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Beitrag (26.02.2018)Beitrag (26.02.2018) Interview Thomas WohlfahrthInterview Thomas Wohlfahrth
Eugen Gomringer veröffentlichte das Gedicht "avenidas" 1953 in der Schweizer Zeitschrift "Spirale". Jetzt schmückt es eine Wand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf.
Das Wandgedicht kommt weg
Eugen Gomringers "avenidas" an Berliner Hochschule wird übermalt
"avenidas", das Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer, ist über 60 Jahre alt. Seit 2011 ziert es eine Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf. Doch am 23. Januar 2018 beschloss der Akademische Senat der Hochschule mehrheitlich: Das angeblich sexistische Wandgedicht muss weg - und die Entscheidung sorgt seitdem für massive Diskussionen.
Am 25. Februar 2018 stellte Eugen Gomringer im Wilhelm-Morgner-Museum in Soest seine Art der Konkreten Poesie vor und erklärte, wie er schreibt, warum er schreibt. Sein Gedicht "avenidas" sei für ihn "vor allen Dingen Struktur. Eine Struktur. Da drin biete ich einige Begriffe, das Ganze gibt eine gute Stimmung für mich", so der 93-Jährige gegenüber "Kulturzeit". Und er ergänzte:

"Wenn andere andere Antennen haben, der Wahrnehmung, dann muss man das so lassen, da kann man nicht viel machen. Sie können sich wehren und sagen, das sind Ignoranten. Was ich am Anfang gesagt habe, weil sie nicht recherchiert haben. Sie haben sich nicht interessiert, in welchem Zusammenhang mein Gedicht entstanden ist, wann es entstanden ist, das haben sie nicht beachtet."

Gomringer vermisst Offenheit
In der Debatte vermisst Gomringer die Offenheit, mit der man seiner Kunst gegenübertreten soll, erklärt er gegenüber "Kulturzeit". Diese ist dem Schweizer mit bolivianischen Wurzeln, der in Deutschland lebt, enorm wichtig. Von den Studierenden fühlt er sich missverstanden. "Wir haben die Schule eingeladen zu uns zu kommen, nach Rehau", so Gomringer. Das hätten sie auch gemacht - mit drei Professorinnen und zwei Studenten, bei Kaffee und Kuchen. Doch man könne sich nicht aussprechen, "wenn eine Theorie so festgefahren ist. Was soll man da miteinander reden? Ich bin der Offene, ich biete nur eine Struktur an. Dass man sie so falsch verstehen kann, das ist gar nicht gemeint."

Nach wie vor hadert Gomringer mit der geplanten Entfernung seines angeblich sexistischen Gedichts. Das wurde auch am 26. März 2018 bei einer Podiumsdiskussion mit den verantwortlichen Hochschulvertretern in Berlin deutlich: "Ich habe die ganze Debatte nicht verstanden", sagte der 93-Jährige.

Zitat:
"Es geht nicht um die Frage, was kann und was darf Kunst. In dem Fall geht es um die Frage: Was darf Kunst nicht? Die Schule sagt, was Kunst nicht darf."

(Eugen Gomringer)

Die Prorektorin der Hochschule, Bettina Völter, verteidigte die Entscheidung, räumte aber auch Fehler ein. So sei Gomringer erst spät über die Diskussion informiert worden. "Eigentlich ist nichts Schlimmes passiert, außer dass sich Wissenschaft und Kunst reiben", sagte sie. Die Sprecherin der Studentenvertretung entschuldigte sich bei dem Autor für den "Tsunami" an Reaktionen, den die Debatte auslöste. "Es tut mir leid, was Sie erlebt haben. Es tut mir aber auch leid, was wir erlebt haben", sagte sie.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hatte die geplante Übermalung am 25. Januar als überzogen bezeichnet. "Ich halte den Vorwurf des Sexismus gegen den Dichter Eugen Gomringer für absurd", sagte Lederer. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte die Entscheidung schon am 24. Januar als "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei" kritisiert. Kunst und Kultur bräuchten Freiheit, betonte Grütters. Zudem bräuchten Kunst und Kultur den Diskurs. Das sei eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte. "Wer dieses Grundrecht durch vermeintliche 'political correctness' unterhöhlt, betreibt ein gefährliches Spiel."

