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Auf dem Nachbargrundstück des Thüringer AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke hat die Künstlerinitiative "Zentrum für Politische Schönheit" das Holocaust-Mahnmal nachgebaut.
Mahnende Kunstaktion
Künstlerkollektiv baut Holocaust-Mahnmal neben Höckes Haus
Nach dem Bau des Holocaust-Mahnmal-Ablegers auf einem Nachbargrundstück des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke hat das Künstlerkollektiv "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) am 1. Dezember 2017 offenbart: Höckes zehnmonatige Überwachung ist nur Fake - mit "billigstem Überwachungsspielzeug", "Trenchcoats von Penny" und "Mensch im Chewbacca-Kostüm".
"Wir wollten zeigen, wie einfach diese Opfer-Täter-Semantik heute funktioniert", erklärte das ZPS gegenüber Thüringen24. Zunächst hatte das Künstlerkollektiv am 22. November 2017 auf einem Nachbargrundstück des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal nachgebaut. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Mahnmal-Nachbau war nach vorübergehender Schließung durch die Organisatoren seit dem 28. November wieder öffentlich zugänglich.

"Es ist nicht so, dass diese Aktion Höcke stärker macht, sondern es ist eigentlich so, dass sie die Zivilgesellschaft stärker gemacht hat. [...] Die Opferinszenierung nehmen wir ihm so nicht ab. […] Wir haben nicht unser gesamtes Ensemble - wir machen ja immer noch Theater - im Griff. Die Auftritte organisieren sich die Darsteller meistens selbst und sie stürmen auch selbst auf die Bühne. Meistens auch mit Texten, die sie selber geschrieben haben. Darüber sind wir sehr glücklich."

(Philipp Ruch im "Kulturzeit"-Gespräch)

Am 27. November hatte die Gruppe mitgeteilt, dass eine der Stelen des Mahnmals "vom Nachbargrundstück aus" beschädigt worden sei. Eine Polizeisprecherin hatte den Eingang einer entsprechenden Anzeige bestätigt. Schon am 24. November hatte eine Sprecherin der Künstlergruppe dem Evangelischen Pressedienst gesagt, dass Polizeischutz und Sicherheitslage vor Ort nicht ausreichend seien. Es habe zahlreiche Morddrohungen gegeben.

"Wir leben doch in einem Land, in dem wir davon ausgehen, dass Salafisten und Rechtsterroristen, genauso wie Linksterroristen, überwacht werden. Und wenn das nicht geschieht, dann muss das in die Köpfe und darf durchaus von der Kunst thematisiert werden." Im Unterricht hätte er früher gelernt, so Ruch, dass "da, wo der Staat versagt, die Zivilgesellschaft einspringen muss".

(Philipp Ruch im "Kulturzeit"-Gespräch)

Auch der künstlerische Leiter des ZPS, Philipp Ruch, hatte den Polizeischutz am 24. November als vollkommen unzureichend kritisiert. "Wir sind am Tag drei der Aktion und haben noch keinen Ansprechpartner bei der Polizei", so Ruch. So gebe es von Seiten der Polizei auch keine Informationen über die Bedrohungslage. Als Begründung habe die Polizei mitgeteilt, es werde gegen Mitarbeiter des ZPS wegen einer Strafanzeige ermittelt. Ruch erklärte dazu: "Wir wissen nichts von einer Strafanzeige." Das ZPS habe aber seinerseits nun beim Landeskriminalamt Berlin wegen Todesdrohungen Strafanzeige gestellt.

Das ZPS hatte 24 Betonstelen in Sichtweite von Höckes Haus im thüringischen Bornhagen aufgestellt - aus Protest gegen eine umstrittene Rede Höckes im Januar 2017 in Dresden über den Massenmord an den europäischen Juden. Darin hatte Höcke das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet und "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert.

Künstlerinitiative mietet Nachbargrundstück zur Beobachtung
"Weil Höcke ein 'heimlicher Verehrer' des Denkmals ist, bauen wir es ihm jetzt direkt vors Haus", erklärten die Aktionskünstler in einem Video am 22. November 2017. Sie wohnten seit zehn Monaten "Zaun an Zaun zum Posterboy der Rechten" und beobachteten seitdem aus der Nachbarschaft das Treiben des thüringischen AfD-Fraktionsvorsitzenden.

Wir wollen und können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht auf sich beruhen lassen. Auch nicht nach fast einem Jahr ohne Distanzierung. Die Erinnerung muss gerade in den braunen Ecken des Landes in Beton gegossen werden."

(Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des ZPS)

Der Thüringer Verfassungsschutz habe über Jahre den rechtsextremen Terror der NSU protegiert und gedeckt. Deshalb habe das ZPS den "Zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz Thüringen" gegründet. Weil das Bundesamt für Verfassungsschutz Björn Höcke nicht beobachte, laufe an dessen Wohnort nun "die aufwendigste Langzeitbeobachtung des Rechtsradikalismus in Deutschland".

