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Ishiguro wusste noch nichts von seiner Auszeichnung, als sein Name am 5. Oktober in Stockholm verkündet wurde. Sie habe ihn zuvor nicht erreicht, sagte Jury-Chefin Sara Danius.
Literaturnobelpreis an Kazuo Ishiguro
Höchste literarische Ehrung für japanisch-britischen Literaten
Der Nobelpreis 2017 für Literatur geht an Kazuo Ishiguro (62). Das teilte die Schwedische Akademie am 5. Oktober 2017 in Stockholm mit. Ishiguro werde für "seine Romane von starker emotionaler Kraft" ausgezeichnet, so die Akademie.
Von Anfang an habe er eine eigene Stimme gehabt, sagte Jury-Chefin Sara Danius am 5. Oktober 2017 der Deutschen Presse-Agentur. "Ich sehe einen interessanten Kontrast zwischen seinem Stil und der Handlung, die er wachruft." Sein Schreibstil sei sehr zurückhaltend, diskret, eher einfach und zart. Zugleich beschreibe er - wenn man zwischen den Zeilen lese - dramatische Events. "Er ist ein außergewöhnlicher Autor in vielerlei Hinsicht", sagte Danius. Die Jury-Chefin beschrieb den Briten als Mix zwischen Jane Austen und Franz Kafka. Er habe die Sittenkomödie und die psychologische Einsicht Austens zusammengefügt mit Kafkas Erkundung existenzieller Absurdität des Alltags. Romane wie "Was vom Tage übrig blieb" oder "Alles, was wir geben mussten" haben den japanisch-britischen Schriftsteller berühmt gemacht.

Dokumentation, 09.12.2017, 19.45 Uhr in 3sat

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Erzähler einer fließenden Welt
Der Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro

Was macht einen Menschen zum Menschen, was bedeutet Menschlichkeit angesichts der Brutalität der Geschichte? Danach fragen die Bücher des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro.
Dokumentation ...

 

Ishiguro: "In die Fußstapfen der größten Autoren"
Ishiguro selbst wusste noch nichts von seiner Auszeichnung, als sein Name am 5. Oktober in Stockholm verkündet wurde. Die Nachricht vom Literaturnobelpreis hielt er zunächst für einen Scherz. Er habe zunächst keinen Kontakt zum Nobel-Komitee gehabt und sei deshalb nicht sicher gewesen, ob es stimme, sagte er der BBC. Die Auszeichnung sei absolut schmeichelhaft. "Es ist eine große Ehre, vor allem, weil es bedeutet, dass ich in die Fußstapfen der größten Autoren trete, die es gab", sagte der 62-jährige Brite mit japanischen Wurzeln. Er hoffe, die Nobelpreise könnten Gutes in der Welt bewirken. "Ich wäre sehr berührt, wenn ich in irgendeiner Weise zu einer positiveren Atmosphäre in diesen sehr unsicheren Zeiten beitragen könnte."

Mediathek ...

<b>GESPRÄCH mit ...</b> Kazuo Ishiguro<br /> (17.09.2015) © AP
GESPRÄCH mit ... Kazuo Ishiguro
(17.09.2015)
<b>GESPRÄCH mit ... </b> Ursula März, Literaturkritikerin<br />(05.10.2017) © ZDF
GESPRÄCH mit ... Ursula März, Literaturkritikerin
(05.10.2017)

 

1989 war Kazuo Ishiguro bereits mit dem renommierten britischen Man-Booker-Preis für "Was vom Tage übrig blieb" geehrt worden. 2015 erschien sein Roman "Der begrabene Riese", für den er eine Fantasiewelt als Schauplatz gewählt hat, "damit die Leser mehr über die Figuren nachdenken als über ihre Umwelt", so Ishiguro. Die Handlung ist im Britannien des 5. Jahrhunderts angesiedelt, in einem nach Kämpfen zwischen den Briten und Angelsachsen verwüsteten Land. Ishiguro, geboren am 8. November 1954 im japanischen Nagasaki, kam im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Großbritannien. Heute lebt er mit seiner Familie in London.

Weidermann: "Bücher wie auf Katzenpfoten"
"Was für eine großartige Wahl!" - mit diesen Worten hat der Literaturkritiker Volker Weidermann ("Der Spiegel", "Das Literarische Quartett") auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an Kazuo Ishiguro reagiert. "Kein anderer Schriftsteller unserer Zeit kann mit so leisen, diskreten, vorsichtigen Romanen so tief und intensiv in das Leben seiner Helden vordringen. Er schreibt Bücher wie auf Katzenpfoten", sagte Weidermann der Deutschen Presse-Agentur. "Möge der Lärm des Nobelpreisruhms, der nun über ihn hereinbricht, nicht die herrliche Stille seiner Bücher stören. Denn wir brauchen noch viel leise Ishiguro-Meisterwerke!"

Auch Literaturkritiker Denis Scheck hat sich "begeistert" über die Vergabe des Literaturnobelpreises an Ishiguro geäußert. "Die schwedische Akademie hat mit dieser Entscheidung ihr Brett vor dem Kopf in ein Fenster zur Welt verwandelt", sagte Scheck der Deutschen Presse-Agentur am 5. Oktober nach der Bekanntgabe in Stockholm. "Ishiguro ist ein idealer Brückenbauer nicht nur zwischen Japan und Großbritannien, sondern auch zwischen der fantastischen Literatur und Science Fiction hin zum bürgerlichen Roman", so Scheck.

Das Internationale Auschwitz-Komitee zeigte sich ebenfalls hocherfreut. "Ishiguro hat in seinem Werk viel zu einem Erinnerungsprozess beigetragen, der weltweit Menschen berührt und auf die Reise zu sich selber schickt", erklärte Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner in einer Mitteilung. Der Autor habe vor etlichen Jahren auf Einladung des Komitees die Gedenkstätten Auschwitz und Birkenau besucht.

Überraschende Entscheidungen
Die Jury aus Schriftstellern, Historikern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern wählte den Preisträger aus fünf Kandidaten auf einer Shortlist aus. 2016 hatte sie völlig überraschend Rockmusiker Bob Dylan für seine poetischen Neuschöpfungen in der amerikanischen Songtradition ausgezeichnet - eine umstrittene Entscheidung. Dass sie die höchste literarische Ehrung 2017 dem Schriftsteller Kazuo Ishiguro zugedacht hat, betrachtet die Schwedische Akademie indes nicht als Gegengewicht zu ihrer umstrittenen Entscheidung 2016 für Bob Dylan. Es gehe bei der Vergabe des Nobelpreises nicht darum, Kontroversen zu vermeiden, sagte Jury-Chefin Sara Danius am 5. Oktober. Der Nobelpreis ist mit umgerechnet rund 940.000 Euro (neun Millionen Schwedischen Kronen) dotiert. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war die Schriftstellerin Herta Müller 2009.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Dokumentation
"Erzähler einer fließenden Welt"
Der Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro
Film von Michael Schmitt
Samstag, 09.12.2017
um 19.45 Uhr in 3sat
Hintergrund
Frühere Literaturnobelpreisträger
2016: Bob Dylan (USA)
2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)
2014: Patrick Modiano (Frankreich)
2013: Alice Munro (Kanada)
2012: Mo Yan (China)
2011: T. Tranströmer (Schweden)
2010: Vargas Llosa (Peru)
2009: Herta Müller (Deutschland)
2008: J.-M.G. Le Clézio (Frankreich)
2007: Doris Lessing (Großbritannien)
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)
2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
2003: John M. Coetzee (Südafrika)
2002: Imre Kertész (Ungarn)
2001: V.S. Naipaul (GB/Trinidad)
2000: Gao Xingjian (China/FR)
nano
Die Nobelpreise 2017