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70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft haben Historiker die erste deutsche Neuauflage von Hitlers "Mein Kampf" vorgestellt.
Hitlers Hetzschrift
Neuedition von "Mein Kampf" erschienen
Nach jahrelanger Arbeit hat das Münchner Institut für Zeitgeschichte am 8. Januar 2016 seine wissenschaftliche, kritische Edition von Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" vorgestellt. 2000 Seiten mit 3700 Fußnoten. Ein Mammutprojekt, das erwartungsgemäß von vielen kritisiert wird.
"Es ist furchtbar, wenn im Land der Täter die Nachkommen der Überlebenden zusehen müssen, wie 'Mein Kampf' in einer neuen Fassung vorgestellt wird", sagte der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer am 7. Januar 2016 im BR-"Rundschau-Magazin". Es sei ein unvorstellbarer Gedanke. Auch der Londoner Germanist Jeremy Adler übt scharfe Kritik an der kritischen Edition. Eine gewissenhafte Institution dürfe keine Hetzschriften verbreiten, sagte er am 8. Januar im Deutschlandfunk. Niemand könne kontrollieren, wie der rassistische Text aufgenommen wird, warnte der Professor für Deutsche Sprache am Londoner King's College. Es hätte ausgereicht, einzelne Textpassagen im Kontext eines kritischen Kommentars zu veröffentlichen.

Urheberrechte sind ausgelaufen
Lupe
70 Jahre lang konnte Bayern sämtliche Nachdrucke verbieten.
Warum diese Edition? Klar war, dass die Urheberrechte an "Mein Kampf" zum 31. Dezember 2015 auslaufen würden. 70 Jahre lang war Bayern Rechteinhaber. Die US-Regierung hatte dem Freistaat nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Urheberrechte an Hitlers Hetzschrift übertragen. Bayern konnte somit 70 Jahre lang sämtliche Nachdrucke verbieten. Das Institut für Zeitgeschichte in München nahm sich vor, unmittelbar nach Ablauf der Frist, also zum Jahresbeginn 2016, eine wissenschaftlich kommentierte Gesamtausgabe vorzulegen. Die fast 2000 Seiten starke kritische Edition sei als eine "Gegenrede zu Hitlers Schrift" zu verstehen, sagte der Leiter des Editionsprojekts am Institut für Zeitgeschichte, Christian Hartmann, am 8. Januar in München.

Die umfassend kommentierte Neuausgabe könne einem breiten Publikum verdeutlichen, dass es sich bei dem Buch "über weite Strecken um eine aggressive wie ordinäre Hasspredigt handelt", sagte Hartmann weiter. "Dieses Buch war und ist ein Symbol, daran hat sich bis heute nichts geändert." Zuerst war das Projekt mit finanzieller Unterstützung Bayerns gestartet. Doch Ende 2013 entzog der Freistaat dem Projekt die Fördersumme von 500.000 Euro, nach einer Israelreise von Ministerpräsident Horst Seehofer und Gesprächen mit israelischen Opferverbänden. Der Historiker und Hitler-Biograf Ian Kershaw hält die kritische Edition für überfällig. Sie sei eine "dezidierte Widerlegung der Hetzschrift". "Selbstverständlich kann 'Mein Kampf' weiterhin missbraucht werden, um Voreingenommenheit zu unterstützen." Doch Deutschland sei eine gefestigte Demokratie. "Die Lektüre von Hitlers unsäglichem Text wird mit Sicherheit keinen unvoreingenommenen Menschen zum Nazi konvertieren", so der Brite.

Jüdische Verbände uneins
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Als "unnötig", kritisiert Ronald S. Lauder die Neuedition.
Es gibt keine einheitliche Haltung zur Neuedition seitens jüdischer Verbände. So erachtet Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nur eine Veröffentlichung des unkommentierten Originals von "Mein Kampf" als bedenklich. "In einer kommentierten Form, wie es jetzt das Institut für Zeitgeschichte in München vorstellt, halte ich das für eine wissenschaftlich gute Möglichkeit, dieses Buch auch einmal zu demaskieren um klarzumachen, welche skurrilen Thesen sich hier in 'Mein Kampf' finden", sagte Schuster am 7. Januar im BR-"Rundschau-Magazin". Der Jüdische Weltkongress indes hält die Neuedition für Unsinn. Die Buchveröffentlichung sei "unnötig", die NS-Propagandaschrift sollte stattdessen "im Giftschrank der Geschichte" bleiben, erklärte Präsident Ronald S. Lauder am 8. Januar in New York.

