© Berlinale
Franz Rogowski (r.) spielt in "Transit" den deutschen Flüchtling Georg, der in Marseille gestrandet ist.
Franz Rogowski (r.) spielt in "Transit" den deutschen Flüchtling Georg, der in Marseille gestrandet ist.
Ein Faible für politische Stoffe
Christian Petzolds Film "Transit" auf der Berlinale
Die Berlinale versteht sich im Vergleich mit den Konkurrenten in Cannes und Venedig als bedeutendes "politisches Filmfestival". Doch was genau ist das, ein politischer Film? Eine schwer zu beantwortende Frage, die nebulös über den cineastischen Wassern des Wettbewerbs schwebt, wie "Kulturzeit"-Redakteur Peter Paul Huth beobachtet hat.
Ein Regisseur, der ein Faible für politische Stoffe hat, ist Christian Petzold, obwohl man nicht weiß, ob er mit dieser Zuschreibung einverstanden wäre. Zum vierten Mal ist er nun mit einem Film im Wettbewerb vertreten. Mit "Barbara" gewann Petzold 2013 den Preis für die beste Regie. Nicht nur am Potsdamer Platz ist der deutsche Regisseur so etwas wie ein Local Hero. Entsprechend begeistert ist die lokale Presse von seinem neuen Werk "Transit". Schwärmerisch benennt etwa die "Berliner Zeitung" als größte Stärke des Films "seine Menschlichkeit".

© Schramm Film, Marco Krüger Christian Petzold drehte seine Fluchtgeschichten in Marseille.
Christian Petzold drehte seine Fluchtgeschichten in Marseille.
Für "Transit" ist Petzold nach Frankreich gereist, auf den Spuren von Anna Seghers, deren gleichnamiger Roman über Flucht und Vertreibung aus Nazi-Deutschland als Vorlage diente. Petzold sagt, er wollte keinen historischen Film machen, ("bloß kein TV-Re-Enactment"), sondern er hätte sich vielmehr entschieden, die Geschichte im Marseille von heute zu drehen, um Parallelen zu heutigen Fluchtgeschichten anzudeuten. Eine reizvolle Idee, die aber in "Transit" eine Kopfgeburt bleibt. Franz Rogowski spielt den deutschen Flüchtling Georg, der in Marseille gestrandet ist, wo er auf ein Transitvisum und eine Schiffspassage nach Mexiko hofft. Gekleidet im Stil der 1940er Jahre, gejagt von französischer Gendarmerie mit modernen Waffen.

Motiv des Wiedergängers, falsche Identitäten, "mystery woman"
Die Ebenen fließen ineinander und frei nach Brecht wird das Historische durch das Heutige verfremdet. Wobei ein wirkliches Gefühl von Bedrohung sich aber nicht einstellen will ."Transit" vereint Elemente, die Petzold in seinem Filmen liebt, etwa das Motiv des Wiedergängers, falsche Identitäten der Figuren, die wie Gespenster zwischen Vergangenheit und Zukunft schweben. Auch die "mystery woman", diesmal von Paula Beer (nicht von Nina Hoss) verkörpert, taucht auf - in Spitzendessous auf einem Lotterbett drapiert.

Die Flüchtlinge von heute, eine Frau und ihr kleiner Sohn aus dem Maghreb, leben nicht nur als "sans papiers", also illegal, in Marseille, sondern sind außerdem vom Schicksal gebeutelt. Sie ist taubstumm, der Junge hat Asthma. Wie Franz Rogowski sich als Protagonist in dieser geisterhaften Kunstwelt bewegt, ist beeindruckend. Dagegen bleibt Paula Beer recht blass in ihrer Suche nach dem Mann, den sie verlassen hat. Das gilt noch mehr für die Nebenfiguren, etwa Justus von Dohnanyi, der als erschöpfter Dirigent unterwegs nach Venezuela ist, und Barbara Auer als Dame mit zwei Hunden. Beide bekommen so wenig Raum, dass sie fast zu Statisten reduziert werden und man ihre Verzweiflung kaum nachvollziehen kann.

Die Pressekonferenzen mit Christian Petzold sind berühmt für ihren Unterhaltungswert. Auch diesmal auf der Berlinale kamen die Connaisseure auf ihre Kosten. So sparte Petzold nicht mit Adorno- und Hegel-Zitaten und erzählte zudem von der Inspiration durch die Figur von Jean-Paul Belmondo in Jean-Luc Godards "Außer Atem". Dort ist Belmondo als Kopie von Humphrey Bogart unterwegs. So schließt sich der Kreis zu "Casablanca", einem Klassiker im Genre der Flucht- und Exilgeschichten.

Von anderem Kaliber ist der russische Wettbewerbsbeitrag "Dovlatov". Regisseur und Drehbuchautor Alexej German Jr. rekonstruiert darin das Leningrad der frühen 1970er Jahre. Der Schriftsteller Sergej Dovlatov versucht vergeblich, einen Text in einer Literaturzeitschrift unterzubringen. Nur so kann er Mitglied des Schriftstellerverbands werden. Immer wieder scheitert er an den Vorgaben der Kulturbürokratie. Er schreibt über die falschen Themen, in seinen Geschichten mangelt es an positiven, proletarischen Helden.

Kamera folgt Figur wie schwebender Engel
© Berlinale "Dovlatov" spielt im Leningrad der frühen 1970er Jahre.
"Dovlatov" spielt im Leningrad der frühen 1970er Jahre.
Als Dovlatov für einen Zeitungsartikel einen dichtenden Arbeiter vorstellen soll, trifft er auf einen depressiven Poeten, der von seiner Muse verlassen wurde. Die Kamera von Lukas Zal ("Ida") folgt der Figur von Dovlatov wie ein schwebender Engel auf seinen Streifzügen durch Wohnungen und Büros, durch die alkoholisierten Feste verfemter Maler und Poeten. Einer davon ist Dovlatovs Dichterfreund Joseph Brodsky, der von der Polizei so lange drangsaliert wird, bis er in die USA auswandert, wo er 1986 den Literaturnobelpreis bekommt.

Auch Dovlatov wird später das Land verlassen, aber hier begegnen wir ihm zu Beginn der 1970er Jahren in der Kommunalwohnung mit seiner Mutter, im Umgang mit seinen Freunden aus der künstlerischen Bohème und Intelligenzija. Für Regisseur Alexej German Jr. ist es eine Zeitreise in seine Kindheit. Seine Eltern waren mit Dovlatov befreundet. Sein Vater, der legendäre Regisseur Alexej German, hat mit der staatlichen Zensur ähnliche Kämpfe ausgetragen wie der Schriftsteller.

"Dovlatov" öffnet uns den Blick in eine untergegangene Epoche der Sowjetunion und lässt uns dabei einen Schriftsteller entdecken, der heute ungeheuer populär ist, während man ihn im Ausland kaum kennt. Eine Entdeckung ist auch der serbische Hauptdarsteller Milan Maric, für den es die erste große Rolle und das erste Festival seines Lebens ist. Eine Herausforderung, die er bravourös meistert und ihn zu einem frühen Favoriten für den Darstellerpreis macht. Die Frage nach dem politischen Film - sie wird uns im Laufe dieser Berlinale-Woche noch häufiger beschäftigen.

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