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Iggy Pop, besonderes Merkmal: ein zur Schau gestellter Torso: das ledrig-vernarbte Relikt einer Zeit, von der die Popkultur bis heute zehrt.
Unverwüstlich wild
Iggy Pop zum 70. Geburtstag
USA, 1969: Die Jugend tanzt barfuß auf dem Gipfel der Hippie-Seligkeit. Ein junger Kerl aber ist immun gegen die blumigen Aromen der "Love & Peace"-Bewegung. Erfüllt von Wut und Langeweile, sucht er mit seiner Band The Stooges die Gefahr - und bringt eine Gegenbewegung zur Gegenbewegung ins Rollen: den Punk. Am 21. April 2017 wird Iggy Pop 70 Jahre alt.
Doch zurück auf Anfang. Iggy Pop wird 1947 als James Newel Osterberg im US-Bundesstaat Michigan geboren. Er wächst in einem Trailerpark nahe Detroit auf, wo er im Familienwohnzimmer lernt, mit seinem Schlagzeug auf minimalem Raum ein Maximum an Krach zu erzeugen. Bald trommelt der Blues-Fan für die Highschool-Band The Iguanas, die ihm den Künstlernamen "Iggy Pop" verpasst. So brav, mit Krawatte und Topffrisur, wird die Welt ihn fortan nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Kommunismus und Erdnussbutter
Inspiriert vom Besuch eines Doors-Konzerts, legt der junge Iggy Pop 1967 gemeinsam mit Dave Alexander sowie den Brüdern Ron und Scott Asheton den Grundstein für die Band The Stooges. Ihr Sound klingt roh, die Textfetzen verneinen alles bis dahin Gültige und ihre Bühnenshows sind Exzess pur: Sänger Iggy Pop verstümmelt sich mit Glasscherben, etabliert das Stagediving, verteilt Erdnussbutter auf seinem nackten Oberkörper und seinen Mageninhalt unter den Zuschauern. Appetitlich findet das zunächst nur ein Nischenpublikum - der große Rest dümpelt noch im längst zum Kommerz gewordenen Woodstock-Dunst. "Wir waren damals nicht im Geringsten politisch", erinnert sich Iggy Pop in der Doku-Hommage "Gimme Danger", dem Geburtstagsgeschenk seines Kumpels Jim Jarmusch, "aber wir waren Kommunisten durch und durch".

Nach sieben wilden Jahren im Drogensumpf, aus denen drei - aus heutiger Sicht - bahnbrechende Alben hervorgingen, lösen sich The Stooges Mitte der 1970er Jahre desillusioniert auf. The Ig spukt hier und da mit Heroinexzessen und Entzugsversuchen durch die Schlagzeilen, bis ihn David Bowie unter seine Fittiche und mit nach West-Berlin nimmt. Das Duo produziert gemeinsam die beiden 1977er Alben "The Idiot" und "Lust For Life", die Iggy Pop den Weg zu einer beachtlichen Solokarriere ebnen. Ikonischen Status erlangen Hymnen wie "The Passenger" oder "Real Wild Child", ebenso wie sein zur Schau gestellter Torso: das ledrig-vernarbte Relikt einer Zeit, von der die Popkultur bis heute zehrt.

"An das Arschloch, das mich kriegen will"
Ab 2003 tobt der Derwisch noch einmal für mehrere Jahre mit seinen verbliebenen Stooges-Kollegen über die Bühnen der Welt. Anlässlich des späten Einzugs der Band in die Rock and Roll Hall of Fame im Jahr 2010 spöttelte Iggy Pop: "Beiseite, Woodstock. Wir haben gewonnen." Pünktlich zu seinem 70. Jubiläum überzeugt der Godfather of Punk uns nun erneut von seiner Unverwüstlichkeit: "Asshole Blues" heißt ein neuer Song, der sich laut Eigenaussage an ein "Arschloch" richtet, das ihn kriegen wolle. "Hört es euch an, auf eigene Gefahr!" Den Rock'n'Roll kann eben nur überleben, wer konsequent Gegenwind erzeugt. Letztlich auch im Angesicht des eigenen Verfalls. In diesem Sinne: Lass die Lefzen fliegen, Iggy, happy birthday!

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Film
"Gimme Danger"
(Dokumentation)
US 2017
Regie: Jim Jarmusch
Kinostart:
CH: 27.04.2017
DE/AT: 28.04.2017