© Reuters
Schöner Knipsen in Cannes: Fotografen im Smoking auf dem Roten Teppich.
Schöner Knipsen in Cannes: Fotografen im Smoking auf dem Roten Teppich.
Zum Arbeiten an der Croisette
Vom Journalistenalltag auf dem Filmfestival in Cannes
Das Internationale Filmfestival in Cannes ist so etwas wie das Mekka für Filmliebhaber, Kritiker, Fotografen und Journalisten. Was weniger bekannt ist: Während Fotografen und Kameraleute im Smoking am Roten Teppich knipsen, stehen Journalisten sich stundenlang die Beine in den Bauch. Vom Redaktionsalltag auf dem Festival berichtet Monika Sandhack, die gleich noch einen kritischen Blick auf den Eröffnungsfilm wirft.
Cannes hat sich fein gemacht für die Eröffnung der Filmfestspiele, die 2017 ihren 70. Geburtstag feiern. Fassaden werden geputzt, Schilder ausgewechselt, letzte Farben aufgetragen. Für die Journalisten gibt es erst jetzt ein Café auf der Dachterrasse des Festivalpalastes - zum Verweilen. Denn die Tage sind lang und manchmal reichen sogar 24 Stunden nicht aus. Die Pressevorführungen im Wettbewerb beginnen um 8.30 Uhr mit dem ersten Film und enden abends nur selten vor 22.00 Uhr. Dazwischen steht man immer wieder Schlange und hofft, es in den nächsten Film, in die nächste Pressekonferenz zu schaffen.

Strenge Regeln, strenge Sicherheitsmaßnahmen
Ein Plan für jeden Tag muss her und da gibt es strenge Regeln: Essen und Trinken im Kino sind nicht erlaubt, das heißt kein Wasser, kein Schokoriegel schafft es in den Saal; keine Fotos auf dem Roten Teppich, nur Kamerateams im Smoking haben Zutritt; und Flüssigkeiten kann man nur in Maßen zu sich nehmen, denn Toiletten gibt es wenige - und das heißt wieder Schlange stehen. Man sieht sich inmitten von 4800 Journalistenkollegen, die ebenfalls Schlange stehen, um Filme zu sehen und Stars zu befragen. Und 2017 finden die Filmfestspiele nach dem Anschlag von Nizza zum zweiten Mal im Ausnahmezustand statt: Viel Polizei, Hunde, Metalldetektoren am Festivalpalais und erschwerte Zugänge für alle.

Viel Film-Prominenz wird in den kommenden Tagen erwartet, darunter Nicole Kidman, Robert Pattinson, Julianne Moore, Michelle Williams, Isabelle Huppert und Diane Kruger. Zu den 19 Filmen, die im Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrieren, zählt auch der Thriller "Aus dem Nichts" von Fatih Akin - als einziger deutscher Beitrag. Mehr als drei Jahrzehnte ist es schon her, dass ein deutscher Regisseur die begehrte Trophäe mit nachhause nehmen konnte. Doch der Kampf um die Palmen ist längst nicht alles. Mehr als 100 Filme laufen hier in vier Sektionen - und es sind meistens die besten eines Kinojahrganges.

"Les fantômes d'Ismaël" enttäuscht
© AP Die Filmcrew von "Les fantômes d'Ismaël" vor der Premiere in Cannes
Die Filmcrew von "Les fantômes d'Ismaël" vor der Premiere in Cannes
Der Eröffnungsfilm "Les fantômes d'Ismaël" von Arnaud Desplechin, der außer Konkurrenz läuft, hat enttäuscht. Dem gefeierten Autorenfilmer ist es zwar gelungen, mit Marion Cottilard, Charlotte Gainsbourg und Mathieu Amalric die französische Schauspielerelite zu versammeln. Doch die Geschichte um einen alternden Filmregisseur, der mit den Geistern seiner Vergangenheit kämpft, ist verworren erzählt. Das Leben von Ismaël gerät aus der Bahn, als nach mehr als 20 Jahren seine totgeglaubte Ex-Frau wieder auftaucht - rechtzeitig zu Drehbeginn seines neuen Films.

Ein Mann zwischen zwei Frauen, zwischen alter und neuer Liebe, daneben eine Agentenstory (eben die, an der der Regisseur gerade arbeitet): Beides fügt sich zu keiner schlüssigen Komposition zusammen. Kurze Einstellungen wechseln sich mit langen ab, Rückblenden in die Vergangenheit und Sprünge hin zum Spionagefilm erschweren den Zugang. Ein Spiel im Spiel auf mehreren Ebenen mit Verbeugung vor Größen wie Hitchcock und Joyce - kein leichter Einstieg für den Auftakt des diesjährigen Festivals - aber die Franzosen lieben Künstlerfilme und Stars. Was kann es also Besseres geben bei der Jubiläums-Ausgabe von Cannes.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags
live um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
Cannes denn Film noch schöner sein
"Kulturzeit" berichtet von den Filmfestspielen
Filmfestival
© ReutersFestival de Cannes
17.05. bis 28.05.2017
"Kulturzeit"-Redaktion
© ZDFDr. Monika Sandhack
Redaktionsleiterin Kulturzeit (ARD)
Mehr zum Thema
Peter Paul Huth aus Cannes
Auch "Kulturzeit"-Redakteur Peter Paul Huth hat den Eröffnungsfilm gesehen: "Ein ungewöhnlicher Eröffnungsfilm - 'Les fantômes d'Ismaël', Regie: Arnaud Desplechin. Es geht um James Joyce, das Filmemachen, die französische Diplomatie und eine geheimnisvolle Frau, die nach 20 Jahren auftaucht, um die neue Freundin ihres ewig trauernden Mannes auszustechen. Mathieu Amalric sieht aus wie ein heruntergekommener Clochard, trotzdem schleppt er eine attraktive Frau nach der anderen ab. Man fragt sich, was Marion Cotillard - wieder überirdisch schön - an ihm findet. Eine etwas selbstverliebte autobiografische Spielerei. Doch die Franzosen haben eine Schwäche für solche erotisch intellektuellen Spielereien. Die meisten Ausländer verließen das Kino ratlos bis entsetzt. Als langjähriger Desplechin-Fan konnte ich dem Film einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen, muss aber den Kritikern Recht geben: Er hat schon bessere Filme gemacht."