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Edgar Reitz wurde durch sein filmisches Schaffen zum Chronisten deutscher Geschichte.
Edgar Reitz wurde durch sein filmisches Schaffen zum Chronisten deutscher Geschichte.
Chronist deutscher Geschichte
Filmregisseur Edgar Reitz wird 85 Jahre alt
Sein Name ist untrennbar mit seiner berühmten "Heimat"-Trilogie verbunden, die in seiner eigenen Heimat, dem rheinland-pfälzischen Hunsrück spielt: Edgar Reitz. "Heimat ist etwas, das sich im Kopf abspielt, ein Schlachtfeld der Gefühle," sagt er heute über sein Lebensthema. Am 1. November 2017 feiert Edgar Reitz seinen 85. Geburtstag.
Eigentlich sei Heimat in Zeiten der Globalisierung nur noch eine Sehnsucht, so der Meisterregisseur im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. "Ich fürchte, es wird einmal, vielleicht in 200, 300 Jahren, eine allgemeine Weltkultur geben. Die gesamte Menschheit wird sich durchmischen und das, was wir als nationale Lebensweisen und regionale Kulturen kennen, wird verschwinden. Daran werden auch irgendwelche Obergrenzen nichts ändern können."

Würdigung durch Bundespräsident Steinmeier
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Reitz anlässlich seines 85. Geburtstages. "Ihr Film 'Heimat' ist ein Jahrhundertepos", lobte Steinmeier am 30. Oktober 2017 in Berlin. "Mit diesem Opus haben Sie ein neues Nachdenken über die Bedeutung von Herkunft und Zugehörigkeit, über Identität und Landschaft, über Fernweh und Sehnsucht nach dem Vertrauten befördert." Reitz habe eine Tiefenerkundung der deutschen Geschichte und der deutschen Seelenlandschaften unternommen. "Sie haben uns ermöglicht, uns selber mit neuen Augen zu sehen." Gerade in Zeiten, in denen sich die Welt immer schneller bewege, werde die Sehnsucht nach Heimat, nach Orientierung immer größer, so Steinmeier.

In seiner mehr als 50 Stunden dauernden "Heimat"-Trilogie erzählt der Regisseur die Jahrzehnte-übergreifende Geschichte der fiktiven Familie Simon im fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach, deren Schicksal eng mit historischen Ereignissen der deutschen Geschichte verwoben ist. Teil eins wurde 1984 in elf Folgen in der ARD ausgestrahlt und war ein wahrer Straßenfeger. Teil 2 und 3 folgten 1992 und 2004. 2013 feierte Reitz' Kinofilm "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" Filmpremiere beim Filmfestival in Venedig - und erntete schier nicht enden wollenden Applaus, Standing Ovations. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

"Ich wollte raus aus der Provinz"
Edgar Reitz wurde am 1. November 1932 in Morbach im Hunsrück geboren. Nach seiner Schulzeit zog er nach München. "Ich hatte mit 16, 17 Jahren nur einen Gedanken: weg", sagte Reitz im dpa-Interview. "Ich wollte raus aus der Provinz, wo ich mich in jeder Hinsicht eingeschränkt, kontrolliert, beobachtet fühlte. Weg in die Freiheit." In München arbeitete er zunächst als Drehbuchautor, Schnittassistent oder Kameramann. "Papas Kino ist tot": 1962 unterzeichnete er gemeinsam mit anderen Filmemachern wie Alexander Kluge das "Oberhausener Manifest" zur Erneuerung des deutschen Kinos. 1967 veröffentichte er seinen ersten Spielfilm "Mahlzeiten", der beim Festival von Venedig als bestes Debüt ausgezeichnet wurde.

Gut möglich, dass es noch einen fünften Teil des "Heimat"-Epos geben wird: Zurzeit arbeitet Reitz an einer Erzählung, die chronologisch zwischen der "Anderen Heimat" und "Heimat 1" liegt und die Zeit der Industriellen Revolution im kaiserlichen Deutschland umfasst. Dort verortet Reitz "die Wurzeln der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, dort wurden die Weichen für die Weltkriege gestellt". Doch jetzt heißt es für Edgar Reitz erst einmal Geburtstag feiern - und zwar in Wien, wo seine Frau, die Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer, einen Auftritt hat und wo die jüngste Tochter des Paares lebt. "Mir geht es gut, ich freue mich jeden Tag meines Lebens", sagt Edgar Reitz. Wir gratulieren herzlich!

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags
live um 19.20 Uhr
Film
Vom Fremdsein in der Welt
Edgar Reitz' Film "Die andere Heimat" (26.09.2013)
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... zu seinem Film "Die andere Heimat" (2013)
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Vom Fremdsein in der Welt
Edgar Reitz' Film "Die andere Heimat" (2013)