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© Memento Films Lupe
Klug und vielschichtig inszeniert Joachim Trier die Stille, die sich zwischen einen Vater und seinen pubertierenden jüngeren Sohn gelegt hat.
Schweigen, Lügen und Avatare
Kinostart von "Louder Than Bombs"
"Louder Than Bombs", so hieß in den 1980er Jahren ein Album der britischen Band The Smiths. Was für eine Metapher! Die Musik sollte Kriege, Bomben, kurzum: die Unbill dieser Welt übertönen. Dieser hinreißende Plattentitel hat dem norwegischen Regisseur Joachim Trier so gut gefallen, dass er ihn kurzerhand kaperte. "Louder Than Bombs" heißt sein neuer, bisher bester Film, der nun in der Kinos der 3sat-Länder startet.
Isabelle Reed (gespielt von Frankreichs Kinostar Isabelle Huppert) ist Kriegsfotografin. In ihren Bildern versucht sie, Wahrheit und Wahrhaftigkeit einzufangen - ihr Leben indes ist ein einziges Geflecht aus Lügen. Als sie bei einem Autounfall stirbt, lässt sie einen Mann, zwei Söhne und einen Haufen Geheimnisse zurück. Eines davon umkreist die Umstände ihres vermeintlichen Unfalltods.

Ihr Mann Gene (gespielt von Gabriel Byrne) ließ für Isabelle einst eine Karriere als Schauspieler sausen, um sich um die beiden Söhne zu kümmern, wurde stattdessen Lehrer. Seine Ehe mit Isabelle gleicht schon seit Langem einem Schiff, das leckgeschlagen hat. Gene ist nur noch damit beschäftigt, das von allen Seiten eindringende Wasser über Bord zu kippen. "Louder Than Bombs" ist ein Film über kleine und große Lebenslügen.

Gabriel Byrne spielt diesen Gene mit großer Präzision und viel Herz - ein Mann, der um seiner Kinder willen einen Kokon der Scheinheiligkeit um sein Leben gesponnen hat und doch keinen Draht zu seinen Söhnen bekommt. Sein Ältester, Jonah (Jesse Eisenberg), hat sich in eine Collegekariere geflüchtet, kann aber den Tod der geliebten Mutter nicht verwinden. Sein jüngster, Conrad, ist 14 und verweigert jede Kommunikation. Mit großen Kopfhörern, aus denen unentwegt laute Musik dröhnt, hält er sich die Welt, vor allem aber den Vater vom Leibe.

Sohn murkst Vater virtuell ab
Mit seiner Musik will er nicht den Lärm der Straße oder der Bomben aus dem Filmtitel übertönen, sondern die Stille, die sich über sein Leben gelegt hat. Und doch ist dieser Junge, der stundenlang in die Welt der Computerspiele abtaucht und dort mühelos viele Rollen einnimmt, so etwas wie der reine Tor in dieser Welt aus Schein. Als sein Vater Gene - aus purer Verzweiflung - sich einen Avatar bastelt, um wenigstens im virtuellen Raum Kontakt zu seinem Sohn zu bekommen, murkst Conrad im Spiel den Eindringling kurzerhand ab. Eine schöne freudsche Pointe, die brillant die schwierige Balance zwischen Distanz und Nähe in einem Vater-Sohn-Verhältnis auf den Punkt bringt.

"Louder Than Bombs" ist ein Film über das Schweigen. Klug und vielschichtig inszeniert Joachim Trier die Stille, die sich zwischen den Vater und seinen pubertierenden jüngeren Sohn gelegt hat. Zwei Lebenswelten, zwei Generationen und dazwischen eine tiefe Lücke.

Der Norweger Joachim Trier gilt nach zwei vielversprechenden Filmen ("Auf Anfang" und "Oslo, 31. August") als eines der großen Talente des skandinavischen Kinos. "Louder Than Bombs" ist seine erste US-Produktion, aus Angst, in Amerika Schiffbruch zu erleiden, hat er große Teile seines Teams aus Norwegen mitgebracht und erstmalig mit einem großen internationalen Cast gearbeitet: Isabelle Huppert, Gabriel Byrne, der Newcomer Devin Druid und der großartige Jesse Eisenberg geben perfekt die dysfunktionale Familie.

Ein sehenswerter Film!
Mit dieser vielschichtigen Geschichte rund um seine Dauerthemen Lüge, Identität und Erinnerung hat er einen Riesenschritt auf dem Weg zu einer internationalen Karriere gemacht. Und dass er den hübschen Filmtitel einfach geklaut hat (was er übrigens offen zugibt) passt ja auch irgendwie zu einem Film über Echtes und Falsches, Virtualität und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge. Wie gut der Plattentitel tatsächlich zu diesem Film passt, zeigt aber auch einer der schönsten Songs aus jenem alten Smiths-Album: "Asleep". Darin heißt es: "Sing me to sleep/And then leave me alone/Don't try to wake me in the morning/Cause I will be gone". Gehen Sie also rein in diesen sehenswerten Film, und kramen Sie hinterher noch einmal die alte Platte raus, legen diesen wunderbar melancholischen Song auf - perfekt!

Film
© Memento FilmsLupe"Louder Than Bombs"
NO/FR/DK 2015
Regie: Joachim Trier
Darsteller: Isabelle Huppert, Gabriel Byrne, Jesse Eisenberg, Devin Druid, u.a.
Kinostart:
DE: 07.01.2016
AT: 08.01.2016
CH: 14.01.2016
Mediathek
© ZDFVideoStatement von Gabriel Byrne
zu seinem eigenen Vater und zur Vater-Sohn-Beziehung im Film
Mediathek
© ZDFVideoStatement von Gabriel Byrne
zur Rolle des Fotoapparats