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© AP Lupe
Heribert Prantl fordert einen Stopp der menschenverachtenden Flüchtlingspolitik der EU. Im Kulturzeit-Interview sagt er: "Europa darf keine Festung sein!"
Europa darf keine Festung sein!
Heribert Prantls Appell für mehr Menschlichkeit
Der "Welt"-Journalist Dirk Schümer vertrat am 25. Mai 2015 im Kulturzeit-Gespräch seine These, Europa müsse seine Grenzen sichern, eine Festung bleiben. Ganz anders SZ-Journalist Heribert Prantl: Er hat ein 32-seitiges Plädoyer "Im Namen der Menschlichkeit" geschrieben und fordert einen Stopp der menschenverachtenden Flüchtlingspolitik der EU. Im Kulturzeit-Interview sagt er: "Europa darf keine Festung sein!"
"Wie wir seit 25 Jahren mit den Flüchtlingen umgehen, ist der größte Skandal, den ich kenne", so Heribert Prantl im Kulturzeit-Interview. Vor 25 Jahren wurden die ersten Bestimmungen in Europa zum Umgang mit Flüchtlingen getroffen: das System Dublin, das bis heute wirkt, das dreimal verlängert wurde. Nach diesem System muss stets derjenige Staat den Flüchtling aufnehmen, den dieser auf seiner Flucht nach Europa als Erstes betreten hat. "Es war im Prinzip ein deutscher Wunsch", sagt Prantl.

Prantl: "Schweinisches" System Dublin
Das System hatte zur Folge, dass sich vor allem die Länder, die sich am Rande der EU befinden, mit dem Flüchtlingssturm auseinandersetzen mussten, die schwachen Regierungen in den ärmeren Südregionen: Italien und Griechenland. In seinem Buch bezeichnet Prantl Dublin als schweinisches System, einen "Aufruf zur möglichst brutalen Flüchtlingsabwehr". Dass Dublin gescheitert ist, kann heute kaum jemand mehr leugnen. Flüchtlinge sterben auf dem Mittelmeer zu Tausenden, die Kommunen in den Südländern sind überfordert, wissen nicht mehr wohin mit jenen, die ankommen. Schreckensnachrichten von den Gräueltaten von Schleuserbanden erreichen uns beinahe täglich über die Nachrichten.

"Wenn ich Flüchtlinge aussperre, wenn ich sie abwehre, wenn ich sie mit Militäraktionen abhalte, dann gehen die Werte, die man [in Europa] angeblich verteidigen will, kaputt."

(Heribert Prantl)


Die EU-Kommission hat erst kürzlich beschlossen, gegen diese Schleuserbanden militärisch vorzugehen, die Flüchtlingsboote zu zerstören. Zusätzlich drängt sie ihre Mitgliedsstaaten zu einer verbindlichen Quote, um Italien und Griechenland zu entlasten. Doch eine Quote könne überhaupt nicht das Ziel sein, meint Prantl. So ein Verteilungssystem reiße die Menschen auseinander, weil es Grenzen auf kolonialistische Weise ziehe. "Das ist letztendlich Dublin in neuer Form", so der Journalist. "Dann beginnt die große Verteilung, die große Verschiebung wieder."

Europa hat als "Global Player" Verantwortung
Prantls Forderung ist deutlich: Europa braucht einen Paradigmenwechsel in seiner Flüchtlingspolitik. "Wir müssen kapieren, dass Flüchtlingsbewegungen nicht etwas sind, das jetzt mal schnell auftritt und dann wieder weg ist." Europa sei ein Global Player. Es nehme am Welthandel teil, genieße alle Vorzüge der Globalisierung, es könne sich vor den negativen Folgen nicht einfach verschließen, zu einer Festung machen. "Wir müssen uns auf Flüchtlinge in hoher Zahl einstellen, wir müssen Menschen aufnehmen", so Prantl. Auch weil wir sie eigentlich brauchen. In vielen Berufen fehlen fachkundige Kräfte. "Hier sind sie und wir nehmen sie nicht. Es ist eigentlich pervers."

Europa, so Prantl, beschreibe sich in allen Verträgen als Raum des Rechts, der Sicherheit, der Freiheit. "Es beschreibt sich nicht als Festung. Wenn es sich als Festung geriert, wenn es Flüchtlinge abwehrt, als wären es Terroristen - dann werden die Werte Europas in den Dreck getrieben." Wer die Flüchtlinge aussperre, sie abwehre, mit Militäroperationen abhalte, der richte die Werte, die Europa ausmachen, zugrunde. "Auch die stolzesten Festungen sind heute Ruinen", sagt Prantl. "Wer Europa als Ruine will, der soll die Festung Europa verteidigen."

Gesellschaft
Europa muss eine Festung bleiben!
Die Thesen des Journalisten Dirk Schümer (26.05.2015)
Hintergrund
Schümer über Prantl
Dirk Schümer hält Heribert Prantls Buch für ein Pamphlet. In einem "Welt"-Artikel vom 2. Juni 2015 schreibt er: Prantl "müsste wissen, dass seine Maximalforderungen illusorisch sind und sich nur in Form einer moralischen Diktatur umsetzen ließen."

Prantls "selbstgerechte Predigt" sei "nichts anderes als ein Appell aus Wolkenkuckucksheim: Lasst uns bitte weiterträumen!". Das "völlig unausgegorene Manifest" sei "gar nicht im Namen der Menschlichkeit verfasst", sondern "im Namen wohlfeiler Moral."
Buch
"Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!"
von Heribert Prantl
Ullstein 2015
ISBN-13: 978-3550081262
Kulturzeit-Gespräch mit ...
© ZDFVideoDirk Schümer, Journalist
(26.05.2015)