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Eugen Gomringer veröffentlichte das Gedicht "avenidas" 1953 in der Schweizer Zeitschrift "Spirale". Jetzt schmückt es eine Wand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf.
Wirbel um Wandgedicht
Diskussion um Eugen Gomringers "avenidas" an Berliner Hochschule
"avenidas", das Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer, ist 60 Jahre alt. Seit 2011 ziert es eine Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf. Noch: Denn der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) will, dass es wegkommt. Die Kritik: "avenidas" sei sexistisch.
"Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren", schreibt der AStA in einem offenen Brief. Es erinnere auch unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."

Das Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer
"avenidas / avenidas y flores / flores / flores y mujeres / avenidas / avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujeres y / un admirador"

"alleen / alleen und blumen / blumen / blumen und frauen / alleen / alleen und Frauen / alleen und blumen und frauen und / ein bewunderer"

"Reiner Blödsinn!", so die Reaktion von Eugen Gomringer im Gespräch mit "Vice". "Es ging nie darum, jemanden zu diskreditieren." Das Werk des in Bolivien geborenen 92-Jährigen handelt von einem "Bewunderer", der sich Alleen, Blumen und Frauen anschaut. "Es geht mir um verbindende Element, um das 'und' oder im Spanischen 'y' und die dadurch entstehende bildliche Konstellation", so Gomringer. "Das Gedicht erzeugt eine schöne, positive Stimmung." 2011 war das Werk mit dem Poetik-Preis der Hochschule ausgezeichnet und anschließend an die Fassade der Hochschule gemalt worden.

 

<b>INTERVIEW</b> mit Thomas Wohlfahrth, Leiter des Hauses der Poesie (14.09.2017) © ZDF
INTERVIEW mit Thomas Wohlfahrth, Leiter des Hauses der Poesie (14.09.2017)
<b>GESPRÄCH</b> mit  Nora Gomringer, Lyrikerin und Tochter Eugen Gomringers (06.09.2017) © dpa
GESPRÄCH mit Nora Gomringer, Lyrikerin und Tochter Eugen Gomringers (06.09.2017)

 

Ende Juli 2017 nun veröffentlichte die Hochschule als Reaktion auf die Diskussion um das Gedicht einen Aufruf zur Neugestaltung der Fassade. "Wir nehmen die kritischen Stimmen der Studierenden ernst und möchten diesen Rechnung tragen", teilte Rektor Uwe Bettig am 30. August 2017 mit. Er persönlich empfinde das Gedicht und die Anbringung auf der Fassade als gelungenes Kunstwerk.

Die Präsidentin des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Regula Venske, forderte die Leitung der Hochschule sowie die Studierenden derweil Anfang September dazu auf, sich mit allem Nachdruck für den Erhalt und damit für die Freiheit des dichterischen Wortes einzusetzen. Eine Hochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung könne nicht mit Zensur dem gesellschaftlichen Auftrag für Erziehung und Bildung nachkommen, kritisierte die Präsidentin. Das Handeln des AStA verurteilte Venske als "barbarischen Schwachsinn". Sie appellierte an die Studenten, sich für "Vernunft und Verstand und die Wertschätzung von Freiheit und Schönheit" einzusetzen. Bis zum 15. Oktober können Studenten und Mitarbeiter Vorschläge einreichen. Danach folgt eine Online-Abstimmung.

Stellungnahme des Hauses der Poesie
Am 13. September 2017 äußerte sich das Haus der Poesie, das in der Jury für die Vergabe des Alice-Salomon-Poetik-Preises sitzt, in einer Pressemitteilung:

"Sollte das Gedicht von dem Preisträger Eugen Gomringer tatsächlich von der Fassade der Hochschule entfernt werden, steht das Haus für Poesie nicht mehr als Partner für den Poetik-Preis der Alice-Salomon-Hochschule zur Verfügung", so der Leiter des Hauses, Thomas Wohlfahrt.

Der geäußerten Kritik an Eugen Gomringers Gedicht fehle es völlig an Verständnis, heißt es in der Stellungnahme weiter. "Kritik oder vielmehr Unverständnis mit der Entfernung von Eugen Gomringers Gedicht öffentlich werden zu lassen, stellt nach unserer festen Überzeugung selbst eine Diskriminierung des Autors und der Kunst dar." Die Freiheit der Kunst sei "ein hohes Gut demokratischer Gemeinwesen", das durch dergleichen Beschränkungen nicht infrage gestellt werden dürfe.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Link
Nora Gomringers Kommentar auf Facebook (31.08.2017)
Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin und Bachmann-Preisträgerin ist Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg und Tochter von Eugen Gomringer.