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Im Wettbewerb von Cannes laufen 2017 zwei von Netflix produzierte Filme. Darüber und mehr sprachen wir mit Festivalchef Thierry Frémaux.
Im Wettbewerb von Cannes laufen 2017 zwei von Netflix produzierte Filme. Darüber und mehr sprachen wir mit Festivalchef Thierry Frémaux.
"Da kommt etwas Neues auf uns zu"
"Kulturzeit"-Interview mit Festivalchef Thierry Frémaux
"Die Größe der Leinwand, auf der du einen Film siehst, sollte nicht kleiner sein als der Stuhl auf dem du sitzt", sagte Jurypräsident Pedro Almodóvar am 17. Mai 2017 in Cannes - in Anspielung auf die beiden Netflix-Filme im Wettbewerb, die für einigen Wirbel gesorgt hatten. Festivalchef Thierry Frémaux indes gab sich gelassener. "Das ist nicht wirklich ein Konflikt, sondern eine Welt, die sich verändert", sagte er im "Kulturzeit-Interview mit Peter Paul Huth.
Monsieur Frémaux, dieses Jahr findet man im Programm von Cannes TV-Serien, Virtual Reality und Netflix-Produktionen. Können die technologischen Veränderungen die Zukunft des Festivals und des Kinos gefährden?

"In diesem Jahr, in dem wir das 70. Festival von Cannes feiern, hat sich einiges zufällig ergeben. Eine TV-Serie ist von Jane Campion - Gewinnerin der Goldene Palme und Jury-Präsidentin - realisiert worden. Eine andere von David Lynch, ebenfalls ein Gewinner der Goldenen Palme und ehemaliger Jury-Präsident. Selbst wenn beide Animationsfilme gemacht hätten, würden wir ihre Filme zeigen.

Die Installation virtueller Realität ist ein Werk von Alejandro Iñarritu, einem großen Künstler, der schon mehrfach in Cannes war. Außerdem muss das Festival von Cannes, wenn es seiner Geschichte gerecht werden will, die Zukunft im Blick behalten. Die Zukunft in Form von Netflix ist heute präsent, vor zehn Jahren gab es sie bei uns noch nicht. Es gibt immer wieder Veränderungen. Man muss sich mit ihnen konfrontieren, sie beobachten, im Auge behalten und darüber nachdenken, wie man sich mit der Zukunft und den Veränderungen der Welt auseinandersetzen will."

Wie sehen Sie die Rolle des Festivals von Cannes in der Auseinandersetzung zwischen den Kinobetreibern und Netflix?

"Das ist nicht wirklich ein Konflikt, sondern eine Welt, die sich verändert. Ich finde es normal, dass die Kinobesitzer protestieren, wenn die Filme nicht ins Kino kommen. Doch warum kommen sie nicht ins Kino? Das wirft viele Fragen auf. Da kommt etwas Neues auf uns zu. Für mich sollte ein Spielfilm in einem Kinosaal gezeigt werden, wie hier auf dem Festival. Man schaut sich gemeinsam etwas an und teilt diese Erfahrung. Und das ist das Wichtigste."

© ZDF, Frank Debo Peter Paul Huth im Interview mit Festival-Chef Thierry Frémaux
Peter Paul Huth im Interview mit Festival-Chef Thierry Frémaux
Pedro Almodóvar, der 2017 Präsident der Jury ist, hat gesagt, Cannes sei das größte Kinofest der Welt. Wie hat es Cannes geschafft, auf diesem Niveau zu bleiben?

"Das ist eine gute Frage, auf die es hoffentlich keine Antwort gibt. Wenn man wüsste, wie und warum man dahin gekommen ist, dann hätte man dieses Niveau vielleicht gar nicht halten können. Von Anfang an hatte Cannes etwas Außergewöhnliches und das ist bis heute so geblieben. Mit dieser Vorstellung bin ich aufgewachsen.

Als ich anfing nach Cannes zu kommen, zuerst als einfacher Festivalbesucher, habe ich verstanden, dass Cannes die Verkörperung einer großen Idee des Kinos ist. Und diese Idee lebt weiter. Warum? Ich weiß es nicht. Weil sie alle da sind: die Künstler, die Presse, die ganze Kinobranche. Am gleichen Ort, zur gleichen Zeit, in einem ganz bestimmten Monat, im Mai - und das hat im Endeffekt etwas Wunderbares."

Liegt es vielleicht daran, dass es eine bestimmte Konzentration gibt, eine besondere Intensität und Aufmerksamkeit?

"Zwölf Tage lang ist das Kino sozusagen das Zentrum der Welt - Cannes macht das möglich! Das ist in gewisser Weise auch eine sehr ernsthafte Angelegenheit. Man denkt an die Stars auf dem Roten Teppich und glaubt, hier sei alles sehr glamourös. Den Glamour gibt es natürlich auch, aber vor allem ist Cannes eine ernsthafte Veranstaltung. Da sind die Journalisten, die Kritiker, die ins Kino gehen und darüber schreiben. Die Leute, die Filme kaufen oder verkaufen, die Verleiher, die Kinobetreiber. Die ganze Filmbranche ist da. Das Festival ist eine Mischung aus einer kommerziellen Kinomesse und einer großen Feier der Filmkunst."

Es gibt in diesem Jahr keine Großen US-amerikanischen Produktionen mit vielen Stars. Ist das nicht riskant, dass Ihnen der Glamour auf dem Roten Teppich fehlt?

"Nein, überhaupt nicht. Es ist eher zufällig, dass es in diesem Jahr keine US-amerikanischen Blockbuster gibt. Doch trotzdem gibt es viele Stars, die in den Filmen mitspielen. Nicole Kidman ist da. Jede Menge große Stars werden da sein."

Das deutsche Kino ist in diesem Jahr ziemlich stark vertreten. Sie haben Fatih Akin in den Wettbewerb eingeladen. Beim letzten Mal, bei seinem Film "The Cut", gab es einen Disput oder ein Missverständnis zwischen ihm und dem Festival. Was erwarten Sie sich von seinem neuen Film?

"Es gab kein Problem zwischen Fatih Akin und mir. Sein neuer Film ist anders als seine früheren, er erzählt vom Deutschland von heute. Fatih ist ein großer Autor des internationalen Kinos und deshalb ist es gut, ihn im Wettbewerb zu haben."

Sie haben außerdem einen Film über Jean-Luc Godard, "Le redoutable", im Wettbewerb. Was denken Sie über die Art wie er 1968 gewaltsam den Abbruch des Festivals erzwungen hat?

"Bei dieser Aktion war er nicht allein. Viele dachten damals so wie er, dass man kein kulturelles Ereignis wie ein Filmfestival fortsetzen könne, während ein großer Teil des Landes in Kämpfe über wichtigere Dinge verwickelt war. Heute schauen wir auf all die Konflikte, Kontroversen und Skandale, die es in Cannes gab, mit einer gewissen Nachsicht."

Wie sieht für Sie die Dramaturgie des Programms aus?

"Ich weiß es nicht. Wir achten natürlich auf eine gewisse Balance. Doch die Dramaturgie schafft das Festival selbst. Das ist wie bei einem Skandal. Man sagt: 'Ihr wusstet doch, dass es deswegen einen Skandal geben würde.' Nein, das weiß man vorher nicht, nicht mit Sicherheit. Die ideale Dramaturgie sieht so aus, dass zwölf Tage lang alle zufrieden sind und die schönsten Filme am Ende die Preise bekommen."

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