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"Man kann keine Gegenwart erleben und genießen ohne die Vergangenheit und den Blick in die Zukunft. Das gehört zusammen", sagt Daniel Barenboim anlässlich seines 75. Geburtstages.
"Man kann keine Gegenwart erleben und genießen ohne die Vergangenheit und den Blick in die Zukunft. Das gehört zusammen", sagt Daniel Barenboim anlässlich seines 75. Geburtstages.
Von der Musik fürs Leben lernen
Daniel Barenboim zum 75. Geburtstag
Seit einem Vierteljahrhundert steht Daniel Barenboim an der Spitze der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Am 15. November 2017 feiert der in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Dirigent und Pianist seinen 75. Geburtstag. Sich selbst macht Barenboim das wohl schönste Geburtstagsgeschenk: Zusammen mit dem Dirigenten Zubin Mehta tritt er in der Berliner Philharmonie als Solist am Klavier auf.
Politiker gratulierten Barenboim bereits am Vortag. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) etwa würdigte den Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden als musikalisches Ausnahmetalent. Sein Engagement für Versöhnung und Frieden sei ein Vorbild, sagte sie. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nannte den Dirigenten und Pianisten "ein Geschenk für unsere Stadt". Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte Barenboim einen mutigen Staats- und Weltbürger. Barenboim verkörpere die verbindende Kraft der Musik. Sein West-Eastern Divan Orchestra mit jungen Musikern aus Israel und der arabischen Welt sei "ein politisches und künstlerisches Wunder" und eine "verwirklichte Utopie", so Steinmeier.

Daniel Barenboims Leben war von Beginn an voller Musik. 1942 wurde er in Buenos Aires als Sohn zweier Klavierlehrer geboren. "Für mich spielte die Musik immer die wichtigere Rolle vor anderen Erfahrungen", sagt er. "Ich kannte praktisch keine Leute, die nicht Klavier spielten, in meiner kindlichen Auffassung spielte alle Welt Klavier." Schon mit sieben Jahren gab er Beethovens Klaviersonaten zum Besten. "Man sagt ja immer, um eine Beethoven-Sonate zu spielen, braucht man eine bestimmte Reife", so Barenboim. "In meinem Fall war das umgekehrt: Ich habe schon früh zum Beispiel die Sonaten gespielt und damit von der Musik für das Leben gelernt." Das Wunderkind interessierte sich aber gleichfalls für das Dirigieren. 1954, mit zwölf Jahren, belegte er Dirigierkurse bei Igor Markevitch in Salzburg und wurde Wilhelm Furtwängler vorgestellt, der ihn als "Phänomen" bezeichnete.

Junger Weltruhm
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Schon in jugendlichem Alter eilte dem jungen Barenboim sein Ruf als genialischer Musiker bei seinen Konzerten als Pianist auf der ganzen Welt voraus. In den 1960er Jahren spielte er mit Otto Klemperer die fünf Klavierkonzerte von Beethoven sowie mit Sir John Barbirolli die beiden Klavierkonzerte von Brahms ein und nahm in der Doppelfunktion als Pianist und Dirigent alle Mozart-Klavierkonzerte mit dem English Chamber Orchestra auf. Wie sein zweites großes Vorbild, Edwin Fischer, wurde Barenboim im Laufe der Zeit ein dirigierender Pianist. Seit 1967 stand er nun immer öfter vor den Orchestern in Berlin, New York und Paris. Im Juli 1987 wurde er künstlerischer Direktor der Pariser Bastille-Oper. Im gleichen Jahr musste er aber auch einen schweren persönlichen Schicksalsschlag verkraften: Seine erste Frau, die herausragende britische Cellistin Jacqueline Du Pré, starb 1987 nach langem Leiden an Multipler Sklerose. In der Nachfolge von Georg Solti ging Barenboim 1991 als Chefdirigent zum Chicago Symphony Orchestra, ein Jahr später trat er gleichzeitig an die Spitze der Berliner Staatsoper.

Hören und aktives Musizieren stehen für Barenboim gleichberechtigt nebeneinander - wie im Orchester, wo jeder Musiker alles von sich gibt, aber auch auf die anderen hören müsse. Diese Idee steht auch hinter der Barenboim-Said-Akademie, die er Anfang 2017 für sein West-Eastern Divan Orchestra in Berlin eröffnete. Beim Nahost-Konflikt gehe es nämlich auch um das Erlernen gegenseitiger Wahrnehmung. "Ich kämpfe gegen die Ignoranz - der Israelis und der Palästinenser", sagt Daniel Barenboim und erhofft sich von beiden Seiten Verständnis für die jeweils andere Sicht der Geschichte.

"Kein politisches, sondern ein humanistisches Projekt"
"Das West-Eastern Divan Orchestra ist kein politisches, sondern ein humanistisches Projekt", sagt er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. "Im Konflikt von Israel und Palästina haben wir es nämlich mit einem menschlichen Problem zu tun: Zwei Völker beanspruchen dasselbe Stück Land für sich. Politische Probleme bestehen zwischen Staaten. Deswegen habe ich mit meinem Freund, dem Literaturwissenschaftler Edward Said (1935-2003), das Projekt begonnen. Die Akademie ist die andere Seite der Medaille: Junge Musiker, die meistens nur ihr Instrument üben, sollen hier eine Verbindung zur Kultur und dem intellektuellem Leben bekommen."

Barenboim nutzt die Bühne (und neuerdings auch YouTube) als Podium, um sein unermüdliches Einstehen für Volkerverständigung und Frieden mit dem Publikum zu teilen. Ans Aufhören denkt Daniel Barenboim noch nicht. Auch sein gesellschaftliches Engagement will er ausweiten: "Ich möchte etwas für die musikalische Bildung an Schulen unternehmen", so der Maestro über seine Vorhaben in nächster Zeit. "Denn wir müssen uns keine Illusionen machen: Wenn wir musikalische Bildung nicht fördern, gibt es in 50 Jahren kein Musikleben mehr."

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