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Die Bilder vom roten Teppich haben eine Macht, die die Stars hätten nutzen können, um die #MeToo-Debatte weiter voranzutreiben, so Cécile Schortmann.
Die Bilder vom roten Teppich haben eine Macht, die die Stars hätten nutzen können, um die #MeToo-Debatte weiter voranzutreiben, so Cécile Schortmann.
Kein Bock auf #MeToo auf dem roten Teppich - schade!
Cécile Schortmann über die Reaktionen bei der Eröffnungsgala 2018
Die #MeToo-Debatte ist natürlich auch Thema bei der Berlinale 2018. Gut, dass darüber geredet wird. Und es Reaktionen gibt - zum Beispiel bei der Eröffnung. Wenn nicht auf dem roten Teppich, wann dann? Das fragte sich auch unsere Cécile Schortmann, die am Abend der Gala moderierte:
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich ziehe mich gerne schön und auch figurbetont an und lasse mich für einen glamourösen Anlass wie die Berlinale-Eröffnung professionell schminken, am liebsten mit knallrotem Lippenstift. Klar, dass das auch andere Frauen, vor allem prominente Schauspielerinnen, tun, zumal das Posen vor den Fotografen auf dem roten Teppich zum Spiel dazu gehört. Aber hätte genau dieses Spiel inmitten einer aufgeheizten #MeToo-Debatte dieses Jahr nicht einer etwas eigenwilligeren Inszenierung bedurft? Hätte die Berlinale-Prominenz nicht ein klares Zeichen setzen können, ab vom Rollenklischee-bedienenden weiblichen Automatismus, trotz winterlicher Minusgrade tiefste Dekolletés und möglichst viel nackte Haut zu zeigen?

Seltener Button: "Nobody's Doll"
Einzig ein Zeichen gesetzt hat die Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann, die in Sneakers (weil sie ihr einfach bequemer sind als Highheels) und Rock kam - und toll aussah! An ihrem schwarzen Kurzarm-Rolli haftete ein Button mit der Aufschrift "Nobody's Doll". So heißt ihre Initiative, in der sie Schauspielerinnen dazu aufruft, sich die Definitionsmacht darüber zurück zu holen, was als attraktiv gilt, sie dem patriarchalisch geprägten Blick, der inzwischen geschlechterübergreifend vorhanden ist, zu entreißen.

"Wir sind Künstlerinnen und keine hübschen Puppen. Nobody's Doll", schreibt sie in ihrem Facebook-Aufruf, den zahlreiche Schauspielerinnen und Schauspieler unterschrieben haben. Den viele aber offenbar auch ablehnen mit der - in meinen Augen - fadenscheinigen Begründung der Bevormundung. Nein, auch Anna Brüggemann liebt Mode und es geht ihr nicht darum, Frauen vorzuschreiben, was sie anziehen und wieviel Haut sie zeigen. Sie ruft nur zu mehr Reflexion und Selbstbewusstsein gegenüber tradierten Rollenbildern auf, zu mehr Gleichberechtigung auf dem roten Teppich. (Übrigens wäre es auch an den Männern, Stereotypen aufzubrechen, mehr Kreativität bei der Klamottenwahl zu zeigen - weg vom gängigen Anzug oder Latin-Lover-Image mit aufgeknöpftem Hemd.)

Eine befreundete Schauspielerin meinte vor der Berlinale-Eröffnung zu mir, dass sie die #MeToo-Debatte zum Teil deshalb so scheinheilig fände, weil klar wäre, dass es KEINE Solidarität unter Schauspieler/innen gebe, der Beruf oder die Persönlichkeit dahinter so angelegt seien, dass jeder allein auf seine eigene Wirkungsmacht bedacht ist. Harte Worte, die ich in Frage gestellt habe - bis zu der Business-as-usual-Show 2018 auf dem roten Teppich zur Berlinale-Eröffnung. Bei den Golden Globes in den USA und der "British Academy Film Award"-Verleihung am Abend in London gab es mit dem schwarzem Dresscode immerhin ein gemeinschaftliches optisches Statement gegen Sexismus und Diskriminierung von Frauen, wenn auch dahin gestellt sei, ob die Farbe alleine reicht.

Bilder vom roten Teppich haben Macht
Ja, bei so einer Eröffnung gehört der Glamour dazu. Einen schwarzen Teppich, wie von einer anderen Schauspielerin gefordert und von der Berlinale-Leitung abgelehnt, hätte ich als Symbol auch unpassend gefunden. Schließlich geht es an diesem Abend darum, Freude und Neugierde zu vermitteln auf das, was zehn Tage lang im Kino an neuen Filmen geboten wird, und keine Beerdigungsstimmung. Dennoch stimme ich zu, dass diese Bilder vom roten Teppich eine Macht haben, die die Stars dieses Mal hätten nutzen können, um die #MeToo-Debatte weiter voranzutreiben. Genau weil sie differenziert geführt werden muss, um wirklich was an Machtstrukturen im Filmgeschäft und in vielen anderen Bereichen zu ändern und weil in dieser Diskussion zu vieles zu durcheinander gerät.

Apropos die Debatte: Welchen inhaltlichen Einfluss die #MeToo-Debatte auf die Berlinale hat, ist wieder eine andere, aber auch zu führende. Festivalleiter Dieter Kosslick hatte vorab erklärt, dass sie für ihn durchaus eine Rolle gespielt hätte bei der Auswahl des gezeigten Filmprogramms. Man würde es nun anders betrachten, wenn der Chef en passant seine Sekretärin auf der Leinwand vernascht etc.. Fiktion darf zwar erstmal alles. Und sie soll die Welt und die Menschheit in ihrer Viefalt spiegeln, auch in ihren Abgründen. Dennoch ist die Überlegung angebracht, wie sehr aktuelle Filme tradierte Rollenmuster manifestieren, statt sie in Frage zu stellen. (Filme wie die alten James-Bond-Schinken, in denen Frauen alleine Verführungsobjekte sind, sind lange abgedreht und dürfen selbstverständlich weiterhin gezeigt und angeschaut werden, genauso wie Bilder nackter, lasziver Frauen von Alten Meistern im Museum.)

Hollywood-Star Bill Murray hat genervt abgewunken, als wir ihn auf dem Roten Teppich nach seiner Meinung zu #MeToo befragten. Das ist dann doch zu bequem - und viel zu früh.

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