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Pop verlangt Wut und Haltung - Mark E. Smith hatte beides.
Pop verlangt Wut und Haltung - Mark E. Smith hatte beides.
Der kaputteste Glamour, den es je gab
Zum Tod des legendären "The Fall"-Frontmanns Mark E. Smith
2017, als Mark E. Smith 60 wurde, vermeldete die BBC seinen Tod. Doch Smith war quicklebendig. "Natürlich diese BBC-Idioten", sagte er dem "Guardian" in seinem letzten Interview im Herbst. Auf die Frage, ob es für ihn wichtig sei, wütend zu bleiben, antwortete Smith nur: "Yeah. Die Leute wechseln noch heute die Straßenseite - und im Übrigen: Er könne noch immer einen Pub aufmischen. Denn schließlich habe er dafür ein Talent." Nun ist sein Tod bestätigt - das Vorbild einer ganzen Generation von Indie-Musikern ist tot.
Mark E. Smith war ein Ausnahmentalent. Und sicherlich hatte er einige Pubs auf dem Gewissen. Vor allem aber hat er als Frontmann der Band The Fall Musikgeschichte geschrieben: Seit 40 Jahren gibt es seine Band. In dieser Zeit hat Mark E. Smith mehr als 30 Alben produziert. 27 Songs der Band waren zwischen 1984 und 2004 in den Top 100 der UK-Single-Charts. Bands wie Sonic Youth, Franz Ferdinand, Gorillaz oder Pavement ließen sich von ihm inspirieren.

Smith, der Patenonkel des Post-Punk
Pop verlangt Wut und Haltung - und Smith hatte beides. Nur seine Musik, die ließ sich musikalisch nicht ganz so klar einordnen. Post-Punk sagen die einen. Doch der typische "The Fall"-Sound war unverwechselbar. Kryptische Texte, industrielle Rhythmen und eine oftmals psychotisch anmutende Stimme, die direkt und ohne Umschweife ins Mark ging. Gesang konnte man es wohl nicht nennen, was Smith da von sich gab. Bei seinen exzentrischen Auftritten gab er Stakkato von sich, agierte wie ein Poet auf Speed, der Texte und Töne zu einer Art schriller Collage miteinander verband. Die Musik von Smith war nie schön. Und ergab nie einen Sinn. Und doch hatte sie dieses letzte Leuchten eines kaputten Menschen, bevor er im Nebel seines Wahns verschwindet. Mit diesem Nimbus spielte Smith, seine Auftritte glichen eher wütenden Zeremonien, denn durchkomponierten Performances.

Entstanden ist die Band im Großbritannien der späten 1970er Jahre. Damals war das kulturelle Leben auf der Insel vor allem eins: zum Gähnen langweilig. Bis sich eine Band aufmachte, der Trostlosigkeit mit Wut und schnellen Gitarren zu begegnen: Die Sex Pistols traten 1976 das erste Mal in Manchester auf. Organisiert war das Konzert von Fans. Unter den Besuchern waren Morrissey, Peter Hook von Joy Division und Mark E. Smith. An diesem Tag beschloss der damals 19-jährige Sohn eines Dockarbeiters eine eigene Band zu gründen: The Fall.

66 wechselnde Musiker über die Jahre
Beeinflusst von den Sex Pistols, der deutschen Band Can und Velvet Underground machte sich Smith auf, sein ganz eigenes musikalisches Universum zu erschaffen. Der Meister, MES, wie ihn seine Fans nannten, ein manischer Bandchef, der die einzige Konstante seiner Band war: Über die Jahre spielten 66 wechselnde Musiker in der Band - nach einem Auftritt feuerte Smith kurzerhand die ganze Band. 1998 landete er in New York im Gefängnis, weil er seinen Keyboarder tätlich angriff. Kurz vor seinem Tod war er schließlich zufrieden mit der Band - wie er dem "Guardian" in seinem letzten Interview sagte.

"Sie sind immer anders, sie sind immer gleich", sagte die BBC-Legende John Peel einmal über die Band. "Repetition" - das war das Zauberwort von Mark E. Smith. Seine Musik hatte hypnotischen Charakter. Er bezeichnete sich selbst einmal als Hellseher, "der sich aber da rausgetrunken" habe. Aus seinem Alkoholismus machte er nie einen Hehl. Smith hatte das Talent, nicht nur Pubs zu zerlegen, Leute anzupöbeln und mit Gewalt gegenüber Eichhörnchen zu drohen. Auf wundersame Weise sprach er bei seinen Fans etwas an, das tief in deren Unbewussten schlummerte. Seine Auftritte furchterregend und erhaben zugleich. Sein Sound: ein scheinbar nicht endendwollender Strom an Assoziationen und Tönen, ein musikalisches Echo wie aus einem existentialistischen Roman.

Kein Wunder also, dass der Bandname auf einen Roman "La chute" ("Der Fall") von Albert Camus zurückgeht. Ein Roman, in der der Protagonist als einziger zu Wort kommt, um seine Beichte abzulegen. Die menschliche Existenz - eine hoffnungslose Absurdität, ein einziger Monolog, Verständnis unmöglich. Man könnte meinen, Mark E. Smith habe zu dieser Erkenntnis den passenden Soundtrack produziert. Er selbst formulierte das einmal so: "Bei The Fall dreht sich alles um die Gegenwart. Und das war's auch schon."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr