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Dizzy Gillespie zählt zu den Legenden des Modern Jazz. Nun jährt sich seine Geburt zum 100. Mal.
Dizzy Gillespie zählt zu den Legenden des Modern Jazz. Nun jährt sich seine Geburt zum 100. Mal.
Making me Dizzy
Dem Jazztrompeter Dizzy Gillespie zum 100.
Seine virtuosen Trompetensoli faszinieren noch heute: Dizzy Gillespie, ein Kreativer auf ganzer Linie, der viel zur Entwicklung des Jazz zu einer eigenen Musikform beitrug, auch zum Bebop, dem modernen Jazz, später zum Latin-Jazz. Am 21. Oktober 2017 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.
Diese Trompete! Ein Unikum. Ein Konzertbesucher war über Dizzy Gillespies abgestellte Trompete gestolpert und hatte sie beim Sturz nach oben verbogen. Ihr Ton veränderte sich, das gefiel Gillespie - und er ließ von da an seine Trompeten mit dieser Biegung anfertigen. Miles Davis sagte einmal über ihn: "Dizzy hat mich wohl am meisten beeinflusst." Dizzy Gillespie, ein Mann, der nur so sprühte vor Ideen.

Dizzy for President!
Das Weiße Haus in Washington wollte er am liebsten in "Blues House" umbenennen. US-Präsident wollte er werden, bewarb sich 1964 um das Amt, "weil wir einen brauchen", wie er sagte. Er nominierte auch gleich sein Team: Duke Ellington sollte Kabinettchef werden, Miles Davis CIA-Direktor, Louis Armstrong Landwirtschaftsminister, der schwarze Bürgerrechtler Malcolm X Justiz- oder Innenminister. Wer war dieser Dizzy Gillespie?

John Birks Gillespie wurde 1917 in eine kinderreiche Familie in Cheraw in South Carolina im Süden der USA geboren. Sein Vater, ein Maurer, war ein begeisterter Amateurmusiker und sorgte dafür, dass Gillespie schon in jungen Jahren mehrere Instrumente erlernte, zunächst Klavier, dann Schlagzeug, Posaune, Tuba und schließlich Trompete. Mit 14 Jahren trat Gillespie erstmals in Philadelphia professionell auf, mit 20 tourte er bereits mit dem Teddy-Hill-Orchester durch Europa. Bei dieser Gelegenheit erwarb er sich den Spitznamen "Dizzy", der "leicht durchgedreht" bedeutet. Teddy Hill erinnerte sich später, dass einige seiner Musiker gedroht hätten, die Band zu verlassen, wenn er den "Verrückten" mitnehme.


Einer der Väter des modernen Jazz
© AP Gillespie spielte stets auf einer aufrecht gebogenen Trompete.
Gillespie spielte stets auf einer aufrecht gebogenen Trompete.
In den 1940er Jahren spielte Dizzy Gillespie in großen Swing Bands und machte sich schnell einen Namen als einer, der anders spielte als alle anderen. In dem Saxofonisten Charlie Parker fand er einen Seelenverwandten. 1941 spielten die beiden das erste Mal zusammen im Savoy Ballroom in Harlem. Bis zu Parkers frühem Tod 1955 revolutionierten die beiden den Jazz. Mit dem Bebop fingen sie die Nervosität der 1940er Jahre ein. Die für die damalige Zeit rasend und "nervös" erscheinenden Phrasen seien für den Bebop charakteristisch, so Joachim-Ernst Berendt in "Das Jazz Buch". "Alles wird fortgelassen, was sich nicht von selbst versteht", soll ein Bebop-Musiker einmal gesagt haben. Zusammen zeichneten Gillespie und Parker die Stücke "Groovin' high", "Dizzy Atmosphere", "Salt Peanuts" und "Hot House" auf. Sie standen aber bei Weitem nicht alleine hinter dieser Erneuerung des Jazz: Maßgeblich beteiligt waren auch der Pianist Thelonious Monk, der Schlagzeuger Kenny Clarke und der Gitarrist Charlie Christian.

1946 baute Dizzy Gillespie seine erste eigene Band auf, zehn Jahre später die zweite, erfolgreichere mit Quincy Jones als Komponist und Arrangeur. Mit einer Big Band sei er stets zu voller Form aufgelaufen, sagten viele seiner Kollegen. Gefördert vom US-Außenministerium, ging Gillespie mit seinen Bands auf zahlreiche Welttourneen und wurde zum Botschafter der US-Kultur. Er spielte aber nicht nur, sondern tanzte, sang und unterhielt das Publikum mit Witzen. "Dizzy Gillespie ist ein besserer Diplomat als alle Diplomaten, die die USA je in diesem Teil der Welt gehabt haben", schrieb eine Zeitung anlässlich seines Konzerts 1956 auf dem Höhepunkt der Zypernkrise in Athen.

Dieser Rhythmus!
Noch ein weiteres Mal gab Gillespie dem Jazz neue Impulse: Bei seiner zweiten Europa-Tournee 1948 brachte er, lange bevor Weltmusik zum Trend wurde, kubanisch-afrikanische Rhythmen ins Spiel, die den Jazz erneut veränderten, etwa beim legendären "Pleyel Concert". Auch von lateinamerikanischen Rhythmen wie dem Bossa Nova und Salsa ließ er sich inspirieren. Gillespie trat auf unzähligen Konzerten mit den unterschiedlichsten Künstlern auf. Seine große Virtuosität auf der Trompete machte ihn zum Vorbild vieler Musiker.


Zeitlebens kämpfte Dizzie Gillespie gegen die Rassendiskriminierung in den USA. Auch seine Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten stand unter diesem Zeichen. Die Mehrheit der US-Amerikaner wählte ihn zwar nicht, dafür kürte ihn 1989 eine Stammesgruppe in Nigeria zum Häuptling. Und die Musikwelt ehrte ihn mit zahlreichen Preisen, darunter zwei Grammys. Sein Eintreten gegen Rassismus führte Gillespie um 1970 zum Glauben der Bahai, einer Religion, die im 19. Jahrhundert in Persien als Reformbewegung des Islam aufkam und sich gegen Rassismus und für Völkerverständigung einsetzt.

1988 gründete er das United Nation Orchestra, mit dem er Ägypten, Marokko und etwas später Kanada und Südamerika bereiste. Aus dem "Clown des Bebop" war eine Integrationsfigur des Jazz geworden. 1992 gab der beliebte Musiker sein letztes öffentliches Konzert in Seattle. Am 6. Januar 1993 starb Dizzy Gillespie in Englewood, New Jersey, im Alter von 75 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags
live um 19.20 Uhr
Porträt
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