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Die deutsche Schriftstellerin Gabriele Wohmann, 1932 geborene Guyot, wuchs als evangelische Pfarrerstochter in Darmstadt auf.
Die deutsche Schriftstellerin Gabriele Wohmann, 1932 geborene Guyot, wuchs als evangelische Pfarrerstochter in Darmstadt auf.
Die "Graphomanin"
Zum 85. Geburtstag der Schriftstellerin Gabriele Wohmann
Scharfsinnige Analysen des alltäglichen Lebens, satirisches Talent und unermüdliche Produktivität - das zeichnete die 2015 verstorbene Darmstädter-Schriftstellerin Gabriele Wohmann aus. Am 21. Mai 2017 wäre sie 85 Jahre alt geworden.
Die deutsche Schriftstellerin Gabriele Wohmann, 1932 geborene Guyot, wuchs als evangelische Pfarrerstochter in Darmstadt auf. Gemeinsam mit ihren drei Geschwistern verbrachte sie dort eine nach eigener Aussage "unheimlich glückliche" Jugend. Nach ihrer Schulzeit auf der Insel Langeoog studierte sie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Germanistik, Anglistik, Romanistik, Musikwissenschaft und Philosophie - brach jedoch nach vier Semestern ab und arbeitete kurzzeitig als Lehrerin, bevor sie 1957 mit der Erzählung "Ein unwiderstehlicher Mann" debütierte.

Fast pausenlos am Arbeiten
Bereits damals beobachtete sie die Gesellschaft mit scharfem Blick. Ihr Werk kam an, sie wurde bekannt. Trotz ihrer rasch zunehmenden Berühmtheit blieb die heimatverbundene Autorin, die auch vielfache Referenzen auf Darmstadt in ihre Werke einbaute, ihrem Geburtsort treu. Mit ihrem Mann Reiner lebte sie viele Jahre lang in der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Fast pausenlos arbeitete sie an ihren Werken. Bald gab ihr Mann seinen Lehrerberuf auf, um sie bei ihrer Arbeit tatkräftig zu unterstützen. Man sagt sich, dass, während sie ihre blauen Gauloises rauchte, er sich ein Gläschen Sherry genehmigte.

Parallel dazu trat Wohmann als eine der wenigen Frauen der Gruppe 47 bei und erregte damit in den 1960er Jahren einiges Aufsehen. Ihren größten Erfolg feierte sie jedoch erst in den 1970er Jahren hauptsächlich mit ihrer gegen die antiautoritäre Erziehung gerichtete Erzählung "Paulinchen war allein zu Haus". Die alltäglichen Erschütterungen eines jeden Lebens malte sie in Texten wie diesem bis ins kleinste Detail aus. Nüchtern thematisierte sie damit das bislang Verschwiegene oder Übersehene. Wohmann wurde deshalb von Kritikern oftmals - 2015 etwa in der "Welt" - ein gnadenloser "böse[r] Blick" unterstellt. Sie selbst sprach jedoch immer nur von bloßem Hinsehen. Auf diese Weise demontierte sie bürgerliche Scheinidyllen und die Probleme zwischenmenschlicher Beziehungen. Gelegentlich lenkte sie auch den Blick ihrer Leser auf das fehlerhafte Verhalten und die komfortablen Lebenslügen, die in ihren Leben und dem anderer Menschen oftmals nicht zu leugnen waren.

Dabei war Wohmanns Projekt „Menschenkenntnis“ eine unerschöpfliche Quelle. Insgesamt veröffentlichte die Schriftstellerin mehr als 600 Erzählungen, 17 Romane, Essays und Gedichte, 25 Hörspiele und Theaterstücke. Das umfangreiche Werk verdankte sie ihrer Schreibleidenschaft, wegen der sie sich selbst leicht ironisch als „Graphomanin“ bezeichnete. „Man ist in Deutschland ja nicht gerade beliebt als jemand, der viel produziert. Man müsste schöpferische Krisen haben, schwer sich tun. Dann ist man eigentlich erst ein richtiger Dichter.“, teilte Wohmann einmal dem "Darmstädter Echo" mit.

"Meisterin auf der kurzen Strecke"
Insbesondere mit ihren zahlreichen Erzählungen brillierte die Schriftstellerin. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki feierte sie als Verfasserin von Kurzgeschichten, der im deutschen Sprachraum niemand gleichkomme. Eine Auszeichnung, der „Der Spiegel“ nur zustimmen konnte, indem er sie zur „Meisterin auf der kurzen Strecke“ kürte. Während sich in der literarischen Welt Schreibstile und thematische Vorlieben änderten, blieb sie sich treu und schrieb weiterhin mit sprachlicher Genauigkeit und scharfzüngiger Satire Erzählungen und Romane. Mit Literaturpreisen wie dem Johann-Heinrich-Merck-Preis oder dem Hessischen Kulturpreis und dem Bundesverdienstkreuz wurde sie für ihre Arbeit belohnt.

2015 starb die Autorin im Alter von 83 Jahren. Im März 2017 wurde in Darmstadt eine Straße nach ihr benannt. Oberbürgermeister Jochen Partsch beschreibt Wohmann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" rückblickend als eine „kluge Chronistin des Alltags und scharfe Kritikerin alles Ideologischen“. „Mit ihrem kühlen Blick auf die Wirklichkeit hat sie uns in ihren Büchern empfohlen, genau und immer wieder neu auf Gewohntes, Tradiertes zu schauen.“.

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