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Kulturzeit heute
31. Mai 2016
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Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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"Ich hatte großes Glück"
Auschwitz-Überlebende Klüger im Bundestag
Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, als die österreichische Auschwitz-Überlebende und Germanistik-Professorin Ruth Klüger bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 sprach. Als zwölfjähriges Mädchen war sie nach Theresienstadt verschleppt worden, später nach Auschwitz. Nur durch einen Zufall überlebte sie, als eine von 7000.
"Ich hatte großes Glück", sagte die 84-Jährige in ihrer Rede. Sie sei an eine freundliche Schreiberin geraten, die ihr empfahl, sich für älter auszugeben, als sie war. Klüger sagte, sie sei 15 - und kam damit durch. Denn mit 15 konnte sie als Arbeiterin im Lager eingesetzt werden. "Einem Zufall und einer freundlichen Schreiberin verdanke ich mein Weiterleben", sagte die Holocaust-Überlebende. Der Todesangst sei sie entronnen, doch in eindringlichen Worten beschrieb Klüger, die in den USA Germanistik unterrichtet, von den Entbehrungen und leidvollen Erfahrungen, denen sie ausgesetzt war. "Im Steinbruch war es kalt, unsere Kleidung war viel zu dünn, an den Füßen trugen wir Zeitungspapier und an den Beinen hatten wir eitrige Wunden, die nicht heilen wollten."

Sagte Gedichte auf, um nicht zu verzweifeln
Zum Thema Zwangsarbeit, das an diesem Holocaust-Gedenktag im Zentrum des Gedenkens steht, sagte Klüger, es liege im Wesen der Zwangsarbeit, dass man den Sinn dieser Arbeit nicht erfahre. Im polnischen KZ Groß-Rosen, das heißt, dessen Außenlager Christianstadt, musste sie Frondienste verrichten. "Wir haben Holz gehackt und Schienen gebaut, wofür, wussten wir nicht." Gegen die Lethargie, die sich in Reaktion darauf eingestellt habe, habe sie Gedichte aufgesagt. "Sklaven- und Zwangsarbeit hat ihre Tücken und für die Nazis ist wohl weniger dabei herausgesprungen, als sie sich am Reißbrett erdachten, aber immer noch zu viel", sagte Klüger.

Einen ganzen Teil ihrer Rede widmete Klüger den Frauen, die in den Lagern als Prostituierte missbraucht worden waren. Nach Kriegsende seien diese Frauen, die zur sexuellen Zwangsarbeit gezwungen worden waren, aber nicht als Zwangsarbeiterinnen eingestuft worden. Dies sei eine Diskriminierung und Vertuschung. Zudem seien diese Frauen auch von ihren Familien geächtet worden. "Ihre Angehörigen schämten sich für sie." Und: "Wenn wir heute hier der Zwangsarbeiterinnen von damals gedenken, müssen wir sie mit einschließen", so die 84-Jährige Holocaust-Überlebende.

Beeindruckt von deutscher Flüchtlingshilfe
Zum Ende ihrer Rede schlug Klüger noch eine Brücke zur deutschen Flüchtlingspolitik. Sie sei sehr beeindruckt von den vielen Menschen in Deutschland, die diese Politik bejahten und sich als Helfer einsetzten. Deutschland, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich gewesen sei, habe heute "den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen". Im Anschluss an die Rede von Ruth Klüger sang der RIAS-Kammerchor noch das berühmte Lied von den "Moorsoldaten", das die Zwangsarbeiter in den Lagern damals gesungen hatten, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Am Ende des Liedes heißt es: "Heimat, du bist wieder mein - dann zieh'n die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor".

Mediathek
© ReutersVideoRuth Klüger - Gedicht
(27.01.2016)
Mediathek
© ZDFVideo"Wir sind die Moorsoldaten"
Der Rias-Kammerchor singt (27.01.2016)
Geschichte
Fabrik des Todes
Zum Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz
Porträt
Kritisch-pointiert
Ruth Klüger erhält Theodor-Kramer-Preis 2011
Info
Ruth Klüger wurde 1931 in Wien als Tochter eines jüdischen Arztes geboren. Die Familie wurde nach Theresienstadt deportiert und von dort ins Vernichtungslager Auschwitz. Ihr Vater und Halbbruder wurden ermordet. Klüger gelang gemeinsam mit ihrer Mutter auf einem "Todesmarsch" die Flucht. Die heute 84-Jährige zählt zu den bekanntesten Germanistinnen in den USA. Als Schriftstellerin machte sie sich mit ihrer Autobiografie einen Namen.

(Quelle: epd)