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Was können wir aus der Geschichte lernen?
Erinnern an den Historiker Fritz Stern
Was können wir aus der Geschichte lernen? Das fragten wir den großen Historiker Fritz Stern anlässlich seines 90. Geburtstags noch im Februar 2016. Wie nun eine Sprecherin des Verlags C.H. Beck in München mitteilte, starb Fritz Stern am 18. Mai zuhause in New York. Er gilt als der bedeutendste US-amerikanische Deutschland-Historiker.
1938 floh Fritz Stern mit seinen Eltern aus Nazideutschland in die USA, verließ seine Heimat Breslau. Doch Deutschland ließ ihn nicht los. Im Laufe der Jahrzehnte sezierte Stern die Geschichte des Westens, fungierte als wichtiger politischer Berater.

Man sollte wissen, sagt Fritz Stern im Kulturzeit-Interview im Februar 2016, "dass die Freiheit ungeheuer verletzlich ist". Gerade heute greife die Angst um sich. "Und Angst ist etwas Furchtbares." Stern war erst zwölf, als seine jüdische Familie aus Breslau in die USA emigrierte. Später studierte er an der New Yorker Columbia University - mit kleinen Unterbrechungen blieb er seiner Alma Mater bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1997 treu. Die kulturelle und politische Geschichte des modernen Europa, insbesondere Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert, waren sein Forschungsschwerpunkt.

Kulturzeit-Interview mit Fritz Stern ...

Wodurch wird die Freiheit ganz konkret im Moment bedroht?
"Durch einen rechtsradikalen Populismus. Gelegentlich gibt es auch einen linksextremen Populismus, aber im Augenblick im Auftrieb ist der Rechtsradikalismus, der Freiheit ohne Weiteres beschränken würde - und das selbst zugibt. In Amerika ist es ein besonders trauriges Kapitel im Augenblick. Und wenn ich das zu meinem Geburtstag sagen darf: Ich finde es eigentlich etwas unfair vom Leben: Ich bin aufgewachsen mit dem Sterben einer Demokratie. Und ... jetzt sehe ich die Demokratie nur in Gefahr. Und vielleicht sehe ich das größer als andere - geprägt aus der Vergangenheit und aus meiner eigenen Erfahrung."

Was genau ist die Gefahr für die Demokratie im Moment?
"Da sehe ich die Gefahr einer Verdummung der Menschen - die kann man nicht unterschätzen - die Verdummung auch in diesem Lande. Zum Teil durch amerikanisches Fernsehen, auch durch social media, die 'Political Correctness'. Wir stehen in einem Zustand des andauernden und radikalen Wackelns. Das kann einen besorgt machen."

Was bedeutet es, wenn die Institutionen so wackeln, für die Zukunft der Demokratie?
"Eine weitere Verunsicherung. Wenn man Verunsicherung, Angst und Verdummung zusammentut, dann kommt das große Schreien nach Autorität, nach Führung. Das alles sieht man im Augenblick in Amerika wahrscheinlich am deutlichsten."

Was bedeutet es für Sie, dass sich im Moment das Rennen der Konservativen eigentlich zwischen jemandem wie Donald Trump und Ted Cruz abspielt?
"Die sehe ich überhaupt nicht als konservativ an, in keiner Weise. Die sind rechtsradikal und würden das Land und die Welt ins Unglück stürzen. Die haben absolut keinen Wirklichkeitssinn. Konservative oder rechtsstehende Leute, die sich Sorgen machen um ihre eigene Position, um ihre eigene Macht. Die glauben, sie könnten jemanden wie Trump benutzen, um ihre Macht zu behalten - das ist eine gefährliche Illusion."

Viele Leute haben jetzt Angst vor Überforderung ...
"Diese ganze Migrationswelle - oder wie andere sagen: Völkerwanderung - ist eine ungeheure Herausforderung für die gesamte europäische Gesellschaft. Und leider ist das, was Merkel gehofft hat, dass es zu einer europäischen Lösung kommen würde, im Augenblick auch am Wackeln. Doch die Generosität, die Offenheit, der aktive Anstand, den Angela Merkel bewiesen hat, muss natürlich übersetzt werden mit der Bereitstellung von Mitteln, um es den Kommunen möglich zu machen, die Leute reinzubringen, zu erziehen, ihnen Deutsch beizubringen, und so weiter."

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die nicht all das erlebt haben, was Sie erlebt haben, die Orientierung suchen?
"Beschäftigt Euch mit der Vergangenheit, um sich an den menschlichen Schicksalen aus der Vergangenheit zu orientieren, sich zu erinnern, und das nicht einfach hinzunehmen und zu glauben, dass die Errungenschaften der Zeit zwischen 1945 und - sagen wir mal - 1970, dass man das nicht einfach als gegeben hinnehmen kann. Und zu glauben, das ist so, das bleibt so. Es bleibt nur so, wenn man es verteidigt. Dieser Appell sollte gerade an die Jugend gestellt werden. Ich weiß nicht, wie weit das im Augenblick geschieht. Ich glaube, nicht genug."

Kulturzeit-Interview mit ...
© ZDFVideoFritz Stern, Historiker
(geführt von Johannes Hano)
Buch
© C. HLupe"Zu Hause in der Ferne: Historische Essays"
von Fritz Stern
C. H. Beck 2015
ISBN-13: 978-3406682964
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