© Youtube Zentrum für politische Schönheit Das ZPS forderte Höcke zum Kniefall auf.
Das ZPS forderte Höcke zum Kniefall auf.
Die Künstlergruppe hatte Höcke dazu aufgefordert, vor dem Denkmal in Berlin oder dem Nachbau in Bornhagen auf die Knie zu fallen - wie einst Bundeskanzler Willy Brandt - und um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu bitten. Dann werde "die zivilgesellschaftliche Überwachung vorerst eingestellt". "Andernfalls wird die Zivilgesellschaft in die gewonnenen Erkenntnisse unter dem Motto 'Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser' mit einbezogen", hieß es. Mehrere aufschlussreiche Dossiers stünden zur Veröffentlichung bereit.

Reine Fake-Überwachung
Am 1. Dezember nun veröffentlichte das ZPS eine Pressemeldung, gepaart mit einem Youtube-Video, das Einblick in die "zehnmonatige Überwachung" gibt. Das ZPS erklärt darin, dass der Großteil der über Höcke veröffentlichten und auf der Webseite verwendeten Informationen von ihm selbst über soziale Medien veröffentlicht worden sei. Man habe das Profil seit zehn Monaten überwacht "und dort veröffentlichte Posts analysiert und zugehörige Standorte nachrecherchiert".

Die Staatsanwaltschaft Mühlhausen hatte auf Grundlage der Kniefall-Forderung Medienberichten vom 27. November zufolge Ermittlungen wegen des Verdachts der versuchten Nötigung gegen das ZPS eingeleitet. Eine Sprecherin des ZPS sagte dem epd am 28. November, man sei inzwischen von der Kniefall-Forderung abgerückt.

Reaktionen auf die Kunstaktion
Die Mitinitiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, hatte den Nachbau des Denkmals begrüßt: "Das ist eine wunderbare Idee." Die Aktion so kurz vor der Weihnachtszeit sei eine "herrliche Bestrafung" für Höcke. So müsse er vor seinem Haus den Nachbau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas erdulden. Ein Kreis um Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel (1929-2017) hatte den Bau des Mahnmals angeregt. Das Denkmal mit 2711 Betonstelen war 2005 eröffnet worden. Die Mahnmal-Stiftung in Berlin wollte sich zu der Aktion auf Anfrage nicht äußern.

Doch nicht allen gefällt die Aktion: Wie eine Reporterin von MDR Kultur am 22. November berichtete, wurden Medienvertreter von einer etwa 20 Mann starken "Bürgerwehr" beleidigt, unter anderem als "Jesuitenpack", "Bolschewiken" und "Arschlöcher" beschimpft. Später dann vom Gelände gedrängt. Anschließend hatten sie mit einem AfD-Plakat den Einfahrt zum Gelände versperrt.

Thüringens Landtagspräsident Christian Carius hatte zudem am 23. November ein Ende der mutmaßlichen Beobachtung Höckes gefordert. Er habe Innenminister Georg Maier (SPD) in einem Telefonat aufgefordert, dagegen einzuschreiten, so Carius.

Weitere Kunstaktionen des ZPS ...

Showdown einer Kunstaktion - "Flüchtlinge Fressen" / Sonderflug abgesagt  (2016) © dpa Showdown einer Kunstaktion - "Flüchtlinge Fressen" / Sonderflug abgesagt (2016)
Bestatten in Berlin - Protestaktion für ertrunkene Flüchtlinge (2015) © dpa Bestatten in Berlin - Protestaktion für ertrunkene Flüchtlinge (2015)

 

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr in 3sat
Kulturzeit-Gespräch mit ...
© ZDFVideoPhilipp Ruch, Leiter des Zentrums für Politische Schönheit
(28.11.2017)
Dokumentation
Die Kunst der Provokation
Ein Künstlerkollektiv macht Demokratie
Info
Der Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals soll laut dem Zentrum bis 2019 auf dem Nachbargrundstück Höckes stehenbleiben. Für die veranschlagten Kosten von 28.800 Euro suchen die Aktionskünstler noch Unterstützer. Bis zum Vormittag des 22. November waren bereits knapp 22.500 Euro an Spenden reingekommen.
Info
Zentrum für politische Schönheit
Das "Zentrum für Politische Schönheit" versteht sich als "Schnittstelle" zwischen Aktionskunst und Menschenrechten. 2015 überführten angeblich die Aktionskünstler ertrunkene Flüchtlinge, die an der europäischen Außengrenze anonym verscharrt worden waren, nach Berlin und beerdigten sie in Parks und auf Plätzen. Zum Mauerfall-Gedenken 2014 entführte das Team die Mauerkreuze aus dem Regierungsviertel und montierte sie an den EU-Außengrenzen.