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Regisseur Erik Poppe zeichnet in seinem Wettbewerbsbeitrag "Utøya" das Grauen aus der Sicht der Opfer nach.
Regisseur Erik Poppe zeichnet in seinem Wettbewerbsbeitrag "Utøya" das Grauen aus der Sicht der Opfer nach.
Echte Geschichten
Das Thema der Authentizität in Berlinale-Filmen
Das Kino liebt Geschichten, die auf realen Ereignissen basieren. Wenn die Fiktion von der Realität beglaubigt wird, gilt das als höchster Ausweis von Authentizität. Ein Phänomen, dem man im Wettbewerb der Berlinale immer wieder begegnet, wie "Kulturzeit"-Redakteur Peter Paul Huth weiß.
Auf erschreckend eindrucksvolle Weise gelingt die filmische Verarbeitung eines realen Ereignisses im norwegischen Beitrag "Utøya" - 22. Juli", der in Berlin für höchste Aufregung sorgte. Geht es doch um nichts weniger als um die Darstellung des monströsen Anschlags des rechtsradikalen Attentäters Anders Breivik auf ein Zeltlager der sozialistischen Jugend auf der Insel Utøya unweit von Oslo. Am 22. Juli 2011 erschießt Breivik 77 Jugendliche und verletzt mehr als 100 schwer.

© dpa Die 18-jährige Andrea Berntzen brilliert in "Utøya".
Die 18-jährige Andrea Berntzen brilliert in "Utøya".
Wie kann es gelingen, einer solchen Tragödie ästhetisch gerecht zu werden? Der renommierte norwegische Regisseur Erik Poppe konzentriert sich ganz auf die Perspektive der Opfer. Mithilfe von 13 Laiendarstellern rekonstruiert er, was damals auf der Insel geschah. Über die gesamte Länge des Films folgt die Kamera der 18-jährigen Kaja, brillant gespielt von Andrea Berntzen. Ungeschnitten, in einer einzigen Einstellung, in Realzeit gedreht. Radikal und ungefiltert lässt uns der Film die Verwirrung, Panik und Verzweiflung der Jugendlichen physisch und emotional miterleben und verzichtet klugerweise darauf, den Attentäter oder die Morde direkt ins Bild zu setzen.

Ein hartes Stück Kino
Regisseur Erik Poppe hat bei der Vorbereitung mit Überlebendenden und Angehörigen der Opfer gesprochen, ihnen bei internen Vorführungen den Film vor der Premiere in Berlin gezeigt. Für sie wollte er den Film in erster Linie machen, nachdem lange Zeit vor allem der Attentäter und sein Prozess im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit standen. "Utøya" - 22. Juli" ist ein hartes Stück Kino, das eine konsequente filmische Form findet und viele Fragen aufwirft.

© Berlinale Marie Bäumer sieht Romy Schneider richtig ähnlich.
Marie Bäumer sieht Romy Schneider richtig ähnlich.
Das kann man von einer anderen "true story" im Wettbewerb nicht behaupten: "3 Tage in Quiberon" ist ein vergleichsweise harmloser Film. Die deutsch-iranische Regisseurin Emily Atef zeigt uns in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern, wie es war, als der "Stern"-Reporter Michael Jürgs zusammen mit dem Fotografen Robert Lebeck Romy Schneider zu einer dreitägigen Interview- und Foto-Session traf. Wir sind im Jahr 1981, Romy Schneider hat sich zu einer Diätkur in die Bretagne zurückgezogen. Als aber die beiden Presseleute auftauchen, ist es mit der Diät bald vorbei.

Film im Grunde überflüssig
Man verbringt die Tage rauchend und trinkend. Mit fortgeschrittenem Alkoholkonsum geht Romy Schneider auf die voyeuristischen Fragen des "Stern"-Reporters mehr und mehr ein. Das Interview wird zur Lebensbeichte. Es geht vor allem um Romy "privat", um die Männer und Affären in ihrem Leben. Für ihre künstlerische Arbeit, ihre Filme mit Claude Sautet, Orson Welles und Bertrand Tavernier interessiert sich dieses biografische Schlaglicht genauso wenig wie der Enthüllungsreporter von damals. Zwar sieht Marie Bäumer Romy Schneider tatsächlich sehr ähnlich, dafür erkennt man im umgebauten "Haus des Gastes" auf Fehmarn, das als Drehort diente, überhaupt keine Anmutung von einem französischen Hotel in der Bretagne. So befriedigt der Film zwar eine gewisse voyeuristische Neugier, bleibt aber im Grunde überflüssig.

