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"Die Republik ist eine kleine Rebellion", heißt es auf der Homepage. "Für den Journalismus. Und gegen die Medienkonzerne."
Für unabhängigen Journalismus!
Das Schweizer Crowdfunding-Projekt "Republik"
Am 26. April 2017 standen die Menschen in Zürich Schlange - nicht für Konzertkarten, sondern, um für guten Journalismus zu bezahlen. Das Crowdfunding-Projekt "Republik" brauchte Unterstützung: 750.000 Schweizer Franken (rund 68.000 Euro) in 36 Tagen. Schon am ersten Nachmittag war das Ziel erreicht. Weltrekord! Für ein Projekt, das erst einmal nicht viel mehr ist als eine hehre Idee.
Die Presse ist in Bedrängnis. Nicht nur unter Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin oder Donald Trump, sondern auch in der Schweiz, so der Statusbericht der "Republik"-Macher. Die Verlage schwächeln. Redaktionen werden ausgedünnt, Journalisten entlassen. "Republik" will dem entgegensteuern, unabhängigen Journalismus liefern - für die eigenen Abonnenten, die gleichzeitig zum Gesellschafter werden - und das ganz ohne Werbeeinnahmen. Die Republik sei eine "kleine Rebellion", heißt es selbstbewusst auf der Homepage. "Für den Journalismus. Und gegen die Medienkonzerne. Denn die großen Verlage verlassen die Publizistik: Sie bauen sich in hohem Tempo in Internet-Handelshäuser um. Das ist eine schlechte Nachricht für den Journalismus. Aber auch für die Demokratie. Denn ohne vernünftige Informationen fällt man schlechte Entscheidungen." Das Projekt "Republik", das seine Homebase in einem früheren Bordell in Zürich, dem Hotel Rothaus, eingerichtet hat, will das anders machen.

"Viele Journalisten wollen einen guten Job machen, aber können ihn in diesem System nicht mehr tun. Das wollen wir ändern."
(Nadja Schnetzler, Co-Gründerin "Republik")


Doch jede noch so gute Revolution braucht finanzielle Mittel: Investoren hatten schon im Vorfeld der Crowdfunding-Aktion 3,5 Millionen Schweizer Franken (rund 3,2 Millionen Euro) zugesagt - vorausgesetzt, das Projekt könne 3000 künftige Leserinnen und Leser gewinnen, die jeweils 240 Franken für ein Jahresabo bezahlen. Das hat "Republik" geschafft. Doch wie geht es jetzt weiter?

Zunächst soll die Redaktion weiter auf- und ausgebaut werden. Zu den Machern zählen unter anderem der preisgekrönte Journalist Constantin Seibt, der lange für den Zürcher "Tages-Anzeiger" medienkritisch berichtet hat, sowie Medienkritiker Christof Moser, der unter anderem bei "Weltwoche" und "Schweiz am Sonntag" gearbeitet hat. Seinen künftigen Lesern verspricht das Team ein "schlankes, schlagkräftiges Magazin im Netz - Überblick und Klarheit bei den großen Themen, Fragen und Debatten". Die ersten Artikel soll es ab 2018 geben. Täglich aber nur drei davon. Seriös recherchiert. Publiziert im Netz - und manchmal auch auf Papier. "Weniger ist mehr", so das Motto. Das soll auch junge Leser ansprechen.

"Durch die Online-Präsenz der Medien hat auch eine neue Art von Journalismus Einzug gehalten. Wir sagen dazu: die kleine Empörungs-Geschichte. Also eine Geschichte, die sich schnell erzählen lässt. Die schnell produzierbar ist. Die schnell verbreitbar ist. Die einfach immer an der Oberfläche kratzt und nochmal eine neue Wendung einbaut. Das ist letztlich Journalismus, der für den Werbemarkt gemacht wird und nicht für die Leserinnen und Leser."
(Christof Moser, Redakteur "Republik")

Kann das funktionieren?
Doch kann das funktionieren? Erinnerungen an das deutsche Crowdfunding-Projekt "Krautreporter" werden wach. Einst angetreten, um den Online-Journalismus zu retten, bangten die Macher selbst nach kurzem Anfangshoch phasenweise um ihre Existenz. Mittlerweile habe man sich dank Paywall und festem, zehnköpfigen Redaktionsteam soweit stabilisiert, setze auch vor allem auf Qualität. "Jetzt haben wir den Dreh raus", erklärte im Februar 2017 Geschäftsführer Sebastian Esser im Interview mit der "Medienwoche".

Doch zurück zu "Republik": Dass ein - vor allem neues - Produkt auch gut beworben werden will, das wissen die Macher des Schweizer Projekts natürlich schon. Dass die Crowdfunding-Aktion allerdings so erfolgreich sein würde, hat selbst die Organisatoren überrascht: "Wir sind überwältigt, dass wir so viele Leute finden, die sagen: 'Ja, die Zeit ist reif für was Neues in der Medienlandschaft!' Die unser Programm, aber auch unser Manifest wichtig und gut finden", freute sich Co-Gründerin Nadja Schnetzler. Doch wie nachhaltig erfolgreich man wird, steht noch in den Sternen.

Kritik indes kommt schon jetzt - Überraschung - vonseiten der gescholtenen Traditionsblätter: Der Schweizer "Tages-Anzeiger" etwa beklagt die "Rudel-Euphorie". Die "NZZ am Sonntag" schreibt süffisant: "Tolle Geschichte. Wir kennen den Erlöser-Topos aus dem US-Wahlkampf. Hier die alte, korrupte Elite, da die Neuen, die alles anders machen. So etwas zieht auch bei linksliberalen Zürchern mit ihren guten Jobs." Die "Republik"-Kampagne indes wächst fleißig weiter. Was aber bringt die Menschen dazu, sich zur Unterstützung eines solchen Projekts in eine lange Schlange zu stellen - noch dazu im Regen? Euphorie? Protest? Frustration? Weil allein das Tool Crowdfunding auch künftig so viel Teilhabe verspricht? Die journalistische Aufbruchsstimmung in der Schweiz jedenfalls macht neugierig. Wir sind gespannt auf den ersten Artikel.

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Hansi Voigt, Publizist
(18.05.2017)