© Ingo Pertramer, Rabenhof
Theaterabend für alle: Das Stück "Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" aus der Feder von Stefanie Sargnagel in Wien.
Theaterabend für alle: Das Stück "Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" aus der Feder von Stefanie Sargnagel in Wien.
Schonungsloser Seelenstriptease
Das Stück "Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" in Wien
Am 19. April 2017 feierte "Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis", das erste Theaterstück aus der Feder von Stefanie Sargnagel, Premiere im Wiener Theater Rabenhof, zu dem auch der Musiker Voodoo Jürgens einige Songs beitrug. "Kulturzeit"-Mitarbeiter Florian Kölsch war vor Ort.
Schon die Lokalität des Theaters Rabenhof - gelegen zwischen Gemeindebauten - nimmt es vorweg: Das hier wird ein Theaterabend für alle. Als "Arbeiter-Theater" bezeichnet Stefan Redelsteiner, Manager von Voodoo Jürgens und Stefanie Sargnagel, den Ort des Geschehens. Und das Setting passte selten so gut, wie zu "Ja, eh". "Meine Notizen sind ein ewiges Interview, bei dem niemand Fragen stellt." Mit diesen tiefgreifenden, persönlichen Worten beginnt das Stück. Gesprochen werden sie gleichzeitig von den drei Hauptcharakteren, gespielt von Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kahlisch. Alle drei haben ordentlich Grund zur Beschwerde: dass sie Texte schreiben müssen, für die sie schlecht bezahlt werden, dass sie sich morgens etwas vornehmen, aber am Abend doch nichts davon gemacht haben.

Mikrokosmos des Wiener Arbeitermilieus
Das Stück avanciert zum schonungslosen Seelenstriptease, greift zahlreiche Themen auf: die Probleme beim Start ins Berufsleben, das männliche Desinteresse an den Belangen der weiblichen Psyche und schlicht die oft fehlende Motivation im Alltag. All das wird im Mikrokosmos des Wiener Arbeitermilieus präsentiert. Im zweiten Teil - es gibt keine Pause, ein Lichtwechsel symbolisiert den Bruch - verlagert sich die Handlung in ein sogenanntes Tschocherl, eine Eckkneipe, in der sich verlorene Seelen versammeln - und sich zahlreiche kaputte, aber vor allem interessante Lebensgeschichten ansammeln.

Eben jenen interessanten, aber oft nicht beachteten Lebensgeschichten gibt Stefanie Sargnagel in "Ja, eh" eine Stimme. Es ist ein Stück, direkt aus dem Gemeindebau, Kunst aus der gesellschaftlichen unteren Mitte - aber für alle. "Ja, eh" basiert - man ahnt es - auf Stefanie Sargnagels eigenen Erinnerungen: "Es ist autobiografisch, wie immer, und ich habe noch ein bisschen was zusätzlich dazu erfunden", so Sargnagel nach der Premiere gegenüber "Kulturzeit". Ihre Erinnerungen, die sie in ihrem unverkennbar lakonisch-lustigen Stil erzählt, haben jedoch eine enorme Allgemeingültigkeit und bilden, angereichert mit den wunderbaren Song-Einlagen des Wiener Musikers Voodoo-Jürgens eine Art kollektives Gedächtnis.

Autobiografie, Milieustudie, gesellschaftliches Statement
Unter der Regie von Christina Tscharyiski entstand so eine irrsinnig lustige und berauschende Inszenierung. Mit den Einlagen vom einzigartigen "Strizzi" Voodoo Jürgens, der in gewohnt nonchalanter Manier seine im Dialekt geschriebenen Songs vortrug und sogar einmal auf Rollerskates performte, erhält das Stück den Charakter einer Nummern-Revue. Die Verbindung aus Musik klappt bei "Ja, eh" perfekt, auch etwas, das Rabenhof-Chef Thomas Gratzer sehr freut, da er den Rabenhof als "Cross-Over-Theater" sieht.

Vom Publikum gab es nach dem knapp 90-minütigen Stück tosenden Applaus - völlig zurecht. "Ja, eh" ist radikal in seiner Machart, direkt in der Umsetzung und klar in der Aussage: "Ich bin eine sensible Künstlerseele, ihr Hurenkinder", sagen die drei Frauen einmal. "Ja, eh": Autobiografie, Milieustudie, gesellschaftliches Statement. Gleichsam komisch und relevant. Ein wichtiges Stück - für alle.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Zur Person
Florian Kölsch
Unser Autor Florian Kölsch hört Voodoo Jürgens und liest Stefanie Sargnagel - und reiste deshalb ganz gerne nach Wien.
Theater
© Ingo Pertramer, Rabenhof"Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis"
Theater Rabenhof, Wien (AT)
Weitere Aufführungen:
25. und 26.04.2017
22. und 23.05.2017