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Auf der Suche nach einer gemeinsamen Geschichte Europas ...
Erzähl mir Europa
Ein "Kulturzeit"-Schwerpunkt
Griechenland, die Wiege der Demokratie, der Ursprung Europas. Alles ist in Gefahr zu scheitern: Griechenland, die Demokratie und Europa, das ist in Athen sichtbar, spürbar, hörbar. Wir waren für die "Kulturzeit"-Reihe "Erzähl mir Europa" in den Ländern Europas unterwegs - und wollten den Menschen zuhören.
Wenn die Europäische Union in der Krise ist, so glauben wir, dann auch deshalb, weil sie nie gelernt hat, den Geschichten der einzelnen Mitgliedsländer zuzuhören, sie ernst zu nehmen. So kann keine gemeinsame Erzählung für Europa entstehen. In "Kulturzeit" ist deshalb das zweijährige Projekt "Erzähl mir Europa" entstanden. Der Anspruch: den zunehmend kraftlosen Beschwörungsformeln etwas entgegenzuhalten. Künstler, Historiker, Schriftsteller, Regisseure aus 20 Ländern Europas kommen zu Wort. Erzählungen von Europa aus Europa.

Teil II: "Erzähl mir Europa - An den Rändern Europas" (2017)

<b>... Spanien / Melilla</b>
... Spanien / Melilla
<b>... Litauen / Russland</b>
... Litauen / Russland
<b>... Bulgarien / Rumänien</b>
... Bulgarien / Rumänien
<b>... Griechenland / Zypern</b>
... Griechenland / Zypern
<b>... Irland / Nordirland</b>
... Irland / Nordirland

 

2017 beginnt unsere Reise in Athen: Leerstehende Geschäfte, Industrie-Ruinen im alten Hafen von Piräus, wütende Streetart im anarchistischen Viertel Exarchia - die Stimmung ist aufgeladen. Kollegen und Athener aus anderen Vierteln warnten uns, in Exarchia zu drehen. Es sei die Gegend der gewaltbereiten Anarchisten, die sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern, Brandsätze werfen und auch mal eine Bank überfallen. Doch wir nehmen an diesem Tag eine ganz andere Atmosphäre war: Wir erleben ein Kreuzberg Athens, alternativ, durchmischt und bunt. Die Menschen hier leben die Idee eines anderen Griechenlands. Neben besetzten Häusern haben hippe Cafés aufgemacht. Revolutionsaufrufe sind an den Wänden neben Bioteeläden zu lesen. Am Morgen hatte ein Streik die Stadt lahmgelegt. Tausende protestierten gegen neue Spardiktate der EU. Und gegen ihre Regierung, die diese unterschrieben hat.


Für einen kurzen Moment, sagt uns die Historikerin Maria Efthymiou, habe hier die Hoffnung geherrscht, Griechenland könne wieder zum Zentrum Europas werden. Alex Tsipras und seine Partei Syriza könnten von Griechenland aus den Anstoß für eine Demokratisierung der Union geben. Heute sei allen schmerzhaft klar geworden: Griechenland liegt nicht im Zentrum, sondern am Rand Europas, ökonomisch fremdbestimmt vom stärkeren Nordeuropa - eine bittere Erkenntnis. Die alte Größe und Bedeutung ist hier in Athen Fluch und Segen, man kann ihr nicht ausweichen: Unübersehbar thront die Akropolis über der Stadt und erinnert daran. Am Fuße der Agora stehen die Taxifahrer Pano und Konstantin. Man solle diese Ruinen sprengen, sagen sie uns, damit nicht die ganze Welt dauernd auf sie schaut und die Griechen am Vorbild ihrer antiken Vorfahren misst. Pano und Konstantin wollen einen Neuanfang. Stattdessen büßen sie wie das ganze Volk für die Finanzkrise.

Die Idee eines gemeinsamen Europas - ein leerer Mythos?
Ein Mythos kann zu einer Last werden, wenn er hohl und bedeutungslos wird, ein Schatten, der nicht mit Leben gefüllt ist. Die Idee eines gemeinsamen Europas - ist das so ein leerer Mythos? Es war die große Erzählung der Nachkriegsjahre, die Utopie während des Kalten Krieges: Europa könnte zusammenstehen, demokratisch geeint, und seine Einwohner die Jahrhunderte kriegerischer Auseinandersetzung vergessen lassen. Als die Mauern fielen, der Eiserne Vorhang sich öffnete, schien die Utopie Realität zu werden: Osteuropa und Westeuropa näherten sich an, der Euro kam, dann der Schengenraum ohne Passkontrollen und etliche osteuropäische Länder wurden ab 2004 Mitglieder der Europäischen Union. Wer hätte das 20 Jahre zuvor für möglich gehalten?

In den letzten zehn Jahren hat sich Vieles zum Schlechten entwickelt, massive Krisen erschüttern die Union. Die Finanzkrise hat für eine extreme Ungleichheit in Europa gesorgt, der Umgang mit Geflüchteten hat die Union fast zerbrechen lassen, Abkommen mit der Türkei die moralischen Werte der Gemeinschaft in Zweifel gezogen. Die Entscheidungen der letzten Jahren haben die von Anfang an existentielle Krise der Union verschärft: Wie kann es gelingen, Europa zu einer Demokratie zu machen? Das sinnstiftende Vakuum der europäischen Union ist ein demokratisches Vakuum: Identität kann nicht entstehen, wenn sich die europäische Bevölkerung nicht vertreten fühlt. Die Zeit trügerischer Sicherheit ging mit der Entscheidung zum Brexit im Juni 2016 dramatisch zu Ende. Und auch wenn sie nicht gesiegt haben: die Wahlen in Österreich, den Niederlanden und in Frankreich haben die Popularität europafeindlicher Kräfte gezeigt. Womöglich sind diese Wahlen und Abstimmungen längst kein Warnschuss mehr, sondern ein Offenbarungseid: Vielleicht ist die Krise Europas zu tief, vielleicht ist es Zeit sich einzugestehen, dass der Mythos eines gemeinsamen Europas sich überlebt hat.

Schon 2016 - auf unserer ersten Reise - wurde uns klar: Ein Schriftsteller mit marokkanischen Wurzeln in Frankreich zum Beispiel und eine polnische Regisseurin haben eine komplett unterschiedliche Biografie, ihre Länder eine so unterschiedliche Geschichte, dass sie zwangsläufig ganz anders auf Europa blicken. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland sagte uns damals, dass manche Menschen im Osten für die Freiheit offenbar nicht geeignet seien. "In Osteuropa geht es den Menschen wie Tieren, die im Zoo aufgewachsen sind. Freiheit gab es nicht, aber sie wurden gefüttert und waren sicher. Und jetzt, wo die Käfige weg sind, ist da der Dschungel, ein Leben in Freiheit, aber in konstanter Gefahr und sie müssen um ihr täglich Brot kämpfen."

Teil I: "Erzähl mir Europa - Unterwegs im Zentrum der Union" (2016)

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Dokumentation "Erzähl mir Europa" - Teil I:
Unterwegs im Zentrum der Union

Welche Erzählung von Europa gibt es im Osten, in den Transitländern, in Kerneuropa, in den alten westlichen Kolonialmächten? Gibt es eine gemeinsame europäische Idee?

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Die einzelnen Beiträge (2016) ...

<b>... Niederlande / Frankreich</b>
... Niederlande / Frankreich
<b>... Bosnien / Kroatien</b>
... Bosnien / Kroatien
<b>... Deutschland / Österreich</b>
... Deutschland / Österreich
<b>... Polen / Ungarn</b>
... Polen / Ungarn
<b>... Utopien</b>
... Utopien

 

Und der französische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun beklagte: "Als ich vor 40 Jahren hier ankam, gab es noch eine europäische Identität. Um 1970 gab es ein Europa der Philosophen, ein Reichtum an Gedanken, es gab mehr Europa in den Gedanken als heute." Das machte Europa so anziehend für ihn. "Heute gibt es das nicht mehr. Es gibt keine Debatten, keine Auseinandersetzung. Die Franzosen sind keine Europäer mehr - sie wollen nur profitieren aber nichts geben." Wenig Gemeinsames gibt es auf den ersten Blick zwischen Polen und Franzosen, aber vielleicht doch eines: Sie beklagen das Fehlen einer europäischen Identität, der es gelingen könnte, den Osteuropäern neuen Halt und den Westeuropäern neuen Sinn zu geben. Ist das so unähnlich?

