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Mit seiner so überzeugend geschaffenen Welt hat J. R. R. Tolkien ein ungebrochenes Faszinosum erschaffen, sagt der Tolkien-Experte Frank Weinreich.
Mit seiner so überzeugend geschaffenen Welt hat J. R. R. Tolkien ein ungebrochenes Faszinosum erschaffen, sagt der Tolkien-Experte Frank Weinreich.
"Eine überzeugende Schöpfung"
Interview mit dem Tolkien-Experten Frank Weinreich
Er gilt als Begründer der modernen Fantasy-Literatur: John Ronald Reuel Tolkien. Am 3. Januar 2017 jährt sich sein Geburtstag zum 125. Mal. Aus diesem Anlass hat Kulturzeit-Redakteurin Heidi Spirk ein Interview mit dem Tolkien-Experten Frank Weinreich geführt.
Die Werke des britischen Schriftstellers und Sprachwissenschaftlers gehören zu den erfolgreichsten der Literaturgeschichte. Seit ihrer Veröffentlichung ziehen die Geschichten aus Mittelerde Millionen von Menschen in ihren Bann - ob auf Papier oder auf der Leinwand.

Herr Weinreich, was genau fasziniert die Menschen an "Der Herr der Ringe" bis heute?

"Erstens stellt seine Welt Mittelerde einen vollkommen durchdachten Kosmos dar, mit schlüssiger Geologie, Biologie, vor allem aber einem geschlossenen mythischen Hintergrund und stimmigen Kulturen. Das ist eine Welt, die als Schöpfung überzeugt und zum Erkunden einlädt, weshalb auch die langen Landschafts- und Geschichtsbeschreibungen selbst heute im Zeitalter der handybildschirmkonformen Kurztexte anscheinend nicht abschrecken können.

Zweitens erzählt Tolkien bei aller Phantastik im Kern doch von sehr realweltlichen Dingen wie Liebe, Freundschaft, Mut, Loyalität und den Gefahren der Korruption durch Macht. Und er bietet zu diesen Fragen sinnvolle Lösungen an, die vor allem darauf beruhen, dass es in der Verantwortung jedes Einzelnen steht, wie er sich gegenüber den Herausforderungen des Lebens verhält. Das sind Gedanken, die er während der Umbruchszeit des Zweiten Weltkriegs und unter dem Eindruck zweier Diktaturen und dem gerade beginnenden Bewusstsein für den Wert der Umwelt in spannende Romanform goss. Das alles hat von seiner Aktualität nichts verloren und es bildet zusammen mit der so überzeugend geschaffenen Welt ein ungebrochenes Faszinosum, jetzt und wahrscheinlich noch weit in die Zukunft."

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

"Als gelernten Philosophen beeindruckt mich persönlich am meisten die Umsetzung psychologischer, sozialer, politischer und theologischer Überzeugungen in einer vordergründig komplett fantastischen, also irrealen Welt. Natürlich ist alle Fantastik in Wirklichkeit nicht fantastisch, da die Geschichten aus Fantasy und Science Fiction mit ihren Beschreibungen von unmöglichen Geschehnissen nur Metaphern für ganz realweltliche Belange einsetzen. Aber das muss man erst mal überzeugend hinkriegen. Es hat seinen Grund, dass 'Der Herr der Ringe' in der Sowjetunion verfemt war, denn dort wurde das Buch als Symbol für den Widerstand gegen die absolute kommunistische Herrschaft gelesen. Insofern zeigt gerade Tolkiens Werk, dass sogar die vermeintlich so märchenhafte Fantasy Gesellschaftskritik leisten kann - wie auch George Orwell mit seinem Buch '1984'. Davon gibt es mittlerweile einige Beispiele, aber Tolkiens 'Der Herr der Ringe' war eines der ersten und ist immer noch eines der überzeugendsten."

Tolkien hat ganze Welten und eigene Sprachen erfunden. Ist das alles frei ausgedacht? Wo nahm er seine Ideen her?

"Man kann sich gar nichts frei ausdenken, oder, wie der Philosoph Kurt Flasch zu sagen pflegte: 'Wer glaubt, dass er eine neue Idee hat, hat nur nicht tief genug in die Quellen geschaut'. Tolkien war Sprachforscher, untersuchte vor allem die Geschichte von Sprachen und hatte in Oxford einen Lehrstuhl an einer der renommiertesten Universitäten der Welt inne. Er beschäftigte sich sein Leben lang vor allem mit den europäischen Kulturen und dabei besonders mit ihren Mythen und Sagen. All dies schlägt sich in seinem fantastischen Werk nieder, das von christlichen, keltischen und nordischen Sagen- und Legendenmotiven nur so strotzt, aber, wenn man etwas genauer hinschaut, auch reichliches Material aus der griechischen und römischen Antike und sogar ihrer Philosophie bis hin zu Platon enthält.

