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Allein seit seiner Publikation in Israel 2014 ist der Roman "Kommt ein Pferd in die Bar" bereits in 22 Sprachen übersetzt worden.
Allein seit seiner Publikation in Israel 2014 ist der Roman "Kommt ein Pferd in die Bar" bereits in 22 Sprachen übersetzt worden.
Man-Booker-Preis für David Grossman
Israelischer Autor erhält bedeutende Literatur-Auszeichung
Es ist die höchste Literatur-Auszeichnung in Großbritannien: Der Internationale Man-Booker-Preis. 2017 erhält ihn David Grossman für seinen Roman "Kommt ein Pferd in die Bar". Er teilt sich Ehrung und Preisgeld mit der Übersetzerin Jessica Cohen. "Kulturzeit"-Mitarbeiterin Nora Karches über den Roman und den Autor ...
Der Titel mutet an wie der Einstieg in einen (schlechten) Witz: "Kommt ein Pferd in eine Bar" ... Doch natürlich ist es alles andere als das: Dovele Grinstein, Standup-Comedian und Grossmans Protagonist, macht in einem schonungslosen Akt der Selbstoffenbarung vor dem Publikum und seinem ehemaligen Freund Avishai, der ihn als Kind im Stich gelassen hat, ein Kindheitstrauma öffentlich. Der Abend gerät vollkommen aus dem Fugen. Nach und nach verlassen fast alle Zuschauer den Raum.

"Wir waren überwältigt von Grossmans Bereitschaft, sowohl emotionale als auch stilistische Risiken einzugehen", erklärte die Jury. Es handele sich um eine schockierende und atemberaubende Lektüre."

David Grossman gilt als der politisch engagierteste Autor Israels, er ist zusammen mit Amos Oz der meistgelesene Schriftsteller des Landes. Auch dieser Roman ist erneut ein politischer. Die Sprache allerdings, die Grossman Dovele in den Mund legt, ist brutal und derb, ganz anders als alles, was man bisher von Grossman gelesen hat. Grossmans Protagonisten sind häufig versehrte Antihelden: Aaron Kleinfeld aus "Der Kindheiterfinder" (1994), dessen körperliche Entwicklung stehenbleibt, Avram aus Grossmans opus magnum "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (2009), an dem der Autor die verheerenden psychischen und physischen Folgen des Krieges aufzeigt. Auch der Comedian Dovele, die Hautfigur aus "Kommt ein Pferd in die Bar", gehört in diese Reihe: Plötzlich stolpert ein mickriges, bebrilltes Männlein auf die Bühne, als habe jemand es dorthin gekickt. Ein paar Stolperschritte, fast knallt es auf die Bretter, sieht aus, als könne es sich gerade noch mit beiden Händen abfangen, dann reckt es mit einem Ruck den Hintern in die Höhe.

Feingezeichnete Charaktere, niemals eindimensional
Dovele ist abstoßend und unberechenbar. Das Wechselbad der Gefühle, das der Comedian dem Publikum bei seinem Auftritt in der israelischen Kleinstadt Netanja zumutet, ist auch für den Leser eine Zumutung. Warum also ist der Roman dennoch absolut lesenswert? In "Kommt ein Pferd in die Bar" gelingt Grossman erneut, wofür ihn die Literaturkritik wie auch seine Leser auf der ganzen Welt schätzen: feingezeichnete Charaktere, die niemals eindimensional und schablonenhaft wirken. Er vermag, was sonst fast niemandem gelingt: Er löst die einzelnen Fasern von Gefühlen und Interaktionen, die in zwischenmenschlichen Beziehung wie in einem Tau eng miteinander verbunden sind, sorgfältig voneinander und macht so in seinen Figuren das gesamte Farbspektrum der menschlichen Psyche sichtbar.

In Doveles Performance zeichnet Grossman seismographisch auf, wie dieses Geflecht vor aller Augen zerreißt. Gerade durch seine grausam-groteske Selbstinszenierung auf der Bühne wird das volle Ausmaß seiner Verletzlichkeit sichtbar. "Wir Menschen fürchten uns vor dem, was wirklich im Innern des anderen geschieht", so der Autor. Niemand dechiffriert dieses Innere so meisterhaft wie David Grossman.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Zur Person
© privatLupeNora Karches
Der Jugendroman "Wohin du mich führst", in dem ein Junge und ein Hund ganz Jerusalem nach einem verschwundenen Mädchen durchkämmen, war für "Kulturzeit"-Mitarbeiterin Nora Karches der Beginn eines regelrechten Grossman-Fiebers. Vor ihrem Literaturstudium hat sie ein Jahr in Israel gelebt. Das beste Werk des Schriftstellers ist für sie "Eine Frau flieht vor einer Nachricht". Ein Roman über eine Frau, die von Zuhause flieht, da sie den Gedanken nicht ertragen kann, die Nachricht vom Tod ihres Sohnes im Krieg entgegennehmen zu müssen. Grossmans eigener Sohn stirbt im Krieg, noch bevor er den Roman fertiggestellt hat.
Info
Man-Booker-Preis
Die Auszeichnung zählt zu den wichtigsten Literaturpreisen Großbritanniens. Sie prämiert ausländische Werke, die ins Englische übersetzt wurden. Das Preisgeld von 50.000 Pfund (rund 57.000 Euro) geht je zur Hälfte an Autor und Übersetzer. Für 2017 waren 126 Titel nominiert, David Grossman setzte sich gegen fünf starke Shortlist-Konkurrenten durch, unter anderem Mathias Enard sowie den israelischen Altmeister Amos Oz.

In seiner Dankesrede betonte Grossman, dass das Hebräische als gesprochene Sprache erst in den letzten 120 Jahren wiederbelebt worden sei. Umso erfreulicher sei es also, welch eine blühende Literatur Israel hervorgebracht habe. Der israelische Autor von Romanen, Essays und Kinderbüchern ist bereits vielfach international ausgezeichnet worden. 2010 etwa mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Info
Grossmans und Cohens Einsatz für Frieden im Nahen Osten
Der israelische Schriftsteller sah sich aufgrund seines linkspolitischen Engagement zeitweise heftigen Attacken in seinem Heimatland ausgesetzt. Die Reaktion der rechtsorientierten Kulturministerin Miri Regev auf die Preisverleihung fiel eher verhalten aus: Sie bezeichnete Grossman in Anspielung auf den Buchtitel als "siegreiches Pferd". Laut der israelischen Zeitung "Haaretz" hat die Übersetzerin Jessica Cohen bekanntgegeben, dass sie die Hälfte ihres Preisgeldes an die Menschenrechtsorganisation Tselem, die Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten kritisiert, spenden möchte.