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Themen vom 27.07.2017Navigationselement
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© Auszug Titelblatt Magazin "Kibernetiq" Lupe
Neu auf dem Markt: "Kybernetiq" - ein Magazin für Informationstechnologie und Datensicherheit. Was steckt dahinter?
Krypto-Dschihad
Das Magazin "Kybernetiq"
Seit einigen Wochen kursiert das erste deutschsprachige Magazin von Dschihadisten im Netz: "Kybernetiq". Ein Magazin für Informationstechnologie und Datensicherheit. Was steckt dahinter? Was treibt die Macher?
Eine Patronenhülse neben einem USB-Stick - dieses Cover ziert das Magazin "Kybernetiq". Seit einigen Wochen kann man das Heft als PDF in den sozialen Netzwerken downloaden. Im Vorwort schreiben die Urheber, dass sie "Mudschahidin" seien und ihre muslimischen Glaubensgeschwister den richtigen Umgang mit der Technik lernen sollten.

"Werde zum Albtraum der Geheimdienste"
"Um sich vor den Feinden Allahs zu schützen" - so schreiben sie - präsentieren sie Anleitungen, wie man mit Open Source verschlüsselt. "Werde zum Albtraum der Geheimdienste" - so die Titelstory. "Kybernetiq" empfiehlt bestimmte Software, warnt aber auch davor, Programme zu verwenden, die bereits in der Vergangenheit von El Kaida genutzt wurden. "Als Bruder im Islam fühle ich mich im Post-Snowden-Zeitalter gegenüber Euch verpflichtet, dringend davon abzuraten, Krypto-Programme mit einem Mujahid-Branding zu benutzten", schreibt einer der anonymen Autoren im Heft.


Ein Nerd-Magazin für Dschihadisten im Post-Snowden Zeitalter? Der deutsche Verfassungsschutz beobachtet das professionell gemachte Magazin, hält "Kybernetiq" jedoch "strafrechtlich als auch hinsichtlich der Gefährdung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung weniger relevant". Das Magazin richte sich zwar an Anhänger der dschihadistischen Ideologie, es gehe aber fast ausschließlich um die Vermittlung technischen Wissens. "Kybernetiq" sei nicht in erster Linie darauf ausgerichtet, Personen ideologisch zu beeinflussen und zu radikalisieren - so der Verfassungsschutz gegenüber Kulturzeit.

Für den Islamwissenschaftler Nico Prucha eine Fehleinschätzung. Er erforscht an der Universität Wien sowie am King's College in London dschihadistische Propaganda in sozialen Netzwerken.


Was steckt dahinter?
Wer steckt hinter dem Magazin? Das Bundesamt für Verfassungsschutz schreibt auf Anfrage von Kulturzeit, dass "Kybernetiq" keinen Bezug zu einer dschihadistischen Organisation erkennen lasse.


Der bayerische Verfassungsschutz hat Anhaltspunkte dafür, dass einer der Verantwortlichen von "Kybernetiq" aus dem salafistischen Umfeld kommt und früher in Bayern gewohnt hat. Vor einiger Zeit sei dieser in das Gebiet Syrien/Irak ausgereist. Bei dieser Person handele es sich um einen Experten für Verschlüsselungstechnik, so das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz gegenüber Kulturzeit.

Via E-Mail treten wir in Kontakt mit den Urhebern von "Kybernetiq". Innerhalb kurzer Zeit meldet sich ein Sprecher, der sich "Brandstifter" nennt. Gerne sei man bereit, Fragen zu beantworten. Zwei Tage später folgt eine ausführliche E-Mail. "Kybernetiq" werde in Syrien produziert und von dort ins Netz gestellt. Es seien Freiwillige, die ihre kostbare Freizeit opfern würden.