Auch der ehemalige Sowjetpräsident Michail Gorbatschow äußerte sich kritisch. "Anstelle der Deutschen hätte ich darüber noch einmal nachgedacht", sagte er der Agentur Interfax. Er verspüre "weder Wunsch noch Notwendigkeit" nach einer Neuausgabe. "Wer Hitler faszinierend finden will, wird ohnehin nicht die Kommentare lesen", sagte Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Berliner TU, am 8. Januar dem Berliner "Tagesspiegel". Die Edition sei eine akribische Arbeit, deren Wert aber eher im Symbolisch-Politischen liege. So wäre es nach Auffassung von Schüler-Springorum politisch ein falsches Signal gewesen, nach Ablauf der 70 Jahre währenden Urheberrechtsfrist dem Markt für unkommentierte Ausgaben freien Lauf zu lassen.

Kulturzeit trifft Serdar Somuncu zum Thema
© dpa Lupe
Kabarettist Serdar Somuncu kennt sich aus mit "Mein Kampf".
Kulturzeit widmet sich der Neuedition von "Mein Kampf" in der Sendung am Mittwoch, 13. Januar 2016: Wir blicken gemeinsam mit Serdar Somuncu auf die Bedeutung der Neuauflage. Der Kabarettist zog zu Beginn der 1990er über die Bühnen Deutschlands und präsentierte in seinen Auftritten mitunter auch unter Polizeischutz szenisch Ausschnitte aus "Mein Kampf". In seinem neuen Buch "Der Adolf in mir" zieht Somuncu nun Fazit und rechnet gleichzeitig ab mit den Luckes, den Buschkowskys und den Zschäpes der Republik.

Kulturzeit-Interview mit ...
© ZDFVideoSerdar Somuncu zu "Mein Kampf"
(13.01.2016)
Aktuelles
Die Herausgeber der kritisch kommentierten Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" stocken die Auflage des umstrittenen Buchs auf. Wegen der großen Nachfrage wird die Edition nachgedruckt. "Die Edition ist wie jedes andere Buch erhältlich, aber wegen der besonderen Umstände mit einer gewissen Wartezeit verbunden", sagte eine Sprecherin des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) am 14. Januar 2016 in München. Das Institut gibt das zweibändige Werk im Eigenverlag heraus. Um kostendeckend zu arbeiten, wollte man sich deshalb am Bedarf orientieren. Schon vor dem Verkaufsstart am 8. Januar war klar geworden, dass die Startauflage von 4000 Stück nicht ausreichen würde.

(Quelle: dpa)
BR
© dpaHitlers "Mein Kampf" - eine Demontage
Multimedia-Webspecial von Michael Kubitza und Jürgen P. Lang
Hintergrund
© dpaLupeHitlers "Mein Kampf"
Nach seinem Umsturzversuch im November 1923 hat Adolf Hitler, in der Festung Landsberg inhaftiert, 1924 sein Buch "Mein Kampf" geschrieben. Darin legte er seine politischen Ansichten und Pläne dar. Als fanatischer Antisemit war Hitler Anhänger der "Rassentheorie", die Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand und in rechtsnationalen Kreisen in mehreren europäischen Ländern viele Anhänger hatte. In dieser Weltsicht war die sogenannte arische Rasse - deren edelste Vertreter in Hitlers Weltanschauung die germanischen Völker waren - Begründer der menschlichen Kultur. Die Juden hätten eine "verderbliche Rolle in der Geschichte der Menschheit" gespielt.

In der Hetzschrift sind die Grundlagen für Hitlers spätere Eroberungspolitik angelegt. Der erste Band erschien im Juli 1925, der zweite folgte im Dezember 1926. Bis Herbst 1944 erreichte "Mein Kampf" eine Auflage von 12,4 Millionen Exemplaren, dann gab es keine Neuauflage mehr.

(Quelle: dpa)
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