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© dpa Lupe
Der Suhrkamp-Verlag will Castorfs "Baal"-Inszenierung verbieten lassen.
Wo Castorf draufsteht ...
"Baal"-Prozess: Suhrkamp stimmt Vergleich zu
Die umstrittene Münchner "Baal"-Inszenierung von Frank Castorf (63) darf nur noch zweimal gezeigt werden. Darauf einigten sich der Suhrkamp-Verlag als Vertreter der Brecht-Erben und das Residenztheater am 18. Februar 2015 nach zähen Verhandlungen vor dem Münchner Landgericht.
Die Aufführungen am 28. Februar in München und im Mai beim 52. Theatertreffen in Berlin finden noch statt, alle weiteren geplanten Aufführungen entfallen. Das Münchner Residenztheater verpflichtete sich, eine entsprechende Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. Der Anwalt des Residenztheaters hatte in der Verhandlung zunächst vorgeschlagen, das Theaterstück nicht über die bereits geplanten Termine im Februar und März sowie beim Theatertreffen in Berlin hinaus aufzuführen, außerdem den Titel zu ändern, vor jeder Aufführung auf die Problematik hinzuweisen und sich beim Suhrkamp-Verlag besonders zu bedanken. Das lehnte der Verlag ab.

Residenztheater-Intendant Martin Kusej indes kündigte einen "kreativen Umgang mit der entstandenen Situation" an. "Man kann uns aber natürlich nicht das Theaterspielen verbieten, sondern nur die Verwendung bestimmter Texte in bestimmten Zusammenhängen", sagte Kusej am 19. Februar in München.

Suhrkamp lenkt ein
Mehrfach hatte der Richter während der Verhandlung versucht, Anwalt und Justiziarin des Suhrkamp-Verlages von der Möglichkeit einer Einigung zu überzeugen und die bereits geplanten weiteren Aufführungen stattfinden zu lassen. "Der Suhrkamp-Verlag müsste auch noch hinnehmen, dass Tantiemen an den Verlag fließen", sagte er - sehr zur Erheiterung des Publikums. Der Verlag pochte jedoch auf eine Entscheidung des Richters. Nach mehrstündigen Zeugenvernehmungen, in denen es unter anderem um Absprachen zwischen Theater und Verlag zu möglichen Änderungen der Textfassung Bertolt Brechts ging, lenkte Suhrkamp schließlich ein. Als Vertreter der Autoren-Tochter Barbara Brecht-Schall hatte Suhrkamp beim Landgericht München eine einstweilige Verfügung gegen die Inszenierung am Residenztheater beantragt. Bei Castorfs Interpretation handele es sich um eine "nicht autorisierte Bearbeitung des Stückes".

Suhrkamp bemängelt an der Produktion, die vor Kurzem als eine der zehn besten Regiearbeiten des Jahres 2014 zum 52. Berliner Theatertreffen eingeladen worden ist, es würden viele Fremdtexte verwendet, "die Werkeinheit" dadurch "aufgelöst". Absprachen habe es vorher nicht gegeben. "Dies verletzt das Urheberrecht und ist durch den mit der Bühne geschlossenen Aufführungsvertrag nicht gedeckt", kritisiert Suhrkamp. Der Hintergrund: Frank Castorf hat unter anderem Texte von Arthur Rimbaud in Brechts "Baal"-Original eingefügt - den Brecht-Erben geht das deutlich zu weit.

Castorf: "Die kennen mich doch"
Regisseur Frank Castorf hatte entspannt reagiert, nannte das Vorgehen des Suhrkamp-Verlags "gestrig und albern". "Die kennen mich doch und wissen, was da rauskommt", sagte Castorf etwa der "Süddeutschen Zeitung". Im Übrigen sei das "Originalgenie Rimbaud", denn: "Von dem hat Brecht ja das meiste geklaut." Dass die Jury des 52. Theatertreffens nun gerade "Baal" als eine der besten zehn Inszenierungen ausgewählt hat, ist kein Zufall. Mit der Einladung zum Theatertreffen will das Festival auch ein Zeichen für die uneingeschränkte Inszenierung im Münchner Residenztheater setzen. Die Berliner Festspiele bescheinigten Castorfs Inszenierung eine "Reflexion über die menschgemachte Apokalypse und die Aktualität von geistigem Kolonialismus".

In der Jury-Begründung für das Theatertreffen heißt es zudem, Brechts Jugendfantasie eines rücksichtslosen Libertins, der die Normen und die Nornen ignoriere, werde im deutschen Theater erstaunlich oft in einen schwitzenden Egoisten übersetzt, der es einfach geil haben will. Dieser scheinbar individuelle Exzess werde aber überall dort strukturell gemeinschaftsbildend, wo Gewalt Regel und nicht Ausnahme sei. "Deswegen ist die Verlegung der Baal-Geschichte in die Indochina-Kriege, die Frank Castorf im dritten Teil seiner Kriegstrilogie über Gewaltpoeten (nach Céline und Malaparte) unternimmt, ein brutal logischer Link", so die Jury. Im Übrigen hoffe sie, "dass die Aufführung in der von Frank Castorf erarbeiteten Form ohne Einschränkungen in Berlin gezeigt werden kann". Man vertraue darauf, dass sich die Rechteinhaber und das Theater einigen können.

Intendant Kusej "außerordentlich irritiert"
Auch Bühnenvereins-Direktor Rolf Bolwin hatte Frank Castorf unterstützt. "Wenn man weiß, dass ein Stück von Frank Castorf inszeniert werden soll, muss man damit rechnen, dass am Stück etwas verändert wird", sagte er. Eine rigorose Haltung, dass an Theaterstücken nichts verändert werden dürfe, ergebe sich weder aus dem Urheberrechtsgesetz noch werde sie dem deutschen Regietheater von heute gerecht. Auch Residenztheater-Intendant Martin Kusej hatte zunächst "außerordentlich irritiert" über das Vorgehen des Suhrkamp-Verlages reagiert, das er "völlig unverständlich" nannte. Suhrkamp kenne Castorfs Arbeitsweise und habe sich für die Vergabe der Aufführungsrechte an das Residenztheater und den Regisseur entschieden und sei auf dem Laufenden gehalten worden, so Kusej. Er betonte: "Die Inszenierung nicht mehr zeigen zu dürfen, würde für uns die Preisgabe einer künstlerisch furiosen Arbeit bedeuten."

Mediathek
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Frank Castorf, Regisseur von "Baal"
(geführt am 26.02.2015)
Kulturzeit-Gespräch mit ...
© ZDFVideoTill Briegleb, Schriftsteller und Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens
(03.02.2015)
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© dpaEin Ring, sie zu knechten?
Frank Castorfs "Ring des Nibelungen" (2013)