Mittelerde umfasst Elemente der 'Edda', der Bibel, Shakespeares, der großen griechischen Tragödiendichter, etwa Sophokles und seinen 'Ödipus', und die Sprachen, besonders die der Elben, beruhen auf keltischer und finnischer Grammatik und Wortstämmen beider gänzlich realweltlicher Sprachen. Und auch der persönliche Hintergrund Tolkiens als glühender englischer Patriot (im besten Sinne des Wortes) schlägt sich insbesondere in seiner Darstellung der Hobbits und ihrer Heimat nieder."

Wieviel Tolkien steckt in seinem Werk?

"Tolkien hat die genannten Hintergründe genommen und auf erzählerisch sehr hohem Niveau zu einer neuen und für das Genre Fantasy absolut stilbildenden Geschichte verwoben, so wie das alle Erzähler tun. Goethes Zeitgenosse Carlo Gozzi hat einmal gesagt, es gebe nur 36 Stoffe, die man auf der Bühne dramatisieren könne. Wahrscheinlich sind es sogar weniger, jedenfalls ist es eine überschaubare Anzahl von Motiven, die seit Jahrtausenden erzählt wird. Was von einem bestimmten Autoren in seinem Werk steckt, ist die genaue Mischung und stilistische und dramaturgische Aufbereitung dieser begrenzten Anzahl von bewegenden Motiven. Doch wenn es ein Beispiel von reinem Tolkienismus gibt, dann sind das die Hobbits, seine Idealisierung des scheinbar unbedeutenden Menschen, auf den man sich aber unbedingt verlassen kann, wenn es darauf ankommt, und der dann auch in der Lage ist, die Welt zu retten.

Jeder kennt den "Herrn der Ringe" und den "Hobbit". Gibt es noch andere Werke von Tolkien, die das Zeug zum Bestseller haben?

"In der deutschsprachigen Fantastik gilt ein Buch als Bestseller, wenn es 25.000 Exemplare verkauft. Das haben alle Bücher Tolkiens locker erreicht - und zurecht. Sowohl die kleineren Geschichten wie der 'Bauer Giles von Ham' oder 'Roverandom' sind wunderbar poetische Erzählungen, als auch die größeren, jetzt von Tolkiens Sohn Christopher nach und nach herausgebrachten Erzählungen aus dem Nachlass, wie 'Die Kinder Hurins', absolut lesenswerte Ergänzungen der beiden bekannten Stories. Doch ein zweites 'Herr der Ringe' hat er nicht geschrieben und dessen muss man sich bewusst sein, wenn man die mittlerweile recht lange Liste von Tolkien-Büchern durchgeht."

Sir Peter Jacksons "Herr der Ringe"- und "Hobbit"-Verfilmungen haben dem Stoff in den letzten Jahren nochmals Auftrieb verschafft. Wie hätten Tolkien die Verfilmungen gefallen?

"In den 1960er Jahren gab es schon einmal den Plan, 'Der Herr der Ringe' zu verfilmen. Es existierte sogar ein Drehbuch. Dieses Drehbuch hat Tolkien gelesen, erbost abgelehnt und im Rahmen dieser Ablehnung eine recht detaillierte Liste von Anforderungen erstellt, die er an einen Film hatte, der seine Zustimmung gefunden hätte. Wenn man diese Liste durchgeht, die besonders darauf besteht, dass der hintergründige Geist des Werkes gewahrt bleiben müsse, dann kann man sagen, dass Jackson mit seiner "Ring"-Erzählung eine Menge richtig gemacht hat. Insbesondere die Bildgewalt, mit der Jackson Mittelerde entstehen lässt, hätte den Weltenschöpfer Tolkien mit mancher gravierender Storyschwäche sicher so versöhnt, dass er den Film wahrscheinlich gemocht hätte. Was diesen hypertrophierten Metzel-Hobbit angeht, den Jackson in ganz lockerer Anlehnung an die Buchvorlage gedreht hat, so bezweifle ich, dass sich Tolkien auch nur Teil Eins zu Ende angeschaut hätte."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
Porträt
© APVater der Fantasy
Vor 125 Jahren wurde "Herr der Ringe"-Autor J. R. R. Tolkien geboren
Zur Person
© Christoph MoeschkeLupeDr. phil. Frank Weinreich
Der Philosoph, Tolkien-Experte, freie Autor und Lektor ist insbesondere im Bereich fantastische Literatur unterwegs. Er betreibt die Website www.polyoinos.de.