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Hamburg rüstet sich für den G20-Gipfel - auch die Performance-Teilnehmer von "1000 Gestalten".
Lasst Bilder sprechen!
Künstler und ihre Aktionen zum G20-Gipfel in Hamburg
Wenn die mächtigsten Wirtschafts-Nationen der Welt sich beim G20-Gipfel treffen, dann ruft das stets auch Globalisierungsgegner auf den Plan. Doch nicht nur gewaltbereite, sondern auch ganz friedlich protestierende, etwa die "1000 Gestalten", die - ganz in Lehm getaucht - am 5. Juli 2017 in Hamburgs Innenstadt ein Zeichen für "ein neues Miteinander" setzen wollen.
"Wenn es nach uns ginge, dann würde von diesem Gipfel ein Signal gelebter Solidarität zwischen Menschen und Völkern ausgehen, ein Zeichen für ein neues Miteinander", heißt es auf ihrer Webseite 1000gestalten.de. Nach Auskunft der Initiatoren stehen die Lehmmenschen für eine "Gesellschaft, die sich ihrer Hilflosigkeit vor den komplexen Zusammenhängen der Welt ergeben hat und in der der Einzelne nur noch für das eigene Vorankommen kämpft".

Auf Fernsehbildern, die von den Vorbereitungen zu der künstlerischen Performance erzählen, sind graue, seelenlose, Zombie-artige Wesen zu sehen, die auch ein wenig an Michael Endes apokalyptische graue Herren aus "Momo" erinnern. Und so ist diese Performance geplant: Hunderte dieser grauen Lehmgestalten schieben sich an den Gebäuden der Innenstadt vorbei. Manche von ihnen brechen zusammen, scheinen zu vertrocknen - bis die große Transformation beginnt, die den Gestalten zu neuem Leben und neuer Menschlichkeit verhilft.

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Die "1000 Gestalten" stehen für eine Kritik, die von vielen anderen Globalisierungskritikern geteilt und auch so ausgesprochen wird. "Es ist Zeit, dass ein gutes Dutzend mächtiger Männer endlich aufhört, die Erde zu zerstören und den Menschen ihre Freiheit zu nehmen - nur um die Herrschaft und Profite für das eine Prozent zu sichern", sagte etwa die indische Aktivistin Vandana Shiva. Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch der "Gipfel für globale Solidarität" am 5. und 6. Juli auf Kampnagel, wo mehr als 50 Initiativen und Organisationen einen Alternativgipfel zum offiziellen G20-Gipfel durchführen wollen.

© dpa "Attac"-Aktivisten demonstrierten in Masken der Staatschefs.
"Attac"-Aktivisten demonstrierten in Masken der Staatschefs.
Außerdem plant das Hamburger Literaturfestival "Lesen ohne Atomstrom" eine Lesung aus Stéphane Hessels "Empört euch" und "Engagiert Euch!". Ihr Kommen zugesagt haben unter anderen prominenten Stimmen Jean Ziegler, Günter Wallraff, Renan Demirkan, Mathieu Carrière, Konstantin Wecker und Urban Priol. "Empörung allein reicht nicht mehr", sagte Schauspielerin Renan Demirkan vorab. "Wir müssen handeln, um die Weltfinanz zur Abkehr von Spekulation und Gewinnmaximierung zu bringen."Auch Weißrusslands Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch meldet sich zu Wort - sie wird per Video zugeschaltet. Doch schon vorab wurde bekannt, was Swetlana Alexijewitsch sagen will.


Alexijewitschs Botschaft
"Es geht um die Niederlage des rationalen Menschen. Die Welt braucht einen humanitären Menschen. Einen Menschen, der die Natur nicht wie einen Selbstbedienungsladen ansieht, sondern sich zu ihr verhält wie zu einem lebenden Wesen. Der sich selbst nicht als Herrscher, als Zar über die Natur betrachtet, sondern sich als einen Teil von ihr selbst begreift, wenn auch einen ziemlich hilflosen Teil. Ich habe das alles selbst gesehen. Ich habe schon vor 30 Jahren in Tschernobyl gesehen, wie die Menschen aus der Todeszone dort geflohen sind. Erst in 1000 Jahren kann der Mensch dorthin wieder zurückkehren.

So viel ist sicher. Die Häuser, in denen noch vor nicht allzu langer Zeit Menschen gelebt haben - sie stehen jetzt offen. Ich habe gesehen, wie aus einem Haus Wildschweine raus stürmten. Und mitten im Dorf ist Lenin stehengeblieben. Man sieht, dass die Bäume schon aus den Häusern dort hinauswachsen, aber der Mensch - der Mensch ist verschwunden. Die Natur hat über ihn gesiegt in diesem ungleichen Kampf. Es muss auch den Regierenden, auch den G20 letztlich klar sein, dass in der Zukunft die Hauptkonfrontation unserer Zivilisation der Kampf zwischen Mensch und Natur sein wird.

Die ersten Zeichen dieser Konfrontation waren Tschernobyl und Fukushima. Und wir alle sollten uns bewusst machen: Es wird deswegen tausende, wenn nicht Millionen an Flüchtlingen geben. Es werden ganze Karawanen sein. Wir müssen lernen, dass wir alle in einem kleinen Boot sitzen. Um zu überleben, müssen wir andere Menschen werden. Menschen mit einer anderen Philosophie."

(Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch)

Sendedaten
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© APDossier zum "G20"-Gipfel in Hamburg
Nachruf
Der Empörte
Stéphane Hessel ist gestorben (27.02.2013)