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Für Richard Sennett hat diese Ehrung eine besondere Bedeutung, würdigt er doch den besonderen Stil, mit dem er Soziologie betreibt.
Der Literat unter den Soziologen
Hausbesuch bei Richard Sennett in London
Die Lausanner Fondation Charles Veillon hat am 1. März 2016 den US-amerikanischen Soziologen und Kulturphilosophen Richard Sennett für sein Buch "Zusammenarbeit" mit ihrem europäischen Essay-Preis ausgezeichnet. Kulturzeit-Redakteur Cornelius Janzen hat den Literaten unter den Soziologen in London getroffen.
London. Eine ehemalige Fabrik in Saffron Hill. Hier fand Charles Dickens im 19. Jahrhundert Stoff für seine Romane über Armut in der Stadt - seine Figur Oliver Twist wird hier als Straßendieb angeheuert. An der Tür stehen keine Namen. Ein Portier geleitet uns von der edel anmutenden Lobby zum Fahrstuhl, der uns in den fünften Stock bringt. Richard Sennett öffnet die Tür.

Kein Prof, der die Welt nur aus Studien kennt
Der Mann mit dem weißen Haar und der kleinen Brille lacht über die vielen Taschen, in denen wir unser Film-Equipment verstaut haben. Er führt uns in eine Wohnung, die eher wie ein Loft anmutet. Im Mittelpunkt des lichtdurchfluteten Raumes: ein Flügel mit Bildern von Sennett und seiner Frau, der Soziologin Saskia Sassen. An der Wand: moderne Kunst, Bilder alter Stadtansichten, großformatige Fotos.

Auf seinem Esstisch liegen zahlreiche Bücher. In seinem Arbeitszimmer steht eine Liege, die an das Design von Mies van der Rohe erinnert. Von der Terrasse aus sieht man die Skyline Londons. Ein großbürgerliches Ambiente mit industriellem Charme, offenen Räumen und klaren Formen. Doch wer meint, hier lebe ein Professor, der von der Welt da draußen nur aus seinen Studien etwas weiß, der irrt.

 

"In meinem Buch versuche ich auf einer kulturellen Ebene zu zeigen, dass Unsicherheit Menschen dazu bringt, ihre Erfahrungen reinzuhalten, damit es keine Unterschiede mehr gibt, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Sodass sie das Gefühl haben, in einer berechenbaren Welt zu leben, die ihnen vertraut ist. Wenn sie dann auf jemanden treffen, der ihnen fremd erscheint, sehen sie in dieser Person eine Gefahr."

(Richard Sennett)

 

Richard Sennett wurde 1943 in Chicago als Sohn russischer Einwanderer in einem Armenviertel geboren, seine Mutter war Sozialarbeiterin, sein Vater überzeugter Kommunist. Heute ist Sennett Bestseller-Autor, lehrt an der New York University, sagt aber, dass er viel lieber in London lebe, der einzig wahren Metropole Europas. Hier hat er eine Professur an der London School of Economics, schreibt Bücher über Handwerk, Kooperation und Städte, musiziert mit Intellektuellen und Journalisten - darunter auch der ehemalige Chefredakteur des "Guardian", Alan Rusbridger.

Seit seiner Kindheit spielt Sennett Klavier und Cello, vor seiner Karriere als Soziologe wollte er Berufsmusiker werden. Doch dann verletzte er sich an der Hand, studierte in Chicago und Harvard Soziologie sowie Geschichte - unter anderem bei Hannah Arendt.

Mit seinem Buch "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" aus dem Jahr 1977 wurde er berühmt. Für sein jüngstes Buch "Zusammenarbeit" aus dem Jahr 2012 wird er nun mit dem "Prix européen de l'essai Charles Veillon" ausgezeichnet - ein Preis, der ausschließlich Essays prämiert. Für Sennett hat diese Ehrung eine besondere Bedeutung, würdigt er doch den besonderen Stil, mit dem er Soziologie betreibt.

 

"Eine fertige Performance, die keine Brüche hat, ist eine tote Performance. Sie muss lebendig sein, läuft dabei jedoch immer Gefahr, außer Kontrolle zu geraten."

(Richard Sennett)

 

Sennetts Bücher bewegen sich zwischen Wissenschaft, Sozialstudien und Literatur. Vielen seiner Kollegen steht er skeptisch gegenüber: Wissenschaftliche Bücher sind für ihn oftmals fehlgeleitet, da sie allein fertige Positionen präsentieren. Sennett hingegen geht mit dem Leser auf Entdeckungsreise, lädt ihn ein, sich Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten zu stellen, ist oftmals mehr Psychologe als Soziologe, mehr Essayist als akribischer Wissenschaftler. So will Sennett einen Austausch ermöglichen, von dem alle profitieren. Und genau das ist auch der grundlegende Gedanke seines Buches zu Kooperation.

Lernen, in einen Dialog zu treten
Ausgangspunkt für ihn ist dabei die Musik: Wie in einem Orchester gilt es, von der komplexen Andersartigkeit jedes Menschen auszugehen und zu lernen, in einen Dialog zu treten. Dabei muss jeder Einzelne über Kunstfertigkeiten verfügen, die Sennett als Dialogfähigkeit bezeichnet, die Basis für Kooperation in der Gesellschaft. Doch die moderne Gesellschaft hat das Potenzial komplexer Kommunikation zwischen unterschiedlichen Menschen brachliegen lassen. Wettbewerb und Egoismus geben den Takt vor und erzeugen grundlegende Unsicherheiten. Aus Angst vor Unterschieden verschanzen sich Individuen hinter Mauern, suchen Heil in Weltbildern, die Andersartigkeit ausradieren.

In seinem Buch sucht Sennett nach Wegen, um die Kooperation erneut als Wert und als handwerkliche Fähigkeit zu etablieren. Sennett will hin zu einer Gesellschaft, die offen bleibt wie eine Membran. Er will die Qualität des sozialen Lebens im Alltag verbessern. Ihm geht es nicht um die großen Fragen nach Identität, sondern um die Haltung jedes Einzelnen im Umgang mit Andersartigkeit.

Genau das ist sein Anliegen: weg von nationaler Politik, hin zu offenen Werkstätten des Miteinanders im Alltag. Weg vom rechthaberischen Streit um endgültige Wahrheiten, hin zu einem Dialog, der Brücken baut, ohne den Anderen in Schemata zu pressen. Wir müssen Andersartigkeit aushalten und mit Meinungsverschiedenheiten leben - das ist sein Credo. Kein Wunder also, dass die Fondation Charles Veillon Richard Sennett, den großen Literaten unter den Soziologen, in einer Zeit der nationalen Egoismen mit diesem genuin europäischen Preis auszeichnet.

Buch
"Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält"
von Richard Sennett
Übersetzung: Michael Bischoff
Deutscher Taschenbuch-Verlag 2014
ISBN-13: 978-3423348379