscheidung der Tafel sei ein "Hilfeschrei", kein Rassismus. Linken-Parteichefin Katja Kipping erläuterte zudem, die Tafeln unterstützten regelmäßig 1,5 Millionen Menschen. Das sei ein Handlungsauftrag an die Politik. Über Quoten für Deutsche und Nicht-Deutsche an den Tafeln zu diskutieren, sei "absurd". Caritas-Präsident Peter Neher rief dazu auf, die Verantwortlichen inEssen zu unterstützen statt kluge Ratschläge zu geben.

Grundlegendes Problem nicht Tafel, sondern Sozialleistungen
Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) forderte die Verantwortlichen auf, den Aufnahmestopp rückgängig zu machen. Dies werde zu einer Eskalation führen, "die ist fürchterlich", so der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Das grundlegende Problem liege aber nicht bei der Tafel, sondern an Sozialleistungen, von denen die Menschen nicht leben könnten. Der Theologe Richard Schröder unterstützte hingegen die Essener Entscheidung. Der frühere Politiker, der nach dem Mauerfall SPD-Fraktionschef in der DDR-Volkskammer und Mitglied des Bundestags war, schrieb in einem Gastbeitrag für "Die Welt": "Nachdem durch einen darwinistischen Verdrängungsprozess einheimische alleinstehende Mütter abgedrängt worden waren, war es der Intention nach von der Leitung der Essener Tafel human, den Verdrängten eine Chance einzuräumen." Sie habe dies "aber nicht besonders klug eingefädelt". Er empfahl den Verantwortlichen, sich etwa an Chemnitz zu orientieren, wo die Tafel an unterschiedlichen Tagen jeweils nur für Migranten, Alteingesessene und Behinderte geöffnet sei.

Der Chef der Essener Tafel, Jörg Sator, hatte nach dem Wochenende mit dem Gedanken gespielt zurückzutreten. "Ich bin kurz davor hinzuschmeißen", hatte er am 26. Februar erklärt. "Jetzt haut ein Haufen von Politikern auf uns ein, ohne sich zu informieren. Die sollen sich mal herbewegen und vor Ort mitarbeiten - danach können sie sich gerne äußern." Sartor distanzierte sich auch vom Beifall der Rechtspopulisten: "Ich lasse mich vor keinen Karren spannen, weder von linken Politikern, noch von rechten." Bei der Maßnahme bleibe es, bis das Verhältnis zwischen deutschen und ausländischen Kunden wieder ausgeglichen sei. Der bundesweite Dachverband der rund 900 Tafeln hatte nun nach einer Krisensitzung mitgeteilt, dass die Essener Tafel trotz der teilweise massiven Kritik vorerst an ihrem Aufnahmestopp für Ausländer als Neukunden festhalte. Jetzt soll ein Runder Tisch nach Lösungen für die Probleme bei der Lebensmittelausgabe suchen.

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