Haus der Poesie stellt Kooperation ein
Am 24. Januar hatte zudem das Haus der Poesie, das in der Jury für die Vergabe des Alice-Salomon-Poetik-Preises sitzt, verkündet, dass es "mit sofortiger Wirkung als Kooperationspartner des Alice-Salomon-Poetik-Preises zurücktritt". Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses, erklärte sich in einer Pressemitteilung "entsetzt darüber, dass die Alice Salomon Hochschule diesen Beschluss umsetzt, ohne sich bei Eugen Gomringer zu entschuldigen und die aus der Luft gegriffenen Vorwürfe des Sexismus zu revidieren". Eugen Gomringers Ruf bleibe beschädigt und der Preis sei "diskreditiert". "Das Haus für Poesie wird nicht dazu beitragen, Künstlerinnen und Künstlern diesem misslichen Kapitel, für das die Hochschulleitung der ASH verantwortlich ist, auszusetzen." Bereits am 13. September 2017 hatte das Haus in einer Pressemitteilung genau diese Entscheidung angekündigt.



Was war passiert? Angehörige der Hochschule hatten moniert, Gomringers auf Spanisch verfasstes Gedicht könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden. "Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren", hatte der AStA in einem offenen Brief geschrieben. Es erinnere auch unangenehm an sexuelle Belästigung, "der Frauen alltäglich ausgesetzt sind".

Gomringer: "Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie"
"Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie", hatte der 93-Jährige nach der Entscheidung am 23. Januar der Deutschen Presse-Agentur erklärt. Er behalte sich rechtliche Schritte vor. Es gehe den Verantwortlichen letztlich um die Entfernung eines "nicht weichgespülten Gedichts" im Sinne einer falsch verstandenen political correctness. Sollte sich der Schritt nicht vermeiden lassen, habe er die Hochschulleitung aufgefordert, mit drei Plakaten an sein Gedicht und die Debatte darum zu erinnern.

Schon direkt nach dem offenen Brief 2017 hatte Eugen Gomringer im Gespräch mit "Vice" reagiert: "Reiner Blödsinn!" Es sei nie darum gegangen, "jemanden zu diskreditieren." Das Werk des in Bolivien geborenen 93-Jährigen handelt von einem "Bewunderer", der sich Alleen, Blumen und Frauen anschaut. "Es geht mir um verbindende Element, um das 'und' oder im Spanischen 'y' und die dadurch entstehende bildliche Konstellation", so Gomringer. "Das Gedicht erzeugt eine schöne, positive Stimmung." 2011 war das Werk mit dem Poetik-Preis der Hochschule ausgezeichnet und anschließend an die Fassade der Hochschule gemalt worden.

Das Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer
"avenidas / avenidas y flores / flores / flores y mujeres / avenidas / avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujeres y / un admirador"

"alleen / alleen und blumen / blumen / blumen und frauen / alleen / alleen und Frauen / alleen und blumen und frauen und / ein bewunderer"

 

<b>INTERVIEW</b> mit Thomas Wohlfahrth, Leiter des Hauses der Poesie (14.09.2017) © ZDF
INTERVIEW mit Thomas Wohlfahrth, Leiter des Hauses der Poesie (14.09.2017)
<b>GESPRÄCH</b> mit  Nora Gomringer, Lyrikerin und Tochter Eugen Gomringers (06.09.2017) © dpa
GESPRÄCH mit Nora Gomringer, Lyrikerin und Tochter Eugen Gomringers (06.09.2017)

 

Ende Juli 2017 hatte die Hochschule als Reaktion auf die Diskussion um das Gedicht einen Aufruf zur Neugestaltung der Fassade gestartet. "Wir nehmen die kritischen Stimmen der Studierenden ernst und möchten diesen Rechnung tragen", hatte Rektor Uwe Bettig am 30. August 2017 mitgeteilt. Er persönlich empfinde das Gedicht und die Anbringung auf der Fassade als gelungenes Kunstwerk.

Die Präsidentin des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Regula Venske, hatte damals die Leitung der Hochschule sowie die Studierenden Anfang September 2017 dazu aufgefordert, sich mit allem Nachdruck für den Erhalt und damit für die Freiheit des dichterischen Wortes einzusetzen. Eine Hochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung könne nicht mit Zensur dem gesellschaftlichen Auftrag für Erziehung und Bildung nachkommen, so die Präsidentin. Das Handeln des AStA verurteilte Venske als "barbarischen Schwachsinn". Sie appellierte an die Studenten, sich für "Vernunft und Verstand und die Wertschätzung von Freiheit und Schönheit" einzusetzen. Bis zum 15. Oktober 2017 konnten Studenten und Mitarbeiter Vorschläge einreichen. Danach folgte eine Online-Abstimmung.

