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© Temperclayfilm Lupe
Kollektive Solidarität breitete sich nach dem brutalen Anschlag rasend schnell über die Grenzen Frankreichs hinweg aus.
Sie sind "Charlie Hebdo"
Der Dokumentarfilm "Je suis Charlie"
Charb, Cabu, Tignous, Honoré, Wolinski - sie alle waren Zeichner des französischen Satire-Magazins "Charlie Hebdo". Alle fünf wurden am 7. Januar 2015 in Paris bei einem islamistischen Anschlag auf die Redaktion getötet. Aus Rache für veröffentlichte Mohammed-Karikaturen, wie es später hieß. Die Dokumentation "Je suis Charlie" zum Jahrestag des Attentats erinnert nun an sie.
"Ich habe gute Erinnerungen an diesen Tag, die Stunden vor dem Massaker", sagt "Charlie Hebdo"-Cartoonistin Coco im Filminterview - und lächelt kurz. Sie habe am Morgen ihre Tochter in den Kindergarten gebracht, sich etwas zu essen geholt und sich dann in die Redaktion begeben. Sie fühlte sich gut. Die Konferenz verlief gut. Es wurde lebhaft diskutiert. Sie ging früher, wollte noch ein Brot kaufen, rauchte noch eine Zigarette mit einer Kollegin.

Coco: "Alles ging so schnell"
"Es ist verrückt, wie das menschliche Schicksal von solchen Kleinigkeiten abhängt." Coco blickt ins Leere, als sie das sagt. Die beiden Attentäter standen da bereits in der Tür, sprachen sie an. Sie wussten genau, wer sie war. Coco hatte keine Ahnung, was los war. "Alles ging so schnell. Ich hatte keine Chance zu reagieren." Sie wird gezwungen, den Sicherheitscode für die Redaktionsräume einzugeben. "Ich dachte, ich würde sterben", sagt sie mit Tränen in den Augen. "Als ich den Code eingab, konnte ich die Kalaschnikow in meinem Rücken spüren. Ich dachte an meine Tochter. Ich wurde völlig zerrissen. Einfach zerrissen."

Es sind sehr persönliche Interviews, die die Filmemacher Daniel, der Vater, und Emmanuel Leconte, der Sohn, für ihre Dokumentation "Je suis Charlie" geführt haben. Hinzu kommen erschütternde Bilder der kollektiven Trauer nach dem blutigen Anschlag im Januar 2015, als Millionen Menschen in Paris von den insgesamt zwölf Opfern der Anschläge (auch denen am 8. Januar in einem jüdischen Supermarkt) Abschied nehmen. Beeindruckende Bilder kollektiver Solidarität, die sich nach dem brutalen Anschlag rasend schnell über die Grenzen Frankreichs hinweg ausbreitet: "Je suis Charlie!"

 

"Natürlich hätte ich gerne anders gehandelt. Niemand weiß, wie man in einer solchen Situation handeln würde."

(Coco)

 

"Je suis Charlie" zeigt die Momente, die die tägliche Arbeit der Redaktion dokumentieren, in all ihrer Leidenschaft, in all ihrer Konsequenz. Beim Lachen. Beim Debattieren. Beim Zeichnen. Was bewegte diese Karikaturisten, vor allem Charb, Cabu, Tignous? Was waren das für Menschen? Schon 2008 hatte sie Daniel Leconte für seinen Dokumentarfilm "C'est dur d'etre aime par des cons" interviewt. Das Material war bislang nicht veröffentlicht. Nun wirken die Interviews berührend und erschütternd in ihrer Klarheit. Man wusste, was man tat. Und tat es. Trotzdem. Genau deshalb. Jeden Tag.

 

"Man kann es als nicht lustig oder eben auch als störend empfinden. Eine Zeichnung, eine Idee, ein Wort ... Aber man kann darauf so reagieren, ohne dass man seinen Kritikern den Krieg erklärt oder sie physisch beseitigt."

(Charb)

 

© Temperclay Film Lupe
Weitermachen wie bisher?
Bereits 2007 war das Magazin von Islamverbänden in Frankreich verklagt worden, weil es aus Solidarität mit dem dänischen Magazin "Jyllands-Posten" Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte - mit einer Zeichung des Karikaturisten Cabu auf der Titelseite, die einen weinenden Mohammed zeigt, der sein Gesicht in seinen Händen verbirgt. Cabu wusste um die Brisanz seiner Zeichnung.

"Es war uns klar, dass dies an den extremen Rand des Islam adressiert war," so Charb im Film. "Wenn ich religiöse Extremisten zeichne, richtet sich dies an Extremisten, nicht an Muslime. Es ist nun einmal so, dass der Islam Teil der Nachrichten ist." Das Gerichtsverfahren konnte "Charlie Hebdo" für sich entscheiden. François Hollande sprach von einem "Präzedenzfall". Charb erklärte: Man mache weiter wie bisher, "nur mit mehr Gelassenheit".

Solidarität und Unterstützung
Doch wie macht man weiter nach einer solch brutalen Tat? Dank großer Solidarität und mit viel Unterstützung. Auch das zeigt die Dokumentation. Man wollte sie (die Attentäter) nicht gewinnen lassen. Die erste Ausgabe erschien bereits eine Woche nach dem Anschlag. Das Titelblatt zeigte eine Karikatur Mohammeds, der ein Schild mit den Worten "Je suis Charlie" hochhält. Darüber war die Titelzeile "Tout es pardonné" ("Alles ist vergeben") zu lesen. Die Ausgabe war - trotz einer Auflage von drei Millionen Exemplaren - sofort vergriffen. "Wir waren glücklich darüber, es für sie und für uns geschafft zu haben", sagt Coco im Film.

© Reuters Lupe
Eine 32-seitige Sonderausgabe ist zum ersten Jahrestag erschienen.
"Charlie Hebdo" macht weiter. Trotzdem. Genau deshalb. Jeden Tag. Zum Jahrestag des Mordanschlags erinnert das Blatt mit einer 32-seitigen Sonderausgabe an das Geschehene. Sie ist mit einem Gott als bewaffnetem Täter auf dem Titel in einer Auflage von einer Million Exemplaren erschienen. Die Redaktion ist aus ihren vorübergehenden Räumen im Gebäude der Zeitung "Libération" in ein Hochsicherheitsbüro im Süden von Paris umgezogen. Charb, Cabu, Tignous, Honoré und Wolinski wurde in Paris ein Denkmal gesetzt. Wer die Dokumentation gesehen hat, wird ein bisschen mehr über ihre Arbeit und sie selbst erfahren haben. Und darum ging es. Auf eine sehr persönliche Art und Weise.

Dokumentation
"Je suis Charlie"
(Dokumentation)
FR 2015
Regie: Emmanuel Leconte, Daniel Leconte
Kinostart DE/CH: 07.01.2016
Schwerpunkt
Anschlag auf "Charlie Hebdo"
Terrorakt gegen Satiremagazin in Paris
Zitat
"Wir möchte diesen Freidenkern einen Raum bieten. Weil wir sie vermissen und weil es sich gut anfühlt. Und weil wir darüber klagen, dass sie nicht hier sind, uns zu verblüffen, mit ihrem Humor, ihren Unverschämtheiten und ihrem Talent. Und um den hasserfüllten Worten ihrer Mörder Parole zu bieten, mit ihren Zeichnungen, Worten und ihrer Lebensfreude."

(Daniel und Emmanuel Leconte)