© Scott Patrick Green Amazon content services  LLC Berlinale dpa Joaquin Phoenix (l.) -  immer eine Naturgewalt auf der Leinwand.
Joaquin Phoenix (l.) - immer eine Naturgewalt auf der Leinwand.
Auch Gus Van Sants Biopic mit dem amüsanten Titel "Don't Worry, He Won't Get Far On Foot" (Keine Angst, zu Fuß wird er nicht weit kommen) wirbt mit dem Label "based on a true story". Es ist die wahre Geschichte des 2010 verstorbenen US-amerikanischen Cartoonisten John Callahan. Joaquin Phoenix, immer eine Naturgewalt auf der Leinwand, spielt einen Typen aus Oregon, dessen Leben sich zwischen Alkohol und Parties abspielt - bis er eines Tages nach einer betrunkenen Autofahrt querschnittsgelähmt im Krankenhaus aufwacht.

Alles wahr und ergreifend, aber was lernen wir daraus?
Im Rollstuhl entdeckt er sein Talent als Zeichner und wird zu einer prominenten Figur in der Künstlerszene von Portland, Oregon. Doch vorher muss er ein besserer Mensch werden und Buße tun für sein bisheriges ausschweifendes Leben. Das gelingt ihm nach anfänglichen Irritationen in einer Selbsthilfegruppe mit anderen Suchtkranken. Mit roter Perücke und Hawai-Hemd sieht Joaquin Phoenix ziemlich absurd aus, wie eine Mischung aus dem jungen Randy Newman und einem gealterten Pumuckl.

Gus Van Sant erzählt eine sehr amerikanische "moral story" vom reuigen Alkoholsünder, der zwar nicht zu Gott, aber doch zu innerem Frieden und eigenwilligem künstlerischen Ausdruck findet. Das ist alles wahr und ergreifend, aber was lernen wir daraus? Dass man ein besserer Mensch werden kann, auch wenn man im Rollstuhl sitzt und Alkoholprobleme hat? Ganz authentisch entnervt konnte man Joaquin Phoenix bei der Pressekonferenz erleben. Nach einigen gemurmelten Antworten hatte er genug, drehte den Journalisten den Rücken und vertiefte sich in das Berlinale Plakat hinter ihm.

Debütfilm der Bären-Gewinnerin von 2017 restauriert
© Berlinale  "My 20th Century" ist für den Auslands-Oscar nominiert.
"My 20th Century" ist für den Auslands-Oscar nominiert.
Nach so vielen "true stories" wehte Ildikó Enyedis phantasievoller Debütfilm "My 20th Century" wie eine erfrischende Brise durch das Festivalgeschehen. Bei der Premiere in Cannes 1989 gewann die junge Regisseurin die Goldene Kamera für das beste Kinodebüt. Jetzt konnte man die restaurierte Fassung des Films in der Reihe "Berlinale Classics" bewundern. 2017 hatte die ungarische Regisseurin in Berlin mit "Körper und Seele" den Goldenen Bären gewonnen und ist jetzt für einen Auslands-Oscar nominiert.

"My 20th Century" geht zurück in die Anfänge des 20. Jahrhunderts, in die Zeit, als Thomas Edison seine technischen Wunderwerke - das elektrische Licht und den Telegraphen - einem staunenden Publikum vorführt. Die blonden Zwillinge Dora und Lilli mischen als Kurtisane bzw. Anarchistin die bürgerliche Gesellschaft auf. Die Sterne sprechen mit den Menschen, die Schauplätze wechseln von New Jersey, nach Budapest und Sibirien. Ein kluger Esel zeigt dem männlichen Protagonisten (der russischen Star Oleg Jankovski) den Weg aus dem Spiegelkabinett und Otto Weininger (ein großartiger Paulus Manker) schockiert ein weibliches Auditorium mit seinen Theorien zur Sexualität und zur natürlichen Überlegenheit der Männer.

Ein Film von magischer Eleganz
In traumhaft rekonstruierten Schwarz-Weiß-Bildern entwirft Ildikó Enyedi das Kaleideskop einer Zeit, als magische Erfindungen versprachen, Menschheitsträume wahr werden zu lassen. Im Rückblick wissen wir, welche Albträume dieses 20. Jahrhundert frei gesetzt hat. Mit welcher Leichtigkeit der Film diese Hoffnungen aufleben lässt, das ist von einer magischen Eleganz, die jede "true story" in den Schatten stellt.

Sendedaten
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