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Sie ist eine der letzten Holocaust-Überlebenden. Auch mit 92 Jahren nennt sie das Grauen beim Namen.
Sie ist eine der letzten Holocaust-Überlebenden. Auch mit 92 Jahren nennt sie das Grauen beim Namen.
"Leugnen darf nicht sein"
Die Auschwitz-Überlebende Lasker-Wallfisch im Deutschen Bundestag
In einer bewegenden Rede vor dem Deutschen Bundestag hat die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch am 31. Januar 2018 dazu aufgefordert, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus wachzuhalten.
Sie könne es der Jugend nicht verübeln, sich nicht damit identifizieren zu wollen, sagte die 92-Jährige bei der Gedenkstunde für die Opfer des Hitler-Regimes in Berlin. Die Generation der Täter gebe es nicht mehr. "Aber leugnen, dass auch das zur deutschen Vergangenheit gehört, darf nicht sein", sagte sie. Lasker-Wallfisch überlebte das Vernichtungslager Auschwitz als Cellistin im Mädchenorchester. Die Mitglieder mussten unter anderem für das Lagerpersonal spielen. Im Frühjahr 1945 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester Renate von britischen Truppen aus dem Lager Bergen-Belsen befreit. "Wer hätte gedacht, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden", sagte sie mit Bezug auf die Verbrennungsöfen.


"Hass ist einfach ein Gift"
Ihr selbst sei danach alles Deutsche verhasst gewesen, sagte Lasker-Wallfisch, die nach England auswanderte und in London das English Chamber Orchestra mitbegründete. Sie habe sich geschworen, nie wieder zurückzukehren, berichte aber inzwischen schon seit Jahren hierzulande von ihren Erfahrungen. "Hass ist ganz einfach ein Gift. Und letzten Endes vergiftet man sich selbst." Nach dem Krieg habe Deutschland sich "exemplarisch" verhalten, so die Holocaust-Überlebende, die auch an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus erinnerte. "Nichts wurde geleugnet." Für ihre Rede erntete sie stehende Ovationen.

Lasker-Wallfisch warnte in ihrer Rede auch vor neu aufkeimender Judenfeindlichkeit. "Antisemitismus ist ein 2000 Jahre alter Virus, anscheinend unheilbar", sagte sie. "Nur sagt man heute nicht mehr unbedingt Juden. Heute sind es die Israelis." Dabei fehle es häufig am Verständnis der Zusammenhänge. "Was für ein Skandal, dass jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten, polizeilich bewacht werden müssen." Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble rief Anfeindungen gegen Migranten und Muslime, das Verbrennen israelischer Flaggen und wachsende Gewaltkriminalität ins Gedächtnis. "Wer Hass schürt, beutet die Verunsicherung, die Ängste von Menschen aus", sagte er. "Dieses freie, demokratische, rechtsstaatliche, friedliche Deutschland, in dem wir heute das Glück haben zu leben, ist auf der historischen Erfahrung unermesslicher Gewalt gebaut."

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Zum 73. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz