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Autor und Moderator Roger Willemsen ist tot
Welch traurige Nachricht: Der Schriftsteller und Publizist Roger Willemsen ist gestorben. Kurz nach seinem 60. Geburtstag am 15. August 2015 hatte der Autor die Diagnose Krebs erhalten und daraufhin alle Termine für 2015 und 2016 abgesagt. Vielen war er vor allem als unermüdlicher Fernseh-Moderator bekannt. In den letzten Jahren hatte er sich aber weitgehend auf Bühnenprogramme und das Schreiben konzentriert.
Zuletzt erschien "Das Hohe Haus - Ein Jahr im Parlament". Daneben war Roger Willemsen vor allem sein Engagement für Frauen und Mädchen in Afghanistan wichtig.

"Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben."

(Roger Willemsen)

"Ich hatte immer das Gefühl, erst wenn ich Dinge genau bezeichnen kann, besitze ich sie auch." So beginnt ein Gespräch von Roger Willemsen mit der Kritikerin und Herausgeberin Insa Wilke, das einen vor wenigen Monaten erschienenen Materialienband zum Werk von Roger Willemsen eröffnet. Erst mit Worten, so heißt es weiter, stellt sich eine Empfindung ein - und daneben ist das Porträt des vier- oder fünfjährigen Roger Willemsen abgedruckt, ein kleiner Junge im Jahr 1959, mit einer sehr hohen Stirn und großen Augen, über denen die langen Haare von einer einfachen Klammer gehalten werden.

Seine Gäste waren alles
Sprache also als Schlüssel, als Zugang zur Welt. In Buchform war das sichtbar seit Mitte der 1980er Jahre - aus der Perspektive eines Buchhändlers eher schwierige, aber lohnende Arbeiten über Robert Musil oder literaturtheoretisch-essayistisch über "Figuren der Willkür". Der Verlag, damals Piper, war stolz darauf, die Kunden jedoch wollten überredet sein, wenn die Erinnerung nicht täuscht. Sprache aber auch als Schlüssel und Zugang auf dem Bildschirm, minimalistisch und deswegen aufsehenerregend, fast schon revolutionär durch die Verknappung der Fragen und durch den Raum, den Roger Willemsen damit den Gästen ließ, die er bei Premiere seit 1991 in seine Talkshow "0137" einladen konnte. Die Gäste waren in dieser Sendung kein Vorwand, sie waren alles - aber wie viel weniger wären sie gewesen, wenn Roger Willemsen sie nicht so gelenkt hätte, wie nur er es verstanden hat.

Er, der intellektuelle Literaturwissenschaftler, der seine Habilitation nicht beendet, aber später trotzdem Professuren angeboten bekommen wird, entpuppt sich als Fernsehstar für ein Publikum, dem das Begriff "Gespräch" auch damals mehr bedeutete als nur Geplauder. Das Interessanteste an diesem Phänomen war jedoch, dass Roger Willemsen tatsächlich immer beides konnte: Plaudern und räsonieren, argumentieren und scherzen - und dass er mühelos vom einen zum anderen wechseln konnte. So hat er die Öffentlichkeit erobert und über Jahrzehnte seinen Platz behauptet, ohne sich selbst jemals zum Clown zu machen. Zuweilen fragte man sich, wie das zusammen gehen kann, dass einer ein Buch über die Not in Afghanistan schreibt und zugleich ein launiges Werk über Brehms Tierleben herausgibt. Aber er konnte das. Und ihm - vielleicht nur ihm - konnte man das auch abnehmen.

Roger Willemsen wurde in Bonn geboren. Sein Vater war ein Kunsthistoriker und Restaurator, starb aber, als der Sohn noch im Teenager-Alter war. Die Mutter war Sachverständige für ostasiatische Kunst. Er studierte in Bonn, Florenz, München und Wien Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, schrieb eine Doktorarbeit über die Dichtungstheorie von Robert Musil und jobbte mehrere Jahre lang als Nachtwächter, Reiseleiter und Museumswärter. Das sei immer noch ein "Plan B" für ihn gewesen, sollte er seine Tätigkeit nicht mehr ausüben können, schrieb er 2013 in der "Zeit". Das war die "Wirklichkeit", die er nicht aus dem Blick lassen mochte. Es war auch eine andere Art von Freiraum: "Man hat seine Ruhe, keinen sichtbaren Chef und schließt Freundschaften mit Räubern", sagte er.

