© dpajpg
Der Liedermacher werde für seine poetischen Neuschaffungen in der großen amerikanischen Gesangstradition geehrt, hieß es zur Begründung.
Der Liedermacher werde für seine poetischen Neuschaffungen in der großen amerikanischen Gesangstradition geehrt, hieß es zur Begründung.
Literaturnobelpreis 2016 für Bob Dylan
Singer/Songwriter wird für seine poetische Sprache geehrt
Wow! Singer und Songwriter Bob Dylan erhält als erster Popmusiker den Literaturnobelpreis 2016. Das gab die Schwedische Akademie am 13. Oktober 2016 in Stockholm bekannt. Der Liedermacher werde für seine poetischen Neuschaffungen in der großen amerikanischen Gesangstradition geehrt, hieß es zur Begründung.
Rund 20 Jahre lang wurde Bob Dylan regelmäßig für den Nobelpreis vorgeschlagen, doch stets ging er leer aus. Zu gewagt erschien es der Jury wohl, einem Musiker - und sei es auch der wohl berühmteste Songschreiber überhaupt - die höchste Literaturauszeichnung der Welt zuzuerkennen. Nun hat sie sich getraut.

 

Selbst Dylans Biograf Heinrich Detering hat eigenen Angaben zufolge nicht mehr mit dem Literaturnobelpreis für den US-amerikanischen Sänger und Songschreiber gerechnet. "Aber der Preis kommt gerade zu einem sehr richtigen Zeitpunkt, weil es scheint, als hätte Dylan sein facettenreiches Werk im Wesentlichen abgeschlossen", erklärte der Philologe von der Universität Göttingen am 13. Oktober. "Dylan hat wie kein anderer die moderne amerikanische Musiktradition mit der literarischen Hochkultur zu einer neuen Kunstform vereint - Ovid mit Blues, Shakespeare mit Gospel", so Detering. "Es wäre deshalb ein großes Missverständnis zu meinen, er werde nur für die Qualität seiner Texte ausgezeichnet. Texte, Musik und Performance sind eine Trias."

Noch am 24. Mai 2016, zum 75. Geburtstag des Song-Poeten, verneinte Detering, dass der Literaturnobelpreis für Dylan von allzu großer Bedeutung sei:

"Nicht dass er ihn nicht verdient hätte, aber er braucht ihn nicht mehr. Er hat alle erdenklichen Auszeichnungen und allen erdenklichen Ruhm eingeheimst", sagte der Göttinger Literaturwissenschaftler dem Deutschlandradio Kultur. Er glaube allerdings, "dass es dem Nobelpreis guttun würde, Dylan auszuzeichnen. Weil damit diese spezifische Kunstform, diese Ausdrucksform der Literatur, die im 20. Jahrhundert neu entstand oder wieder erstand, ausgezeichnet würde."

 

© AP
Ikone der Protestkultur (24.05.2016)
Bob Dylan wurde als die "andere Stimme" Amerikas zur Ikone der Protestkultur, zum Idol. Und - er ist der Mann der Masken. Am 24. Mai 2016 feiert er seinen 75. Geburtstag. Wer ist Bob Dylan? 2006 haben wir in einem "Kulturzeit extra" Gefährten und Experten zur Person und Musik des Künstlers befragt.
weiter ...

 

Unterschiedliche Reaktionen auf die Wahl
Die favorisierten Romanautoren und Dramatiker haben jedoch 2016 das Nachsehen. Weshalb die Ehrung für Dylan auch unterschiedliche Reaktionen hervorruft: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklärte in einer schriftlichen Stellungnahme des Auswärtigen Amtes: "Die Stockholmer Jury hat eine mutige Entscheidung getroffen, mit der sie auch in diesem Jahr wieder die Genregrenzen sprengt. Sie ehrt einen der größten Musiker des 20. Jahrhunderts, der wie kein anderer Millionen Menschen auf der ganzen Welt mitgerissen und mit seinen Texten und ihren tiefen Wahrheiten direkt ihre Herzen erreicht hat." )Der Deutsch-Rocker Heinz Rudolf Kunze zeigte sich "erleichtert, dass es nun endlich geklappt hat und findet es gut, "wenn auch obskure Autoren den Preis bekommen, aber es war höchste Zeit, dass mal wieder jemand den Preis bekommt, der Millionen Menschen erreicht hat", so der bei Hannover lebende Rockpoet. Der Schriftsteller Salman Rushdie twitterte: "Dylan ist ein brillanter Erbe der Barden-Tradition. Großartige Wahl." Schriftstellerin Sibylle Berg: "Die Chancen für mich, den Nobelpreis in Physik zu bekommen, haben sich gerade dramatisch erhöht."

Literaturkritiker Denis Scheck bezeichnete die Ehrung des Songschreibers indes als einen Witz. "Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein 'Späßken'", sagte er der dpa. "Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit." Auch der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu reagierte überrascht und auch enttäuscht auf die Vergabe. "Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist, ich selbst habe ihn übersetzt", schrieb Cartarescu bei Facebook. "Aber es tut mir so leid um die wahren Schriftsteller - Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2 bis drei, die den Preis beinahe in der Tasche hatten." Der britische Schriftsteller Irvine Welsh ("Trainspotting") twitterte: "Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies."


Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
Kulturzeit-Gesprächsgast ...
© dpaLupeHeinrich Detering, Literaturwissenschaftler und Dylan-Biograf
(13.10.2016)
Lesung
© ZDFVideoHelmut Winkelmann liest Bob Dylan
(13.10.2016)
Zur Person
Bob Dylan
Der Rock- und Bluesmusiker stammt aus einer jüdischen Mittelklassefamilie in Minnesota und hatte seine ersten Auftritte in den 1960er Jahren in New Yorker Kaffeehäusern. Seine Songs "Blowin' In The Wind" und "The Times They are A-Changin" wurden zu Hymnen der Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung.

"Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung", beschreibt er seinen Start als Singer-Songwriter später in der literarisch anspruchsvollen Autobiografie "Chronicles" (2004).

Mit den Jahren wandelte sich Dylan zum Rockmusiker und schuf in dieser Zeit (1965) mit "Like A Rolling Stone" einen anderen Klassiker. 1979 konvertierte Dylan zum Christentum. Er ist Vater und zum zweiten Mal verheiratet. Im Mai erschien Dylans jüngstes Album "Fallen Angels".
Nobelpreise 2016
"Der größte Nutzen für die Menschheit"
Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Wirtschaft und Frieden
Hintergrund
Frühere Literaturnobelpreisträger
2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)
2014: Patrick Modiano (Frankreich)
2013: Alice Munro (Kanada)
2012: Mo Yan (China)
2011: T. Tranströmer (Schweden)
2010: Vargas Llosa (Peru)
2009: Herta Müller (Deutschland)
2008: J.-M.G. Le Clézio (Frankreich)
2007: Doris Lessing (Großbritannien)
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)
2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
2003: John M. Coetzee (Südafrika)
2002: Imre Kertész (Ungarn)
2001: V.S. Naipaul (GB/Trinidad)
2000: Gao Xingjian (China/FR)