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Themen am 20.10.2017Navigationselement
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© dpa Lupe
Von der Bevölkerung sei das Räumen "als Strafarbeit" wahrgenommen worden, so die Historikerin Leonie Treber.
Falscher Mythos Trümmerfrauen?
Historikerin hinterfragt Nachkriegsgeschichte
Das Bild der Trümmerfrauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Land wiederaufgebaut haben, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Eine "Generation Trümmerfrau" habe es jedoch nie gegeben, schreibt nun die Historikerin Leonie Treber in ihrem Buch "Mythos Trümmerfrauen". Wie kommt sie darauf?
"Auch ich habe zunächst an die Überlieferungen von den zahlreichen deutschen Trümmerfrauen geglaubt", erklärt Leonie Treber - "bis mir aufgefallen ist, dass über die Enttrümmerung selbst nur sehr wenig bekannt ist". Am Ende war die Historikerin, die sich seit 2005 mit dem Thema befasst, vom Ergebnis ihrer Doktorarbeit, die sie an der Universität Duisburg-Essen geschrieben hat, selbst überrascht.

"Frauen spielten nur untergeordnete Rolle"
"Bei der Trümmerbeseitigung in den deutschen Städten haben Frauen nur eine untergeordnete Rolle gespielt", konstatiert sie im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Selbst in Berlin, wo immerhin rund 60.000 Frauen zur Räumung des Kriegsschuttes eingesetzt wurden und bis zur Erschöpfung arbeiteten, stellten sie mit gerade einmal fünf Prozent der weiblichen Bevölkerung kein Massenphänomen dar. In der britischen Zone kamen laut Treber nur 0,3 Prozent der Frauen zum Einsatz.

"Natürlich hat es die zupackenden und starken Nachkriegsfrauen gegeben, die Trümmer wegräumten. Aber sie waren klar in der Minderheit, und die meisten haben den Schutt weder gerne noch freiwillig beseitigt."
(Leonie Treber)

Schon während des Krieges hatten die Nationalsozialisten nach den Luftangriffen der Alliierten Soldaten, die Hitlerjugend, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zu Aufräumarbeiten verpflichtet. Nach Kriegsende 1945 kamen zunächst Kriegsgefangene und ehemalige Mitglieder der nationalsozialistischen Partei NSDAP zum Einsatz. Doch das reichte nicht. Von der Bevölkerung sei das Räumen "als Strafarbeit" wahrgenommen worden, so Treber. In Berlin habe man Frauen für die Arbeiten gewonnen, indem man ihnen die zweithöchste Kategorie der Lebensmittelzuteilungen zubilligte. Um mehr Freiwillige als Arbeitskräfte zu bekommen, sei das Bild der fröhlich zupackenden Trümmerfrau bewusst medial vermarktet worden, betont die Historikerin.

DDR: "Trümmerfrau" Vorbild aller Frauen
In der DDR avancierte die "Trümmerfrau" zum Vorbild aller Frauen, die einen Männerberuf erlernen wollten und sollten. In der Bundesrepublik passte "die hart arbeitende, selbstbewusste und emanzipierte Frau nicht ins konservative Frauenbild der 1950er Jahre", so Leonie Treiber. Erst als in den 1980er Jahren Frauen zu "Heldinnen des Wiederaufbaus" gemacht wurden und mit der Diskussion um die Kindererziehungszeiten, die älteren Müttern auf ihre Rente angerechnet werden sollten, wurden die "Trümmerfrauen" auch in Westdeutschland wieder zum Thema.

Mediathek
VideoTrugbild Trümmerfrau
"nano"-Beitrag (08.05.2015)
Reihe
"Stunde Null"-Geschichten
Kulturzeit-Reihe zum Ende des II. Weltkriegs
Buch
"Mythos Trümmerfrauen:
Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes"

von Leonie Treber
Klartext-Verlag 2014
ISBN-13: 978-3837511789