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© Reuters Lupe
Amnesty International organisiert weltweit Mahnwachen für Badawi.
Verbotenes Denken
Der Blogger Raif Badawi über sein Leben
"Ich lebe mit 30 Verbrechern auf 20 Quadratmetern", schreibt der saudische Blogger Raif Badawi im Vorwort seines gerade erschienenen Buchs "1000 Peitschenhiebe". Sein Schicksal erregt weltweit Aufsehen: Er wurde wegen seiner liberalen Ansichten zu 1000 Peitschenhieben, zehn Jahren Haft und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Trotz weltweiter Proteste war Badawi am 9. Januar 2015 öffentlich ausgepeitscht worden.
"Beleidigung des Islam" lautete das Urteil des saudi-arabischen Strafgerichts. Raif Badawi erhielt der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge auf einem Platz vor der Al-Jafali-Moschee im saudi-arabischen Dschidda 50 Hiebe. Daraufhin wurde die Vollstreckung weiterer Stockschläge verschoben, weil es Badawi sehr schlecht ging. Amnesty International hatte zudem internationale Mahnwachen für Badawi organisiert und zehntausende Unterschriften gegen die Auspeitschung gesammelt.

Zahlreiche westliche Demokratien reagierten außerdem entsetzt auf die drakonische Strafe, sogar Angela Merkel soll sich für Badawi eingesetzt haben. "Wir werden das, was in unserer Macht steht, tun, um darauf hinzuwirken, dass dort eine gute Lösung gefunden wird", sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, am 2. März 2015 in Berlin. "Uns ist das Schicksal von Herrn Badawi nicht gleichgültig."

Klare Worte für die Säkularisierung
Auf seiner Internetseite hatte Badawi sich für eine liberale und säkulare Gesellschaft ausgesprochen. Der Prozess gegen den 31-Jährigen soll nun womöglich neu aufgerollt werden. "Bis jetzt wissen wir nichts, es gibt noch kein Datum für einen neuen Prozess", erklärte Ensaf Haidar, die Ehefrau Badawis, die inzwischen als politischer Flüchtling mit ihren drei Kindern in Kanada lebt. Das Vorwort zum Buch habe Badawi ihr am Telefon in mehreren Etappen diktiert, sagt sie und betont: "Das Buch hat mit dem Verfahren gegen Raif nichts zu tun." Ob die Veröffentlichung Einfluss darauf haben werde - positiv oder negativ - sei nicht absehbar.

In seinem Buch zieht Badawi etwa das europäische Mittelalter als Vergleichsgröße heran - und zwar um die Machtfülle des Klerus in Saudi-Arabien zu erklären. Er schreibt: "Erinnere dich doch einmal an das Mittelalter zurück. Sieh nur, in welchem Zustand sich damals die europäischen Länder befanden! Dank der Herrschaft des Klerus, der ja im Namen Gottes regiert." Er fordert seine Landsleute auf, einen Neubeginn zu wagen, und zwar ohne den Klerus. Ohne diesen Neubeginn "können wir uns einfach weiter in unserer Ignoranz suhlen. Einer Ignoranz, die schon lange nicht mehr hinnehmbar ist zu einer Zeit, wo zivilisierte Nationen das Leben genießen", fügt er hinzu.

Kritik am "Herumwinden" um den Kern
Badawi kritisiert, dass andere arabische Denker es sich aus Angst vor Zensur zur Gewohnheit gemacht hätten, sich um den Kern ihrer Aussagen "herumzuwinden". Er schreibt: "Die arabischen Gesellschaften sind dahingehend ideologisiert, dass jedes freie Denken einen Abfall oder Austritt vom Glauben und von der Sitte bedeutet." Auf "Abfall vom Glauben" steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe.

Mediathek
VideoStatement von Ensaf Haidar, Ehefrau
(09.04.2015)
Buch
© UllsteinLupe"1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke"
von Raif Badawi
Übersetzung: Sandra Hetzl
Ullstein 2015
ISBN-13: 978-3550081200