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© ZDF Lupe
Guru der Digitalen Revolution, Musiker, Autor und Unternehmer: Jaron Lanier.
Informatiker & Künstler
Der Internet-Guru Jaron Lanier im Porträt
Jaron Lanier schreibt den Soundtrack seiner Arbeit selbst. Das Studio ist sein Refugium. Der designierte Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014 ist auch Musiker und Komponist. Wie viele Instrumente er hat, weiß er selbst nicht, doch er spielt sie alle. Wir haben Jaron Lanier in San Francisco besucht und ihn gefragt, was er bei der mit Spannung erwarteten Festrede am 12. Oktober 2014 in Frankfurt am Main sagen will.
"Ich habe einige der Reden vorheriger Preisträger gelesen und worüber ich mir Sorgen mache, ist: Was könnte ich eigentlich sagen zu einem solchen Anlass, was könnte tatsächlich etwas Positives in der Welt bewirken?" so Lanier. In San Francisco, der Bay Area mit Silicon Valley im Süden, ging es los mit der "Digitalen Revolution" - anfangs in längst legendären Garagen. Lanier ist einer ihrer Paten, galt als Guru, schon Ende der 1970er Jahre. Heute ist er ein geläuterter Pionier. "Wenn ich sage, ich vermisse die Zukunft, dann meine ich: Wir haben die Vision einer kreativen und mutigen Zukunft eingetauscht für eine langweilige, eine Zukunft, in der es nur um Geld geht, um Macht und Kontrolle", sagt Lanier. "Was wir uns damals als 'künstliche Intelligenz' erträumten, das gab es nie. Stattdessen gibt es 'Big Data': Wir sammeln und verwerten persönliche Daten Unzähliger. Und das stimmt mich fürchterlich traurig."

Damals herrschte Euphorie in Kalifornien. Anderswo hatte man noch lange Angst vor dem Computer. Lanier gilt als Vater der "Virtual Reality": Datenhandschuh, neue Welten, vernetzte Kreativität, die den Menschen erweitert, ein kollektiver Traum von Technologie. "Statt Telefonieren werden wir uns künftig in ein Netzwerk einwählen und tatsächlich mit anderen unsere Visionen austauschen", sagte Lanier 1990 in einem Interview. "Die Technik wird irgendwann klug genug sein und unseren Intellekt nicht mehr beschränken. Das wird eine völlig neue Kultur. Großartig."

Die User klicken ihre eigene Zukunft weg
Es war der Musiker Lanier, der plötzlich mit Entsetzen feststellte, dass die Vision zur Illusion wurde. Es waren die Anfänge der "Alles-Umsonst-Kultur" im Netz. Musiker verloren damals ihre Existenz. "Das waren renommierte Leute, die vorher nie auf andere angewiesen waren, die gut verdienten", sagt Lanier. "Dann aber haben wir das System der Tantiemen zerstört, haben anderen realen Schaden zugefügt. Da habe ich gemerkt: Wir haben es vermasselt."

Es entsetzt ihn geradezu, dass wir heute freiwillig und umsonst Informationen und persönliche Daten hergeben und damit die Megagewinne der Big-Data-Firmen erst ermöglichen. In "Kulturzeit extra: Wem gehört die Zukunft?" warnt er: Während reale Jobs - ob Krankenschwestern oder Übersetzer - zunehmend automatisiert werden, nehme die Armut zu, so Lanier. Und die User klickten munter ihre eigene Zukunft weg. Denn was nützt alle smarte Vernetzung, wenn das Geld zum Leben fehlt? "Wir leben im Zeitalter einer Hypnose", sagt Lanier. "Die Leute sind wie besessen von Ideen wie Schwarmintelligenz und künstlicher Intelligenz. Sie sehen das als bloße Spielerei und übersehen, wie sehr ihre eigene Armut, wie sehr soziale Unsicherheit damit einhergeht. Eigentlich ist das die perfekte Formel für soziales Desaster."

Die Buchbranche bangt um ihre Zukunft
Und die Welt des Buches? Die Branche bangt um ihre Zukunft. Bücher werden elektronisch und die Angst von Buchhändlern und Verlagen hat einen Namen: Amazon. Ein Handelsimperium, das - für den, der noch Bücher aus Papier bestellt - die Ware bald schon stündlich per Drohne liefert - und sogenannte Beratung automatisch per Algorithmus bietet. Jeff Bezos, Gründer und Präsident von Amazon.com, ist längst der Buchhändler der Welt. Und Lanier erhält seinen Preis auf der größten Buchmesse der Welt. Er sieht das ebenso nüchtern wie naiv: "Ich bin gar nicht sentimental, was das Papier oder auch das Verlagswesen angeht. Doch das ist schon eine schwierige Lage. (…) Vielleicht hilft das direkte Gespräch mit den Verantwortlichen bei Amazon. Es gibt gute Leute dort, das sind keine bösen Menschen. Das sind glückliche Menschen."

Jaron Lanier, eine Art digitaler Sozialdemokrat, glaubt noch immer, dass der Einzelne etwas bewegen kann. Vielleicht arbeitet er, diese multiple Erscheinung zwischen Künstler und besessenem Programmierer, deshalb noch immer als Entwickler für Microsoft? Verraten, woran er gerade tüftelt, mag er aber nicht.

Sendedaten
"Kulturzeit extra: Wem gehört die Welt? Die Macht im Netz"
Dienstag, 07.10.2014
um 19.20 Uhr in 3sat
Sendedaten
"Kulturzeit extra: Wem gehört die Welt? Die Macht im Netz"
Dienstag, 07.10.2014
um 19.20 Uhr in 3sat
Schwerpunkt
© ReutersNSA, Überwachung, Snowden
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