Shooting-Star unter TV-Moderatoren
Seine Karriere in Stichworten lässt sich schnell beschreiben: Nach dem Studium arbeitete Willemsen als Übersetzer, Herausgeber, freier Autor und Universitätsprofessor. 1991 engagierte ihn der Hamburger Pay-TV-Sender "Premiere" als Moderator für sein Interview-Magazin "0137". Er führt Interviews mit Prominenten von Audrey Hepburn bis Yassir Arafat, aber auch mit vielen Unbekannten, darunter ein "Menschenfresser" und ein entflohener Bankräuber. Das Themenspektrum reicht von Politik bis Boulevard - die Ehrungen folgen zügig: Für seine unverwechselbare Gesprächsführung und seinen Anspruch ganz genau zu sein, wurde er 1992 mit dem Goldenen Kabel für die "innovativste Sendung" und 1993 mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet.

1994 wechselte Willemsen zum ZDF, wo er bis 1998 die Talkshow "Willemsens Woche" moderierte, die die FAZ 1996 als "als Muster für intelligente, wenn nicht gar intellektuelle Unterhaltung" lobte. Zudem produzierte und koproduzierte Willemsen seit 1993 mit seiner eigenen TV-Produktionsfirma "Noa-Noa Fernsehproduktion GmbH" Dokumentationen, Interviews, Themenabende und Preisverleihungen. Als Regisseur gab Willemsen 1996 sein Debüt mit dem Dokumentarfilm "Non Stop - Eine Reise mit Michel Petrucciani", dem weitere Reportagen und Dokumentationen folgten. 1999 bis 2000 moderierte Willemsen die WDR3-Sendung "Nachtkultur mit Willemsen". Im Oktober 2001 kündigte er zwar seinen Abschied vom Bildschirm an, weil es, wie er sagte, zu aufreibend sei, Minderheitsinteressen auf ein Massenpublikum zu übertragen, übernahm dann aber von 2004 bis 2006 die Moderation des renommierten "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens, die älteste Literatursendung im deutschsprachigen Raum.

Das war ein Platz, an dem sich Interessen und Energien bündeln ließen, an dem die Übergänge von Kunst und Literatur zu Wirklichkeit und Engagement fließend sein durften und sein konnten. Und so haben ihn auch die Zuschauer der Kulturzeit immer wieder erlebt. Als Gesprächsgast, als Schriftsteller, der den Moderatorinnen und Moderatoren Rede und Antwort zu seinen vielen weiteren Büchern stand. Und der als Meister der öffentlichen Rede und als kritischer Beobachter dann auch noch diejenigen unter die Lupe nahm, die die Interessen der Öffentlichkeit zum parlamentarischen Beruf gewählt haben, bzw. dafür gewählt werden. "Das Hohe Haus" (2014) hieß sein Protokoll einer einjährigen Beobachtung der Verfahrensweisen und Rituale des Bundestages - auch das konnte er, pointiert, bissig, als Bürger, der seinen guten Namen nicht nur für sich selbst nutzen mochte.

Etwas tun, das anderen hilft
In den letzten Jahren hatte sich Roger Willemsen verstärkt auf seine publizistischen Schriften konzentriert und veröffentlichte Interviews, Glossen, Essays, Kolumnen und literarische Bücher. 2005 startete er sein erstes Soloprogramm "... und du so?" im St. Pauli-Theater in Hamburg, mit dem er anschließend auf Tournee ging. Zusammen mit Dieter Hildebrandt entwickelte er weitere Kabarettprogramme. Er war Gastprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin und unterstützte zahlreiche Hilfsorganisationen, unter anderem Amnesty International und Terre des Femmes. Zugleich arbeitete Willemsen als Botschafter der Afghanistan-Kampagne "Helfen steckt an" von Care International und UN-Flüchtlingshilfe. Das sei für ihn eine "Pflicht" gewesen, sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur KNA. "Wenn man so privilegiert lebt wie ich und eine Öffentlichkeit finden kann und dazu noch im Bereich der Kommunikation arbeitet, also schreibt, dann sollte man um Himmels Willen irgendetwas tun, das anderen hilft."

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