kulturzeit
Kalender
April 2019
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
0102030405
06
07
0809101112
13
14
1516171819
20
21
2223242526
27
28
29
30
01
02
03
04
05
© dpa Lupe
Die antike Stadt Palmyra gehört zu den wichtigsten Stätten des Weltkulturerbes im Nahen Osten.
Terror gegen Kulturgut
Wie Extremisten Welterbe zerstören
Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat die Stadt Palmyra in Syrien eingenommen. Experten befürchten, dass sie dort mit den antiken Ruinen erneut Unesco-Welterbe zerstört, wie sie es bereits im Irak getan hat. Auch andere terroristische Bilderstürmer haben in jüngster Geschichte immer wieder einzigartiges Kulturerbe ausgelöscht.
Die berühmten archäologischen Stätten nahe der syrischen Oasenstadt Palmyra, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen, sind von den IS-Extremisten am 21. Mai 2015 überrannt worden. Bislang seien die Ruinen nicht beschädigt. Doch es gibt Befürchtungen, dass die Extremisten die Stätten zerstören könnten. Der Leiter der syrischen Museums- und Altertumsbehörde, Mamun Abdul-Karim, sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana, hunderte Statuen seien vor dem IS-Einmarsch an einen sicheren Ort gebracht worden. Die Unesco hat um Verschonung gebeten. Die Kampfhandlungen brächten "eine der bedeutendsten Stätten des Nahen Ostens und ihre Zivilbevölkerung in Gefahr", erklärte die Generaldirektorin der Weltkulturorganisation, Irina Bokova.

Schon am 5. März hatten Kämpfer des IS die Jahrtausende alte assyrische Stadt Nimrud südlich von Mossul überrannt, die archäologische Stätte dem Erdboden gleichgemacht und dafür schwere Militärfahrzeuge eingesetzt, teilte das Ministerium für Tourismus und Altertümer auf seiner Facebook-Seite mit. Nähere Angaben zum Ausmaß der Schäden in der zeitweiligen Hauptstadt Assyriens am Fluss Tigris wurden nicht gemacht. In der Erklärung heißt es, der Islamische Staat setze mit seinem jüngsten Vorgehen damit fort, "dem Willen der Welt und den Gefühlen der Menschheit" zu trotzen.

Unesco: "Kriegsverbrechen"
© dpa Lupe
Unesco-Chefin Irina Bokowa kämpft gegen die zerstörungen.
Die Unesco hatte die Zerstörung der einzigartigen assyrischen Stadt aus dem 13. Jahrhundert vor Christus als "Kriegsverbrechen" verurteilt. Dieser Angriff rufe in Erinnerung, dass die im Irak wütende kulturelle Säuberung nichts und niemanden ausspare, hatte Unesco-Chefin Irina Bokowa am 6. März in Paris erklärt. Sie forderte die Verantwortlichen in der Region auf, "sich gegen diese neue Barbarei zu erheben". Nach der ersten Zerstörung altorientalischer Kulturgüter durch den IS Ende Februar 2015 hatte sie bereits eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates verlangt und sich an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gewandt.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte die internationale Gemeinschaft zudem aufgefordert, die Vernichtung antiker Kulturschätze im Irak durch die Terrorgruppe "Islamischer Staat" schnell zu stoppen. Zudem müsse der Handel mit geraubten Kunstobjekten unterbunden werden, so Ban am 8. März in New York.

Von Terroristen zerstörte Kulturdenkmäler ...

Im Februar 2015 zerstört der IS im Norden des Irak einzigartige Kulturgüter aus altorientalischer Zeit - darunter eine assyrische Türhüterfigur, die mehr als 2600 Jahre alt ist. Ein Internetvideo der Extremisten zeigt, wie IS-Anhänger im Museum der Stadt Mossul und an der Grabungsstätte Ninive bedeutende Bildwerke aus der Antike zertrümmern. © APLupeMossul
In der Wüstenstadt Timbuktu im Norden Malis zerstören Kämpfer der islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine 2012 mehrere muslimische Mausoleen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Die Stätten mit den Überresten islamischer Gelehrter dienten der Heiligenverehrung, begründeten die Islamisten ihre Tat. © dpaLupeTimbuktu
In Afghanistan sprengen die radikalislamischen Taliban 2001 zwei monumentale Buddha-Statuen. Sie wurden von unbekannten Künstlern vermutlich zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert nach Christus in den Fels geschlagen und waren Zeugen der präislamischen Vergangenheit Afghanistans. © APLupeBamian-Tal

 

"Katastrophe für das Kulturerbe der Menschheit"
Die Taten der Islamisten seien ein Weckruf an die internationale Gemeinschaft, so der Berliner Altorientalist Markus Hilgert: "Wenn nichts getan wird, dann ist das einmalige Kulturerbe im Irak und auch in Syrien in zehn oder 15 Jahren verschwunden." Hilgert, der auch Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin ist, hatte die Tat des IS als "Katastrophe für das Kulturerbe der Menschheit" bezeichnet. Die Zerstörung in Nimrud sei "noch eine Steigerung gegenüber dem, was in Mossul geschehen ist". In Nimrud werde auch der "archäologische Kontext zerstört", der viel über die Fundstücke erzähle "und ihnen erst ihre Bedeutung" gebe.

Auch der Archäologe und Vorderasien-Experte Reinhard Bernbeck wertete die Zerstörungen als "unersetzlichen Verlust". Im Deutschlandradio Kultur hatte er erklärt, erst dadurch, dass kulturhistorisch bedeutende Stätten wie die alte Königsstadt Nimrud speziell in der westlichen Welt "mit spezifischen Werten aufgeladen" worden seien, sei ihre Zerstörung für den IS lohnend geworden. Im Irak kursierten regelrechte "Rekrutierungsvideos", in denen es darum gehe, den Akt der Zerstörung als etwas Attraktives erscheinen zu lassen. "Hier wird versucht, in Nordost-Syrien und Nordirak, fast die gesamte Vergangenheit, die dort kulturell vorhanden ist, offensichtlich zu zerstören, um einen geschichtlich völlig befreiten Raum zu haben, auf dem man etwas anderes aufbauen kann", so Bernbeck.

Archäologie
Katastrophal
Archäologe Andreas Schmidt-Colinet zu Palmyra
Kulturzeit-Gespräch ...
... mit Andreas Schmidt-Colinet, Archäologe
(28.05.2015)
Kulturzeit-Gespräch ...
... mit Asiem el Difraoui
ägyptisch-deutscher Politikwissenschaftler und Dokumentarfilmer (23.03.2015)
Kulturzeit-Gespräch ...
© dpaVideo... mit Michael Müller-Karpe, Archäologe
(10.03.2105)
ZDFmediathek
© ZDF"Zerstörung von Weltkulturerbe"
"aspekte-Beitrag (06.03.2015)
ARD-Mediathek
"Nach der Zerstörungsorgie des IS in Mossul"
"ttt"-Beitrag vom 08.03.2105
Kulturzeit kompakt
Malis heilige Schriften
Wagemutige retten historisches Wissen
mehr zum Thema