Die aktuelle Poetik-Preisträgerin der Hochschule, Barbara Köhler, die ab Herbst 2018 mit Verszeilen zu Wort kommen wird, verteidigte derweil die Entscheidung des Akademischen Senats. Wenn die Studierenden "patriarchale Denkmuster" in dem Gedicht entdeckten und sie sich deshalb in ihrem schulischen Umfeld nicht wohl fühlten, sei dies zu akzeptieren. Die Lesart der Studierenden sei eine von vielen, aber dennoch legitim, so die Lyrikerin dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Ich finde es abenteuerlich, die Entscheidung als Zensur zu bezeichnen. Niemand will den Text verbieten und niemand will ein Buch einstampfen."

Akademie der Künste präsentiert Gedicht an Fassade
Am 1. Februar hieß es aus Eugen Gomringers nordbayerischem Wohnort Rehau, dass an der Außenwand des städtischen Museums am Marktplatz künftig großflächig das Gedicht "avenidas" zu sehen sein soll, wie Bürgermeister Michael Abraham (CSU) mitteilte. Am 6. Februar hieß es in einer Pressemitteilung der Akademie der Künste in Berlin, man sei "mehr als besorgt über den von kunstfernen Begriffen geprägten Diskurs, der um das Gedicht 'avenidas' ihres Mitglieds Eugen Gomringer entstanden" sei. Die Akademie der Künste werde daher "an exponiertem Ort, der Fassade ihres Gebäudes am Pariser Platz, Eugen Gomringers Arbeit ehren und sein Gedicht 'schweigen' in den öffentlichen Raum stellen. Die Kunstfreiheit muss über eine unsachliche Debatte jederzeit erhaben bleiben."

Schräg gegenüber der Akademie ist vom 22. Februar an das Gedicht zudem auf einem mehr als acht mal zwei Meter großen Banner am Max-Liebermann-Haus in Deutsch und Spanisch zu sehen, wie die Stiftung Brandenburger Tor am ankündigte. Gomringer wird damit in den kommenden Wochen mit großformatigen Gedicht-Präsentationen am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor geehrt. Mit dem Gedicht-Banner an einem der bedeutendsten Plätze Berlins solle ein Zeichen für Toleranz und Freiheit der Kunst gesetzt werden, teilte die Stiftung Brandenburger Tor mit. Kunst dürfe nicht durch kunstfremde Argumente beeinträchtigt, der öffentlichen Wahrnehmung entzogen oder verboten werden.

"Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass wir nicht über diese Schlagworte Sexismus, political correctness, Beschneidungen an der Kunst vornehmen, die unserer Gesellschaft großen Schaden zufügen können. Die Kunstfreiheit ist eines der höchsten Güter unserer Verfassung."

(Pascal Decker, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Brandenburger Tor gegenüber "Kulturzeit")

Am 5. April wurde bekannt, dass die im Bezirk Marzahn-Hellersdorf ansässige Wohnungsgenossenschaft "Grüne Mitte" das Werk übernehmen und an einem ihrer Wohnblocks anbringen, wie Vorstand Andrej Eckhardt dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin mitteilte. Die Genossenschaft sei auf Initiative eines Mitglieds auf Gomringer zugegangen, inzwischen sei auch ein entsprechender Vertrag mit ihm unterschrieben. Mit der technischen Umsetzung rechne er im Laufe des Jahres.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Kulturzeit-Beitrag
© epaVideoSprachpolizei
(06.09.2017)
Reaktion
Guerilla-Aktion von Nora Gomringer
Lyrikerin Nora Gomringer hat in der "Welt" eine Guerilla-Aktion verkündet: Sie wird das Gedicht "avenidas" als Aufkleber "überall hinkleben" und das Ganze unter dem Hashtag #avenidaswall auf Instagram dokumentieren.
Link
Facebook-Statement von Nora Gomringer (engl.)
(24.01.2018)
Link
Nora Gomringers Kommentar auf Facebook (31.08.2017)
Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin und Bachmann-Preisträgerin ist Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg und Tochter von Eugen Gomringer.