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© dpa Lupe
Frank Castorf: "Von meiner Seite hätte ich, da ich nie ein Ende finden kann, auch an der Volksbühne keins gefunden."
Der Missverstandene
Frank Castorfs Vertrag nur ein Jahr verlängert
Nach 25 Jahren an der Berliner Volksbühne soll der legendäre Theaterregisseur Frank Castorf (63) den Hut nehmen. Bis 2016 läuft sein Vertrag, doch nun wurde er um ein Jahr verlängert, teilte der Berliner Senat am 31. März 2015 mit. Wer Castorfs Nachfolger an der Volksbühne wird, ist offen: Nach unbestätigten Berichten ist Chris Dercon, Direktor der Londoner Tate Gallery, im Gespräch. Mit möglichen Nachfolgern oder Nachfolgerinnen würden zurzeit Gespräche geführt, sagte ein Sprecher der Senatskulturverwaltung.
"Es ist an der Zeit, die Volksbühne weiterzuentwickeln und auch weiterzudenken", hatte Kulturstaatssekretär Tim Renner noch am 19. März im Kulturzeit-Interview gesagt. Castorf seinerseits hatte der Berliner Kulturpolitik "Nichtprofessionalität" vorgeworfen - und fühlt sich offenbar gründlich missverstanden.

Zuletzt hatte Castorf mit einer spektakulären Inszenierung von Bertolt Brechts "Baal" für Aufsehen gesorgt. Doch die Brecht-Erben sorgten dafür, dass das Stück am Münchener Residenztheater abgesetzt wird. "Ein Verbot ist immer etwas Besonderes, wie ein Adelsschlag", sagte Frank Castorf daraufhin im "Kulturzeit"-Interview. "In der DDR wurde jede zweite Arbeit von mir verboten und das ist mir jetzt zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland nach 25 Jahren wieder gelungen. Ein Wort kann man dazu nur sagen: albern."

Kulturzeit-Interviews mit Frank Castorf

... zu seiner "Baal"-Inszenierung am Residenztheater München (27.02.2015) © dpaVideo... zu seiner "Baal"-Inszenierung am Residenztheater München (27.02.2015)
... zu seiner "Ring"-Neuinszenierung in Bayreuth (26.07.2013) © ZDFVideo... zu seiner "Ring"-Neuinszenierung in Bayreuth (26.07.2013)

 

Wenn man seine Arbeit an "Baal" wirklich betrachte, dann merke man die große Liebe, die er zu dem Autor Bertolt Brecht habe. "Brecht selbst hat vom Baal bis in die 1950er Jahre vier, fünf Versionen hergestellt, weil er damit nicht zufrieden war", sagte Castorf vor Kurzem im "Zeit"-Interview. "Ganz allgemein ist er immer sehr lax mit Fragen geistigen Eigentums umgegangen. Ich glaube nicht, dass er sein Werk unter so eine Glasglocke stellen wollte." Ein Stückeverbot in Ehren - doch muss man deswegen gleich gehen? "Von meiner Seite hätte ich, da ich nie ein Ende finden kann, auch an der Volksbühne keins gefunden", sagt Castorf beinahe entschuldigend. Dabei fühlt er sich offenbar gründlich missverstanden.

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Castorf: "Es herrschen hier Angst, Vorsicht, vorauseilender Gehorsam."
Frank Castorf gilt als "Vater des postdramatischen Theaters " und "Stücke-Zertrümmerer" ("Die Welt"). Für seine Neuinszenierung des "Ring des Nibelungen" in Bayreuth (2013) hatte er wahre Buhruf-Kaskaden geerntet - und sich mit den Wagner-Sisters angelegt, weil er sich von ihnen als "Idiot" behandelt fühlte. Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier wollten 2014 etwa bei der Wiederaufnahme des "Ring" unter anderem ein NPD-Plakat aus dem Bühnenbild entfernen und eigenmächtig den Sänger Martin Winkler, der Castorf sehr wichtig war, umbesetzen. "Es herrschen hier Angst, Vorsicht, vorauseilender Gehorsam", sagte Castorf über das Bayreuther Mikroklima.

Castorf: "Ich werde immer verlassen"
Auch in Berlin stand das Barometer nicht gerade auf Schönwetter. "Es gibt ein großes Interesse in Berlin daran, dass ich aufhöre", so Castorf im "Zeit"-Interview. "Im Alten Testament heißt es: Sie sind weder heiß noch kalt. Ach wären sie doch heiß und kalt und nicht lau. Und Berlin ist nicht lau, aber cool geworden. Coolness ist nicht meine Temperatur." Auch von Berlin fühlt der Theatermann sich missverstanden. Das Missverständnis bestehe in der "Nichtprofessionalität, in der Unkenntnis dessen, was dieser merkwürdige Ort Theater ist, im fehlenden Wissen darum, dass das Theater, namentlich die Volksbühne, ein Widerstandsnest war", so Castorf in der "Zeit". Seit 1992 ist Castorf Intendant der Volksbühne. 2012 wurde sein Vertrag bis 2016 verlängert. "Es ist auch in privaten Zusammenhängen so, dass ich Situationen dermaßen radikalisiere, dass ich nicht jemanden verlasse, sondern verlassen werde", sagt er.

Es bliebe unbenommen, "dass Frank Castorf ein wunderbarer Regisseur ist und als solcher wird er der Stadt auch erhalten bleiben", so Kulturstaatsssekretär Tim Renner gegenüber Kulturzeit. Nur was die Führung des Hauses angehe, müsse man "weiter nach vorne gucken und weiter entwickeln". Über die Personalie wird nun gemunkelt, Castorfs Abgang indes ist jetzt erstmal ein Jahr nach hinten verschoben.

Kulturzeit-Interview mit ...
© ZDFVideoTim Renner, Kulturstaatssekretär
(19.03.2015)
Theater
© dpa Foto Markus ScholzLupe"Pastor Ephraim Magnus"
von Hans Henny Jahnn
Schauspielhaus Hamburg
Regie: Frank Castorf
Premiere: 19.03.2015
Weitere Aufführungen:
28.03.2015
02. und 30.04.2015
06.05.2015
Theater
© dpaWo Castorf draufsteht ...
"Baal"-Prozess: Suhrkamp stimmt Vergleich zu
Kulturzeit kompakt
© dpaEin Ring, sie zu knechten?
Frank Castorfs Neuinszenierung des "Ring des Nibelungen"