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Die Bundesregierung will die Massaker deutscher Truppen vor mehr als 100 Jahren im heutigen Namibia künftig als "Völkermord" bezeichnen.
Die Bundesregierung will die Massaker deutscher Truppen vor mehr als 100 Jahren im heutigen Namibia künftig als "Völkermord" bezeichnen.
Vergessene Herero
Deutschland will "Völkermord" anerkennen
Am 9. Juli 1915 ist nach 31 Jahren die Herrschaft der Deutschen über Namibia zu Ende gegangen. Zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte der Kolonie Deutsch-Südwestafrika gehört das Massaker an zehntausenden Herero und Nama. 100 Jahre später will die deutsche Bundesregierung die Gräueltaten deutscher Truppen schließlich als "Völkermord" bezeichnen. Bislang hatte sie das Wort vermieden.
"Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord", heißt nun die offizielle deutsche Leitlinie, wie das Auswärtige Amt am 10. Juli 2015 bekanntgab. Die Formulierung stammt aus einem Antrag, den Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier 2012 als SPD-Fraktionschef in den Bundestag eingebracht hatte. Ob Deutschland sich auch förmlich entschuldigen wird, blieb offen. Auch ob es eine finanzielle Entschädigung für die Nachkommen der Herero und Nama geben soll.

Seit Langem setzt sich das Bündnis "Völkermord verjährt nicht!" für die Anerkennung der Gräueltaten an den Herero und Nama als Völkermord ein. Am 6. Juli hat das Bündnisgemeinsam mit einer namibischen Delegation ine Unterschriftenliste an Bundespräsident Joachim Gauck übergeben. Darin haben Menschenrechtler und Opferverbände die deutsche Bundesregierung dazu aufgerufen, den Genozid an den Herero und Nama offiziell anzuerkennen. Weiter haben sie eine offizielle Entschuldigung gefordert, sowie die Rückgabe der damals nach Deutschland gebrachten menschlichen Überreste und ein Mitwirken an Versöhnungsprojekten.

Herero-Vertreter erwägen Klage
Zu den Unterzeichnern gehörten die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth sowie der Linken-Politiker Gregor Gysi. Bestärkt wurden die neuen Forderungen durch die Tatsache, dass die deutsche Politik einen anderen Völkermord - den der Türken an den Armeniern 1915 - zum 100. Jahrestag im April 2015 - nach langen Debatten doch noch beim Namen nannte.

© dpa Deutsch-Südwestafrika kam unter deutsche Herrschaft.
Deutsch-Südwestafrika kam unter deutsche Herrschaft.
Zur Geschichte: Deutsch-Südwestafrika war als erstes Überseegebiet unter deutsche Herrschaft gekommen. Am 24. April 1884 unterstellte Reichskanzler Otto von Bismarck das Gebiet zwischen dem Oranje-Fluss im Süden und dem 26. südlichen Breitengrad im Norden dem deutschen Schutz. Bismarck wollte keine Kolonien, sagt der Historiker Sebastian Conrad von der Freien Universität Berlin. "Er wollte nur private Handelslizenzen vergeben und indirekt deutschen Einfluss verbreiten. Deshalb nannte er diese Gebiete auch Schutzgebiete." Erst nach Bismarcks Rücktritt in den 1890er Jahren sei die staatliche Herrschaft "dichter" geworden.

Nachdem die Verwaltung 70 Prozent des Landes konfisziert und an rund 10.000 deutsche Kolonisten verteilt hatte, geriet das Viehzüchtervolk der Herero immer mehr in Bedrängnis. Durch eine Rinderpest erlitten sie eine Hungersnot und die deutschen Siedler beuteten die Stammesmitglieder als billige Arbeitskräfte aus. Von 1904 bis 1908 erhoben sich die Herero gegen die Deutschen, unterlagen aber in der Schlacht am Waterberg und flohen in die Omaheke-Wüste. Generalleutnant Lothar von Trotha ließ die Wasserstellen besetzen oder vergiften und gab wenig später den Befehl: "Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr erschossen... Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Bald waren etwa 65.000 der schätzungsweise 80.000 Herero und mindestens 10.000 von 20.000 Nama, die die Deutschen "Hottentotten" nannten, tot, erschossen oder verdurstet. Der Rest wurde in Konzentrationslager gesteckt oder vertrieben.

Forscher: "Im Ergebnis ein Völkermord"
Unter Wissenschaftlern ist die Bezeichnung daher weitgehend unstrittig. "Was ab 1904 in Deutsch-Südwestafrika passiert, ist im Ergebnis ein Völkermord", sagt Medardus Brehl, Genozidforscher an der Ruhr-Universität Bochum. "Der Unterschied zu späteren Genoziden ist, dass es keinen lange vorbereiteten Plan gab." Strukturell sei der Völkermord also kein Vorbild für den Holocaust gewesen, habe aber für einen "Dammbruch" gesorgt. "Von diesem Zeitpunkt an war klar: Ein solches Verfahren ist denkbar, politisch durchführbar und gesellschaftlich legitimierbar", sagt Brehl.

Die Vereinten Nationen haben den Genozid an den Herero und Nama bereits 1948 als solchen anerkannt. Die deutsche Bundesregierung sprach stattdessen bislang immer vage von Deutschlands "besonderer Verantwortung". Einen ersten Schritt machte 2004 die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), als sie sich bei einer Gedenkveranstaltung in Namibia als erste deutsche Politikerin für die Gräueltaten des Kolonialismus entschuldigte. Von "Völkermord" sprach damals aber auch sie nicht.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
Hintergrund
In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der "Zeit" nennt Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia nun "Völkermord". Wer vom Genozid an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich spreche, der müsse auch die Verbrechen gegen die Bevölkerung in Deutsch-Südwestafrika so bezeichnen, so Lammert. Die deutsche Bundesregierung dagegen vermeidet das Wort Völkermord bis heute.

(Quelle: AFP/dpa)
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