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Die Sami-Künstlerin Máret Ánne Sara nimmt erstmals an einer so bedeutenden Kunstausstellung wie der documenta teil.
300 Rentierschädel rufen zum Protest
Die samische Kunstaktivistin Máret Ánne Sara auf der documenta 14
"Ich wusste nicht einmal, was die documenta ist, bevor ich eingeladen wurde", sagt die samische Kunstaktivistin Máret Ánne Sara. Bis Adam Szymczyk sie einlud, nach Athen und Kassel zu kommen. Seine documenta 14 hat die Unterdrückung indigener Völker zum Schwerpunkt. Und das Kunstprojekt von Máret Ánne Sara, eine Installation aus 300 Rentierschädeln samt Einschusslöchern, ist Teil davon.
Es ist eine Installation, die verstören könnte, doch das nimmt die Künstlerin wissend in Kauf. Denn sie, ihre Familie und viele andere Samen sind von dem Thema persönlich betroffen. 300 Schädel von Rentieren, jenen Lebewesen, die in der Kultur der Samen eine zentrale, nahezu heilige Bedeutung haben, zeugen davon. "Die Situation, in der wir uns befinden, ist politisch gesehen so brutal, wie meine Köpfe es sind", sagt Máret Ánne Sara. "Deshalb möchte ich auch, dass die Leute die Einschusslöcher sehen."

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Sami-Kunst von Máret Ánne Sara
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Máret Ánne Sara ist eine norwegische Künstlerin aus der Sami-Bevölkerung: Sie und ihr Kollektiv leben im Norden von Norwegen, in der Nähe der Stadt Alta. Ihre Kunst - Skultpuren, Malerei, Medieninstallationen - ist sehr stark mit der Kultur der Sami verbunden. Sie ist als Teilnehmern zur documenta 14 eingeladen. Wir durften sie exklusiv bei den Vorbereitungen für ihr documenta-Projekt begleiten.
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Seit Langem zwingt die norwegische Regierung die Samen, ihre Herden zu dezimieren, also Rentiere zu töten. Der Grund dafür seien Überweidung und irreparable Schäden an der Umwelt, heißt es offiziell. Der jüngste Bruder der Künstlerin, der Rentierhirte Jovsset Ante Sara, prozessiert deswegen gegen die norwegische Regierung. Denn für ihn kommt die Dezimierung seiner Herde auf 75 Tiere nicht nur einer Insolvenz gleich, sondern auch einem irreparablen Schaden am kulturellen Erbe der Samen. Jovsset Ante Sara glaubt, dass die Begründung vorgeschoben wurde und dass es in Wirklichkeit um etwas ganz anderes geht. "Sie haben hier Großes hier, sie wollen Rohstoffe fördern in der ganzen Finnmark", sagt er. "Bei jeder Gelegenheit sagen sie, das wird wie ein neuer Goldrausch, ein neues Klondike."

Daran kann auch die seit 1989 existierende parlamentarische Vertretung der Samen wenig ändern, denn sie kann gegenüber der norwegischen Regierung lediglich Empfehlungen aussprechen, aber keine rechtswirksamen Maßnahmen einleiten. Um künstlerisch auf das Thema aufmerksam zu machen, hatte Máret Ánne Sara bereits im Februar 2016 eine Installation aus 200 aufgetürmten Rentierköpfen vor dem Bezirksgericht Finnmark im Norden Norwegens geschaffen. Für die documenta 14 arbeitet sie nun an einer Art Vorhang des Protests, bestehend aus 300 Rentierschädeln. Statt blutiger Schädel darf sie hier nur Knochen zeigen - aus hygienischen und ästhetischen Gründen.

"Kunst ist die wirkungsvollste und komplexeste Art von Kommunikation"
Für Máret Ánne Sara ist die Teilnahme an der documenta 14 eine große Chance, ihr Anliegen publik zu machen. "Um ehrlich zu sein, finde ich, dass Kunst in jedem Fall die wirkungsvollste und komplexeste Art von Kommunikation ist", sagt sie. "Man muss den Leuten nicht erst erzählen, was richtig ist und was falsch. Man erzählt etwas auf emotionaler Ebene und man kann nichts bezweifeln, was aus dem Innersten kommt." Die Kanadierin Candice Hopkins kuratiert die Installation, die in Kassel und Athen in variierender Form gezeigt wird. Wir sind gespannt.

Sendedaten
"Sami-Künstler auf der documenta 14 - Vom Polarkreis an die Weltöffentlichkeit"
Ein Film von Marion Skalski
Samstag, 29.07.2017
um 19.45 Uhr in 3sat
documenta 14
documenta 14
"Kulturzeit" berichtet von der Kunstausstellung in Athen und Kassel
Zur Person
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Die 1983 in Kautokeino, Norwegen, geborene Máret-Ánne Sara studierte Englische Linguistik und Literatur an der Universität von Tromsø, Norwegen, Indigenen Journalismus an der Sami Universität in Kautokeino, Norwegen, außerdem Illustration an der Kunsthochschule in Bournemouth, Großbritannien. Sie ist Gründerin und Leiterin des Dáiddadállu/Kautokeino artist collective (www.daiddadallu.com).
Mediathek
Sami-Kunst von Máret Ánne Sara
"Kulturzeit"-Beitrag (29.03.2017)
Kunst
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08.04. bis 16.07.2017 in Athen
10.06. bis 17.09.2017 in Kassel
Mediathek
© dpaVideo"Slow TV" mit Rentieren
(07.04.2017)
Dokumentation
Athen Now!
Mit Kunst gegen die Krise