Mit einer Organisation seien sie nicht verbunden. Ihre Motive seien religiöser Natur: "Unsere komplette Arbeit basiert auf der Religion. Es ist die individuelle religiöse Verpflichtung gegenüber Allah, dem erhabenen Schöpfer, sowie der muslimischen Gemeinschaft", so "Brandstifter". Ihre Ziele seien die Befreiung der unterdrückten muslimischen Länder und das Einführen der islamischen Gesetzgebung, der Scharia. "Brandstifter" schreibt, dass sie überall, wo sie nur können, den Dschihad betreiben würden.


"Die Inhalte in Kybernetiq sind auf Deutsch, kommen aber aus dem arabischen Gesamtspektrum der Theologie des IS und El Kaida", sagt Nico Prucha. Die westliche Wahrnehmung sei so angelegt, "dass wir den IS und El Kaida gar nicht als religiöse Bewegung verstehen wollen. Und jeder, der die arabischen Texte liest und verstehen kann, für den ist klar, dass es sich hier um religiöse Motive handelt."

Auf die Frage danach, ob es eine theologische Begründung für Verschlüsselung gebe, schreibt "Brandstifter" an Kulturzeit:


"Kybernetiq" behandelt technische Inhalte, lädt diese religiös auf und stellt sie in den Kontext des globalen Dschihad. Vom Nerd zum Dschihadisten - ein Magazin wie "Kybernetiq" ist Türöffner zu Netzwerken, die auch vom IS mit Inhalten gefüttert werden. "Die Hauptgefahr beim IS sieht Nico Prucha darin, "dass wir zigtausende verschiedensprachige Unterstützer haben, die sich selbst die Mühe machen, innerhalb der arabischsprachigen Propagandatexte, um dann den IS zu verteidigen. Wir haben Community Feedback. Und die Stimmen aus der Community für die Community sind natürlich entsprechend glaubwürdig."

Macht der Masse: Crowdsourcing
Dschihadistische Bewegungen wie der IS setzen im Netz auf die Macht der Masse: Crowdsourcing. Medienaktivisten speisen Inhalte ein, verbreiten diese weltweit. Sympathisanten modifizieren diese je nach Zielgruppe. Per Mouseklick zum göttlichen Heil - dieses Versprechen macht den Online-Dschihad attraktiv - auch für die Macher von "Kybernetiq". "Ein Mudschahedid hat seine Seele an seinen Herrn verkauft und ihm geschworen, bis zum letzten Atemzug, den Dschihad zu betreiben", schreibt "Brandstifter".


Der Dschihad im Netz wird von religiösen Motiven am Laufen gehalten. Doch im Kampf gegen den virtuellen Dschihad ist von dieser Erkenntnis nur wenig zu bemerken. Der Westen stempelt die sichtbaren Greueltaten des IS als barbarisch ab und bekämpft Symptome. In der Zwischenzeit kann der IS die große Erzählung des Dschihad weiterverbreiten. Auch der selbsterklärte Krieg des Hacker-Kollektivs Anonymous gegen dschihadistische Propaganda im Netz ist eher Ausdruck eines hilflosen Aktivismus, denn Ursachenbekämpfung.


Der Online-Dschihad ist erfolgreich, weil er Identitätsangebote für Muslime macht. In Indonesien versucht man dem etwas entgegenzusetzen. Die wohl größte islamische Organisation der Welt, Nahdlatul Ulama, vertritt rund 50 Millionen Sunniten. In einem Pilotprojekt erarbeitet sie derzeit mit Wissenschaftlern wie Nico Prucha moderate Interpretationen des Islam. Per Crowdsourcing sollen diese in den sozialen Netzwerken verteilt werden. Das einjährige Projekt wird von der Uni Wien durchgeführt und vom österreichischen Innenministerium unterstützt.


In der Ideologie des Dschihad muss man sich nicht unbedingt in die Luft sprengen, um ins Paradies zu kommen. Es reicht der Kampf in den Medien, ein Kampf um Köpfe und Herzen. Die nächste Ausgabe von "Kybernetiq" ist bereits in Vorbereitung. Die Entwürfe müssten noch zusammengefasst und in das Layout eingearbeitet werden, schreibt "Brandstifter".