Die Probleme im Zentrum der Union sind wieder andere: Deutschland ringt - auch gerade vor dem Hintergrund des "Wir schaffen das" - sichtbar mit seiner dominanten Rolle in der Europäischen Union. "Irritationen lösen wir immer aus", sagte uns der deutsche Historiker Heinrich August Winkler, "wenn wir so tun, als ob wir unsere schuldbeladene Vergangenheit so erfolgreich bewältigt hätten, dass wir jetzt den anderen die Richtung vorgeben könnten. Wenn wir glauben, wir hätten aufgrund der Erfahrung des Dritten Reiches ein deutsches Moralmonopol, dann sind wir ziemlich schief gewickelt."


Aus einer andere Generation antwortet ihm der österreichische Sänger Marco Michael Wanda: "Ich glaube, die größte Bürde meiner Generation ist, dass wir ein Spielball des Kapitalismus und des Populismus geworden sind", so Wanda. "Wir haben keinen Krieg erlebt. Da fehlt uns ein großes Stück, um den Rest der Welt zu verstehen. Überall droht Krieg, nur uns nicht. Schade, dass wir die Erfahrungen unserer Großeltern nicht nutzen, um Demut zu entwickeln." Es sind Stimmen, die wir 2016 im Zentrum Europas gehört haben, Bruchstücke einer vielstimmigen Erzählung von Europa zwischen Kroatien und den Niederlanden, zwischen Frankreich und Polen. Sie haben uns darin bestärkt, das Projekt 2017 weiterzutreiben und die Ränder der Union in den Blick zu nehmen. Dort, wo Europa an seine Grenzen stößt, buchstäblich und metaphorisch.

Wen muss, wen darf Europa einlassen?
Wir reisten bis Mitte Juli in den Nordwesten, wo zwischen Irland und Nord-Irland bald eine EU-Außengrenze liegen wird, die den schwelenden Konflikt jetzt schon anheizt. In der spanischen Exklave Melilla werden die stacheldrahtbewehrten Zäune immer wieder von Menschen überrannt, die in die Festung Europa vordringen wollen. Hier steht europäische Verantwortung in Frage: Wen muss, wen darf Europa einlassen? Wir fahren nach Rumänien, ins Armenhaus Europas, dessen Bewohner mit Korruption ebenso kämpfen wie mit dem Sog ins reiche Zentrum der Union. Nach Litauen, dass nach jahrzehntelanger Sowjetherrschaft jetzt im Schatten eines erstarkenden Russlands um seine Unabhängigkeit fürchtet. Und nach Zypern, hier sind wir von Athen aus weiter gereist.

Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt Europas. Sandsäcke und Checkpoints laufen mitten durch die Stadt, teilen Häuser, Straßen, Cafés. Immer wieder droht die Türkei unter Erdogan offen mit Krieg. Theaterregisseur Paris Erotokritou erlebt die Situation als schizophren: "Seit die Checkpoints 2004 aufgemacht wurden, sehe ich Soldaten, die den ganzen Tag in Uniform am Checkpoint Wache stehen. Abends jedoch ziehen sie ihre Zivilkleidung an und gehen als Zivilisten ganz selbstverständlich über die Grenze nach Hause, in ihren Teil der Stadt", sagt er. Für Erotokritou liegt die Lösung nicht in Angst und Feindbilder. Offenheit, Verständnis und Austausch sind für ihn der einzige Weg.

An den Rändern der Union manifestiert sich die europäische Idee in Abgrenzung und Begegnung mit dem Anderen. In den Grenzregionen mischen sich Identitäten. Gleichzeitig wachsen Grenzzäune und Mauern im Kopf. An den Rändern betrachtet sich Europa im Spiegel der Kultur der Anderen. Von hier aus schärft sich der Blick auf Europa. Wir glauben an die Kraft der europäischen Erzählungen. Daran, dass man sie hören, sie zu Gehör bringen muss, damit Europa zusammenwachsen kann.

Sendedaten
Kulturzeit-Reihe
"Erzähl mir Europa2"

vom 21. bis zum 25.08.2017
jeweils ab 19.20 Uhr in 3sat

3sat-Dokumentation
"Erzähl mir Europa2 - an den Rändern der Union" (2017)

Samstag, 26.08.2017
um 19.20 Uhr in 3sat
3sat-Themenwoche
Demokratie-Dämmerung
Was ist los mit unserer Demokratie? 3sat hinterfragt in 17 Beiträgen, darunter acht Erstausstrahlungen, wie es um unsere Demokratie steht.