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Roland Tichy spricht von einer "Kampagne" gegen sich selbst.
Roland Tichy spricht von einer "Kampagne" gegen sich selbst.
Tichys Welt
Xing-News-Herausgeber gibt nach Shitstorm Posten auf
Nach einem Shitstorm in den sozialen Medien hat der Publizist Roland Tichy seinen Posten als Herausgeber von Xing-News am 9. Januar 2017 niedergelegt. Was war passiert? "Kulturzeit"-Redakteur Cornelius Janzen kommentiert die Ereignisse.
Der Berliner Blogger Mathias Richel hatte auf Twitter angekündigt, seinen Account bei Xing zu löschen. Grund dafür: der Journalist Roland Tichy, der neben seiner Tätigkeit als Herausgeber von Xing-"Klartext" auch die Meinungsseite "Tichys Einblick" betreibt, auf der "neurechte Beiträge erscheinen, in denen Andersdenkende pathologisiert werden", kritisierte Richel. Vergangene Woche etwa war ein Beitrag auf Tichys Blog veröffentlicht worden, in dem ein Gastautor erklärte, warum man mit "psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollte". Der Autor bezeichnete "grün-linke Gutmenschen" als "geistig-psychisch krank".

Die Empörungsmaschinerie funktioniert
Zahlreiche Twitter-User hatten als Reaktion auf Richels Statement am Wochenende angekündigt, ihren Xing-Account aus Protest über den umstrittenen Herausgeber Roland Tichy zu löschen. So schrieb der Grünen-Politiker Matthias Oomen auf seinem Twitter-Account: "Roland Tichy arbeitet nun bei Xing. Kein Scherz. Account schon gelöscht? Sofort erledigen!" Tichy arbeitet jedoch bereits seit 2015 bei Xing. Erstaunlich, dass sich die Empörungsmaschinerie in den sozialen Netzwerken erst jetzt in Gang setzte. Richel selbst betonte auf Twitter, dass er nicht zum Xing-Boykott aufgerufen habe. Und doch führte der Hashtag #Xing am 8. Januar die Twitter-Trends an. Der Gastartikel bei "Tichys Einblick" ist mittlerweile verschwunden, Tichy selbst entschuldigte sich auf seinem Blog dafür, spricht aber von einer "Kampagne" gegen sich. Er habe Morddrohungen erhalten. Die Firma Xing und seine Mitarbeiter seien ihm ans Herz gewachsen. Ihnen zuliebe trete er nun zurück. Er werde sich in Zukunft auf seinen Blog "Tichys Einblick" konzentrieren. Deutschland brauche auch und gerade im Jahr des Bundestagswahlkampfs kritische und mutige Stimmen, schreibt Tichy.

Auch Xing veröffentlichte am 9. Januar eine Erklärung: Richard Tichy habe dem Unternehmen mitgeteilt, dass er seine Tätigkeiten für Xing mit sofortiger Wirkung aufgeben werde. [...] "Klartext" erfreue sich großer Beliebtheit und sei ein großer Erfolg für Xing. "Wir nehmen Roland Tichys Entscheidung mit Respekt zur Kenntnis und bedanken uns herzlich bei ihm für alles, was er für uns getan hat."

Doch was ist dran an den Vorwürfen, Tichy, der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche, würde "neurechte Beiträge" veröffentlichen? Und machen derartige Kategorisierungen überhaupt Sinn? Auf "Tichys Einblick" - das Print-Magazin hat eine Auflage von 70.000 - kommentieren Autoren wie Henryk M. Broder, Bettina Röhl, die Tochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, der ehemalige ZDF-Moderator Wolfgang Herles, der Publizist Hugo Müller-Vogg sowie der Schriftsteller Raffael Seligmann das Zeitgeschehen. In seiner seriösen Aufmachung erinnert der Blog an FAZ.net - doch die Inhalte orientieren sich vorwiegend an den Frontlinien unserer Zeit: Flüchtlingskrise, Terrorismus, Politikversagen, Massenmedien.

"Political Correctness" als Auslaufmodell?
Demokratie oder "political correctness" seien Auslaufmodelle, heißt es da. "Asyl: der Rechtstaat kapituliert" - nur eine der vielen Headlines, in denen mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung abgerechnet wird. Der Feind: der "Mainstream". Das Motto: "Klare Worte, starke Meinungen!" Den Fehler, in den plumpen Tonfall populistischer Hetzer zu verfallen, begeht das Magazin dabei nicht. Es hört sich alles etwas vornehmer an: So schreibt Tichy in seinem Jahresrückblick, dass sich "die Redaktion zum Diskurs als Methode der Demokratie bekennen würde und sie sich gegen Gleichmacherei von Gedanken und die sich verbreitende Stumpfsinnigkeit der allein zulässigen Einheitsmeinung" wende. Doch worin unterscheidet sich eine solche Haltung im Kern von den Rufen von AfD, Pegida & Co. gegen die sogenannte Lügenpresse im Land? Von welcher Gleichmacherei des Denkens spricht Tichy in einem Land, in dem die Medien- und Meinungsvielfalt ohnegleichen ist?

Im Blog ist zu lesen, dass sich Tichys Magazin an Menschen richte, die die Nase voll haben vom bevormundenden Mainstream-Journalismus, die selbst denken, die die Wahrheit vertragen, die mehr über Hintergründe und Zusammenhänge erfahren möchten. Die die Dinge anschauen, wie sie sind - und nicht so, wie man sie sich wünscht. Doch wie die Dinge sind, dafür gibt der Blog die Richtung vor. Man bekommt den Eindruck: Politiker seien unfähig, das Land versinke im Chaos, der Islam bringe uns den Terror und linksgrüne Journalisten manipulierten die Bevölkerung. Ach, ja, nicht zu übersehen ist die omnipräsente Enttäuschung über eine Kanzlerin, die uns all das erst eingebrockt haben soll. Was sich Tichy wünscht? Das bleibt unklar. Denn Lösungsvorschläge oder ausgewogene Debatten von Themen sucht man hier vergeblich. Es geht um Feindbilder, um Gut und Böse, um Schwarz und Weiß, um pauschale Urteile, darum, Recht zu haben.

"Tichys Einblick" zeigt, wie sich im Lager enttäuschter CDU-Wähler und bürgerlicher Medienmacher ein rechtskonservatives Denken breit gemacht hat - das letztlich gegen den Pluralismus unserer Gesellschaft, Minderheitenrechte und damit die Grundlagen unserer Demokratie mobil macht.

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Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr