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© dpa Lupe
Die Rostocker Bürgerschaft spricht sich mehrheitlich für Latchinian aus.
Latchinian bleibt, Neubau kommt
Rostocker Bürgerschaft stimmt für Intendanten
Die Rostocker Bürgerschaft hat dem umstrittenen Intendanten des Volkstheaters, Sewan Latchinian, erneut den Rücken gestärkt. Er darf im Amt bleiben. Damit widerspricht eine deutliche Mehrheit dem Willen des Oberbürgermeisters Roland Methling (parteilos), den Theaterchef zu entlassen. Und damit nicht genug: Es wird auch noch einen Neubau des Volkstheaters geben.
Unter dem Motto "Wir haben den Hut auf" hatten vor der Bürgerschaftssitzung am 6. Mai 2015 mehrere hundert Bürger für den Erhalt des Volkstheaters mit vier Sparten und für den Verbleib des Intendanten Latchinian demonstriert. Und es half: Latchinian darf bleiben. Überdies haben die Stadt Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern gleich eine Zielvereinbarung über den Neubau des Volkstheaters geschlossen. "Damit ist der Weg geebnet, dass wir heute nicht nur über den Standort des Theaters entscheiden, sondern auch mit der Umsetzung beginnen", sagte OB Roland Methling.

Der finanzielle Rahmen für das Theater betrage "40 bis 50 Millionen Euro". Das Land werde gemäß der Vereinbarung die Hälfte der Kosten tragen. Sofern notwendig, werde die Stadt Rostock die entsprechenden Kreditgenehmigungen bekommen. Das Stadtparlament beschloss zudem, das Theater nicht - wie von OB Methling favorisiert - am Stadthafen zu errichten, sondern am Bussebart im Stadtzentrum. Dieser Standort sei leichter erreichbar und besser mit dem Weihnachtsmarkt vereinbar, der als größter in Norddeutschland gilt, hieß es.

Kritik an Theaterpolitik
Latchinian hatte die Theaterpolitik in Mecklenburg-Vorpommern mit den Kulturzerstörungen durch die Terrormiliz Islamischer Staat verglichen. Bei einer Demonstration in Neustrelitz hatte er gesagt: "Seit Wochen zerstören [...] IS-Schergen im Irak die jahrtausendealten Weltkulturerbestätten Nimrud und Kirkuk, aus religiösen Vorwänden. Und hier bei uns in Mecklenburg-Vorpommern - ich setze das nicht gleich, aber vergleichen muss man das schon - hat momentan im Namen des Geldes die Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen begonnen."

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Kritik an der Kulturpolitik - der wahre Kündigungsgrund?
Oberbürgermeister Roland Methling hatte daraufhin einen Antrag auf Entlassung des Intendanten gestellt. Seine Kritik: Diese Aussagen ließen Zweifel am Vertrauensverhältnis mit der Bürgerschaft aufkommen. Die Äußerungen Latchinians verstoßen - so Methlings Ansicht - gegen den Charakter des bis Juli 2019 laufenden Vertrags. Die Mehrheit des zuständigen Hauptausschusses der Bürgerschaft gab ihm am 31. März 2015 recht - Latchinian wurde gefeuert. Daran konnte auch eine vorab veranstaltete Demonstration von 500 Menschen gegen die Entlassung Latchinians nichts mehr ändern. Doch der Intendant blieb zunächst kämpferisch, wollte gegen seine fristlose Kündigung klagen. "An meiner künstlerischen Arbeit kann es nicht gelegen haben", erklärte er.

Kurz nach seinem Statement hatte Latchinian noch betont, dass er mit der Äußerung lediglich an die Verantwortung erinnern wollte, behutsam mit dem Kulturerbe umzugehen. Allerdings habe er als Künstler das Recht auf poetische und satirische Zuspitzung. Als wahren Grund für seine Kündigung vermutete er seine Kritik an der Kulturpolitik des Landes. Die Rostocker Bürgerschaft hatte nämlich im Februar Strukturveränderungen beschlossen: Aus dem Vier- soll ein Zwei-Sparten-Volkstheater werden.

Thierse: Kulturausgaben - Investition in Zukunft
Selbst der frühere Bundestagspräsident, Wolfgang Thierse (SPD), hatte sich bei einer Demo für Latchinian stark gemacht: "Wenn diese Stadt sich kein Vier-Sparten-Theater mehr leisten kann, dann ist das ein Armutszeugnis, das weit über Rostock und das Land hinaus wahrgenommen wird", betonte er. Ausgaben für Kultur seien Investitionen in Zukunft des Landes. Thierse bezeichnete den IS-Vergleich zwar als dumm, dafür müsse Latchinian kritisiert, aber nicht entlassen werden. Die Bürgerschaft gab ihm mit ihrer Entscheidung nun recht.

Auch der Deutsche Bühnenverein, der in der Vergangenheit auch schon Streitigkeiten mit Latchinian wegen der Mitgliedschaft des Volkstheaters Rostock im Bühnenverein auszufechten hatte, hatte sich nach der Entlassung auf Latchinians Seite gestellt und in einem offenen Brief vom 1. April 2015 die Rücknahme der Kündigung gefordert. Ulrich Khuon, Vorsitzender der Intendantengruppe, und Holger Schultze, Vorsitzender des Künstlerischen Ausschusses des Bühnenvereins, bezeichneten es in ihrem an den Oberbürgermeister Roland Methling gerichteten Schreiben als "stillos", einen Intendanten "unter Vortäuschung falscher Tatsachen (Vierspartenhaus) ans Theater Rostock zu engagieren und diesem anschließend die Arbeitsgrundlage zu entziehen".

Methling benutze diese Entlassung als Vorwand, so der Vorwurf, "nicht nur, um die Strukturen zu schwächen und das Theater weiter in seiner Handlungsfähigkeit einzuschränken, sondern auch um den Spartenabbau rascher und ohne einen Intendanten, der sich für sein Theater einsetzt, durchzuführen."

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© dpaVideo"Latchinian soll bleiben"
Kulturzeit-Beitrag (14.04.2015)
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© dpaVideo"Theaterstreit in Rostock"
Kulturzeit-Beitrag (01.04.2015)