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Volksbühne-Mitarbeiter haben einen offenen Brief geschrieben: Mit Sorge sehe man dem Intendantenwechsel entgegen.
Volksbühne-Mitarbeiter haben einen offenen Brief geschrieben: Mit Sorge sehe man dem Intendantenwechsel entgegen.
"Wir sehen die Zukunft bedroht!"
Streit um die Zukunft der Volksbühne Berlin
Mit Sorge sehen die Mitarbeiter der Volksbühne Berlin dem bevorstehenden Intendantenwechsel entgegen. Das äußerten sie sehr deutlich in einem offenen Brief vom 20. Juni 2016 an Berlins Politik. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) verteidigte den umstrittenen Wechsel am 23. Juni nun erneut im Abgeordnetenhaus.
Michael Müller erklärte im Abgeordnetenhaus: Der scheidende Volksbühnen-Chef Frank Castorf habe mehr als 20 Jahre "großartige Theaterarbeit" geleistet. Jedoch müsse man nach so einer langen Zeit auch für die nächsten 10 oder 20 Jahre anderen Menschen mal eine Chance geben, ohne dass die bisherige Arbeit komplett auf null gestellt werde.

Grüner Salon will mit Castorf gehen
Auch der Grüne Salon meldet sich in der Intendanten-Debatte zu Wort: Das Team will gemeinsam mit Noch-Intendant Frank Castorf zum Spielzeitende 2017 die Volksbühne verlassen, wie es auf Facebook in einem Statement erklärte:


2017 löst der Belgier Chris Dercon den langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, ab. Schon direkt nach der Bekanntgabe hatte es Stunk gegeben. Dann der besorgte offene Brief zahlreicher Mitarbeiter. In einer Pressemitteilung hatte die Senatskanzlei bereits am 21. Juni zu beschwichtigen versucht. Die Sorge sei unbegründet. "Die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Volksbühne geäußerte Sorge und Kritik bedauern wir sehr und nehmen sie selbstverständlich ernst", hieß es.


Es sei "im Interesse der Volksbühne, des designierten Intendanten Chris Dercon und der Kulturverwaltung, dass die geäußerten Sorgen ausgeräumt werden." Diese Sorgen seien jedoch unbegründet. Auch Chris Dercon wird in dem Schreiben vom 21. Juni zitiert: Es brauche "alle Kompetenzen, alle Kreativität und alle Fantasie der Volksbühnen-Mitarbeiter". Deswegen werde es "weder einen großen personellen Umbruch geben noch sind die verschiedenen Gewerke in Gefahr."

Wie die Geschichte begann ...
Am 24. April 2015 hatte Berlins Regierender Bürgermeister und Kultursenator der Stadt, Michael Müller (SPD), in einer Pressemeldung erklärt: "Ich bin überzeugt, dass Chris Dercon die Erfolgsgeschichte der Volksbühne auch als Ensemble- und Repertoire-Theater fortschreiben wird." Und er hatte betont: "Wir wollen das bisher Erarbeitete nicht in Frage stellen oder kleinreden, sondern wir wollen es für die Zukunft weiterentwickeln."


"Uns schreckt nicht das Neue", heißt es nun in dem offenen Brief der Volksbühne-Mitarbeiter vom 20. Juni 2016. Doch nach einer Vollversammlung am 28. April sind sie skeptisch, dass eine solche Weiterentwicklung des Theaters gelingen kann. Eine "konzeptionelle Linie" sei "in den Ausführungen Chris Dercons und seiner Programmdirektorin Marietta Pieckenbrock nicht zu erkennen", heißt es in dem offenen Brief. Vielmehr fürchte man nach den Ausführungen auf der Vollversammlung "den Ausverkauf der für uns geltenden künstlerischen Maßstäbe" und eine "Schwächung unseres potenten Schauspietheaterbetriebs". Man vermisse all das, was das Theater so unverwechselbar mache: "eine politisch eingreifende Kunst, ein spezifisches Theaterkonzept, einen Repertoire- und Ensemblebetrieb".

Hintergrund ...

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Der Belgier kommt
Noch ist er Direktor der Londoner Tate Modern, doch ab 2017 beerbt Chris Dercon Frank Castorf als Intendant der Berliner Volksbühne. Die große Frage ist: Was bedeutet diese Personalie für die Theaterkultur der Stadt?
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"Irreversible Zäsur"
Der Intendantenwechsel sei "keine freundliche Übernahme", sondern eine "irreversible Zäsur", so die Kritik. Man befürchte, dass das "einzigartige Potential des Hauses mit über 200 Festangestellten und eigenen Werkstätten" nicht abgeschöpft werde. Stattdessen habe man Sorge, dass Stellen abgebaut, ganze Gewerke abgeschafft würden.

"Wir sehen die Zukunft der Volksbühne bedroht!", schreiben die Unterzeichner, zu denen Schauspieler wie Sophie Rois, Birgit Minichmayr und Martin Wuttke gehören sowie weitere prominente Theaterschaffende wie René Pollesch, Jürgen Kuttner, Carl Hegemann und Anna Viebrock. Die Neuausrichtung der Volksbühne dürfe nicht um den Preis "der Abwicklung künstlerischer Standards und gewachsener Kooperationen" vorgenommen werden.

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