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© Regina Brocke Video
"Ich werde nicht hassen" ist ein Theaterstück über den Gazakrieg.
Übermenschliche Größe
Der Gazakrieg auf der Bühne
2009 verlor der Arzt Izzeldin Abuelaish beim Beschuss seines Hauses in Gaza drei seiner Töchter und eine Nichte. Traurige Berühmtheit erlangte er noch während des Anschlages, als er als Zeuge im israelischen Fernsehen bei der Bombardierung seines Hauses zusehen musste. Doch anstatt in Wut und Hass zu verfallen, ging er als Arzt nach Toronto, gründete eine Friedensstiftung und schrieb ein Buch: "Ich werde nicht hassen". Daraus ist ein Theaterstück entstanden, das jetzt in Stuttgart uraufgeführt wurde.
Der Gynäkologe Izzeldin Abuelaish setzte sich seit Jahren für die Verständigung von Israelis und Palästinensern ein. Er arbeitete in Israel und wohnte mit seiner Familie in Gaza. Nach dem Krebstod seiner Frau musste er allein für seine acht Kinder sorgen. Obwohl er die israelische Armee kurz vorher über die Lage seines Hauses informiert hatte, wurde es beschossen. Beim Einschlag der Panzergranaten starben drei seiner Töchter und eine Nichte. Sein Bruder und eine weitere Tochter wurden schwer verletzt.

"Wir sollten Mitgefühl miteinander haben"
In seiner Verzweiflung rief der in Israel bekannte Abuelaish beim israelischen Fernsehen einen Journalisten an, der ihn schon häufig interviewt hatte. So erlebte Israel live den Schmerz des palästinensischen Arztes mit. Trotz allem zeigt Abuelaish geradezu übermenschliche Größe: "Ich hasse niemanden. Sogar manche Israelis fragen mich: 'Wie - es hat sich keiner von der israelischen Regierung bei dir entschuldigt und dir sein Beileid ausgedrückt?' Genau da sollten wir ansetzen: Wir sollten Mitgefühl miteinander haben."

Obwohl Izzeldin Abuelaish in einer bitterarmen Flüchtlingsfamilie aufwuchs, schaffte er es, Medizin zu studieren, mit Harvard-Abschluss. Ab 1997 war er der erste palästinensische Arzt, der in Israel arbeitete. Nach dem Tod seiner Töchter ging Abuelaish mit seinen verbliebenen fünf Kindern nach Kanada und arbeitete an der Universität von Toronto. Er schrieb seine tragische Geschichte in einem Buch auf, das in 23 Sprachen übersetzt wurde. Sein Herzensprojekt heißt "Töchter des Lebens". Seine Stiftung fördert die Ausbildung von Mädchen und Frauen im Nahen Osten. Frauen sind für ihn der entscheidende Faktor beim Aufbau einer Zivilgesellschaft. "Palästinenser im allgemeinen und besonders die in Gaza sind gut ausgebildet, aber sie haben keine Chance, ihre Bildung sinnvoll anzuwenden", sagt er. "Sie brauchen Stabilität und Nachhaltigkeit, damit wir heute nicht etwas aufbauen, was morgen wieder zerstört wird."

"Ich werde nicht hassen"
Als im Sommer 2014 wieder Bomben fielen, fuhr er sofort hin, um zu helfen. Heute ist Gaza so zerstört wie nie zuvor. Mehr als 100.000 Menschen sind ohne Obdach, die Versorgungslage ist katastrophal. Bis die seelischen Wunden verheilen, braucht es Generationen, sagt Abuelaish. Was ist zu tun, damit der geplante Wiederaufbau von Dauer ist? "Ich werde nicht hassen, das habe ich meinen toten Töchtern versprochen", sagt der Arzt. "Und dieses Versprechen werde ich nie brechen. Aber die israelische Regierung muss endlich die Besatzung beenden, damit die Palästinenser frei leben können. Und auch die Israelis wären dann davon befreit, Besatzer und Unterdrücker zu sein. Wir wollen, dass auch sie frei von Angst leben und nicht mehr nur zu militärischen Mitteln greifen."

"Ich werde nicht hassen" am Theaterhaus Stuttgart ist eine puristische und gerade deshalb so starke Inszenierung. Das Stück konzentriert sich ganz auf die bewegende Geschichte des Arztes, getragen allein von der Kraft eines einzigen Schauspielers, Mohammad-Ali Behboudi. "Was Doktor Abueleish jetzt macht - trotz dieses Schicksals weiter für die anderen Menschen dazusein, zu kämpfen - das finde ich großartig", sagt er. "Ich wollte eigentlich ganz konkret zeigen, dass es Stimmen gibt in Palästina, und gerade so eine Stimme wie Izzeldin Abueleish, die bedingungslos Ausgleich fordern, sowohl von den Israelis als auch von den eigenen Leuten", erklärt Regisseur Ernst Konarek. "Es ist an der Zeit, dass wir uns hinsetzen und endlich miteinander reden", heißt es im Stück. Das Publikum im Theaterhaus Stuttgart war begeistert und bewegt - vom Stück und vor allem von der Menschlichkeit des Mannes, der all das durchlebt hat.

Theater
© Regina BrockeLupeIch werde nicht hassen - I shall not hate"
Mit Mohammad-Ali Behboudi
Theaterhaus Stuttgart
Weitere Vorstellungen: 21.10. und 18., 19., 20.11.2014
Buch
© Bastei LübbeLupe"Du sollst nicht hassen"
von Izzeldin Abuelaish
Bastei Lübbe 2011
ISBN-13: 978-3785724255