© Berlinale
Nach einer Gesichtstransplatation wird Jacek in Malgorzata Szumowskas Film "Twarcz" zur Metapher für das Fremde.
Nach einer Gesichtstransplatation wird Jacek in Malgorzata Szumowskas Film "Twarcz" zur Metapher für das Fremde.
Alles ist möglich
Die Berlinale am Tag vor der Bären-Verleihung
Freitag, der 23. Februar 2018. "Kulturzeit"-Redakteur Peter Paul Huth ist auch an diesem Tag im Kino und berichtet für uns. Kurz vor der Bärenverleihung, auf der Zielgeraden, gibt die Berlinale noch einmal Gas, findet er.
Mit "Eldorado" gelingt dem Schweizer Markus Imhoof ein herausragender Dokumentarfilm zum Thema Flüchtlinge. Das liegt an dem persönlichen Zugang, den er wählt: Imhoof verbindet aktuelle Bilder von heute mit Erinnerungen an Giovanna, ein italienisches Mädchen, das von seiner Familie während des Kriegs in der Schweiz aufgenommen wurde. Die Parallelität von privater Geschichte und aktuellen Bildern gibt dem Film eine besondere Intensität.

Konzentration auf den humanen Umgang der italienischen Helfer
© Berlinale "Eldorado" - herausragende Doku zum Thema Flüchtlinge.
"Eldorado" - herausragende Doku zum Thema Flüchtlinge.
Auf dem Mittelmeer begleitet Imhoof ein Schiff der italienischen Marine, das im Rahmen der Operation "Mare nostrum" Flüchtlinge an Bord nimmt. Der Film verzichtet auf spektakuläre Bilder von Leichen und dramatischen Rettungsaktionen, sondern konzentriert sich ganz auf die Professionalität und den humanen Umgang der italienischen Helfer. Mit der Kamera folgt Imhoof den Afrikanern, die in Italien stranden, wo sie als illegale Arbeiter für einen Hungerlohn Tomaten ernten. Wer weiter nach Norden will, wird an der Grenze zurückgeschickt. So will es das "Dublin-Abkommen".

Schließlich sind wir in der Schweiz, wo wir erleben, wie ein Asylverfahren abläuft. Imhoof sagt, er wollte keinen "Horrorfilm über böse Menschen", sondern die Überforderung der Verwalter zeigen, die als Räder im Getriebe die Flüchtlinge von einer Station zur nächsten weiterreichen. "Eldorado" ist präziser und persönlicher als der überschätzte Dokumentarfilm "Fuocoammare", für den Gianfranco Rosi 2016 in Berlin den Goldenen Bären gewann.

Reale Ereignisse ziemlich frei dramatisiert
© Berlinale Gael García Bernal spielt die Hauptrolle in "Museo".
Gael García Bernal spielt die Hauptrolle in "Museo".
"Museo" von Alonso Ruizpalacios wirkt wie ein ironischer Kommentar zu all den "true stories", die man im Wettberb der Berlinale zu sehen bekam. Zwei Jungs Anfang 20 klauen im mexikanischen archäologischen Museum kostbare Antiquitäten aus der Maya-Zeit. Die Idee, ihre Beute teuer zu verkaufen, scheitert im kriminellen Milieu von Acapulco. Diesen Raub gab es 1985 tatsächlich und wurde in Mexiko als zweite nationale Tragödie empfunden, nach dem verheerenden Erdbeben einige Monate zuvor. Regisseur Alonso hat die realen Ereignissen ziemlich frei dramatisiert nach dem Motto, was am Ende des Films auftaucht: "Eine gute Geschichte sollte man sich nie von der Realität versauen lassen".

Gael García Bernal, der internationale Star des mexikanischen Kinos, gibt der Hauptfigur Juan das Charisma eines sympathischen Losers. Gebannt verfolgt man, was er und sein chaotischer Freund als Nächstes anstellen. Zugleich erzählt "Museo" vom großen kulturellen Erbe Mexikos, das von ausländischen Regierungen und Sammlern vielfach ausgeplündert und außer Landes geschafft wurde. Alonso Ruizpalacios' Film verbindet auf kluge Weise so unterschiedliche Sujets wie spätpubertäre Auflehnung und nationale Identität. Im bemüht ernsthaften und ziemlich humorlosen Wettbewerb ist man dankbar für eine intelligente Komödie.

Mehrmals war die Polin Malgorzata Szumowska schon in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen, 2015 hat sie hier mit "Body" den Preis für die beste Regie gewonnen. Ausgangspunkt ihres neuen Films "Twarcz" (Gesicht) ist die größte Christus-Statue der Welt, die im westpolnischen Świebodzin steht. Jacek verunglückt bei den Bauarbeiten und kann nur durch eine Gesichtstransplatation gerettet werden. Aus dem langhaarigen Heavy-Metal-Fan, der im Dorf als "Satanist" verschrien war, wird ein Mann mit einem "Schweinegesicht", wie ihm die Kinder nachrufen.

Angst vor "Überfremdung" mit viel Humor erzähl
Für den Ortspfarrer ein Fall von göttlicher Strafe für seinen unmoralischen Lebenswandel. Malgorzata Szumowska und ihr Kameramann und Co-Autor Michal Englert erzählen diese Geschichte in märchenhaft verfremdeten Bildern. Für die Regisseurin ist die Reaktion auf das entstellte Gesicht eine Metapher für die Ablehnung des Fremden im heutigen Polen. Man möchte sich einigeln in einer weißen, katholischen Nation. Alle, die nicht in dieses Bild passen, sollen draußen bleiben. Diese Angst vor einer "Überfremdung" wird mit viel Humor erzählt, der bei der Pressevorführung spontanes Lachen provozierte.

Malgorzata Szumowska hat es noch nie an Mut gefehlt: Nach ihrem Priester-Drama "Im Namen des ..." (2013) legt sie sich einmal mehr mit der katholischen Kirche an, die nach wie vor die öffentliche Moral in Polen bestimmt. Es gibt absurde Szenen im Beichtstuhl und einen Bischof, der dem Ortspfarrer "verzeiht", dass er Muslime beim Bau beschäftigt hat, die sich allerdings als Roma entpuppen. Szumowskas Film dürfte gute Chance bei der morgigen Preisverleihung haben. Doch die Berlinale-Jurys sind berüchtigt für ihre manchmal seltsamen Entscheidungen. Alles ist möglich.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
© dpaDie Berlinale in 3sat
Berlinale
"Kulturzeit" auf der Berlinale
Wir berichten von den Filmfestspielen in Berlin