Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Dezember 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
28
29
30
0102
03
04
0506070809
10
11
1213141516
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
Mediathek
SENDUNG vom 08.12.2016
Sendung verpasst?

Navigationselement
Navigationselement
© clipdealer Lupe
"Für eine Firma wie Google oder Facebook sind wir nicht ihre Arbeitskräfte und auch nicht ihre Kunden, wir generieren Daten, die sie ernten", sagt Zuboff.
Achtung Überwachungskapitalismus!
Die Thesen der Shoshana Zuboff
Shoshana Zuboff war 1981 eine der ersten Frauen, die an der Harvard Business School eine Dozentur erhielt. Ihre These: Der Mensch werde als reiner Datenlieferant genutzt und zu vorauseilendem Konformitätsdenken gezwungen. Die Gefahr geht von dem aus, was wir Big Data nennen. Wir haben die Wirtschaftswissenschaftlerin beim 10. Internationalen Potsdamer Medientreffen getroffen.
"Ich bezeichne 'Big Data' als Euphemismus", sagt Zuboff. "Ich denke, es wäre angemessener, sie 'Schmuggelware', 'Hehlerware' oder 'Diebesgut' zu nennen. Denn diese Daten werden uns durch Praktiken der Überwachung weggenommen, die wir nicht verstehen, die wir nicht kennen und denen wir nicht zugestimmt haben."

Zuboffs Gesetze
© reuters Lupe
Firmen wie Google und Facebook greifen unsere Daten ab.
Schon vor 30 Jahren veröffentlichte sie "Zuboffs Gesetze", in denen sie erklärte: Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Alles, was zur Überwachung dienen kann, wird zur Überwachung genutzt werden. Jetzt hat sie bei einer Konferenz vor deutschen Medienvertretern in Potsdam eine Brandrede gehalten. "Für eine Firma wie Google oder Facebook sind wir nicht ihre Arbeitskräfte und auch nicht ihre Kunden, wir generieren Daten, die sie ernten", sagt sie. "Wir sind wie Getreide auf dem Feld, Ressourcen, die geerntet werden." Firmen wie Google und Facebook greifen unsere Daten ab und verkaufen sie. Das ist ihr Geschäftsmodell. Ihre Käufer wollen unsere Verhaltensmuster erkennen, um ihre Werbung zielgenau zu platzieren. Doch das ist erst der Anfang.

Sie wollen, so Zuboff, "nicht nur unser Verhalten in der Vergangenheit kennen - sie wollen unser Verhalten hier und jetzt kennen, um darauf Einfluss nehmen zu können, uns zu ihren Produkten zu führen und sie uns zu verkaufen", so Zuboff. "Und sie wollen unser Verhalten in der Zukunft vorhersagen können, um auch das zu beeinflussen und zu formen." Im Haushalt der Zukunft wird jedes einzelne Gerät mit dem Internet verbunden sein. Sensoren werden alle unsere Aktivitäten festhalten. Alles wird abgeschöpft, auch unsere privatesten Erfahrungen. Für Zuboff ist das eine neue Form des Kapitalismus. Sie nennt es "Überwachungskapitalismus".

Information und Teilhabe
© facebook Lupe
Wir nehmen Internetdienste in Anspruch und geben Daten preis.
Doch warum gelingt es den Firmen, diese neue Art des Überwachungskapitalismus zu behaupten? Das liege vor allem daran, sagt Zuboff, dass die Firmen uns etwas geben, das wir dringend brauchen: Zugang zu Information und Teilhabe. Dabei tun sie so, als sei das alternativlos, als müsste es so sein: Wir nehmen ihre Internetdienste in Anspruch und müssen dafür unsere Daten preisgeben. "Jetzt, wo uns klar wird, wie das mit dem Überwachungskapitalismus funktioniert, sind wir schon in diesem Austausch gefangen", erklärt sie. "Weil es sehr schwierig für uns ist, den Zugang zu Information und Teilhabe aufzugeben. Und wissen Sie was, wir sollten es auch nicht müssen!"

Doch Zuboff ist keine Schwarzseherin. Sie glaubt fest, dass wir die Dinge noch in der Hand haben. Der Überwachungskapitalimus ist für sie nur eine mögliche Form des Informationskapitalimus. Wir stehen ganz am Anfang dessen, überhaupt zu verstehen, was passiert. Zuboff setzt alle Hoffnung in Demokratie und Bildung. Und die brauchen Zeit. "Wenn Bildung ins Spiel kommt und wir mehr verstehen, und wenn Demokratie ins Spiel kommt und wir unser Wissen im politischen Prozess nutzen können, dann werden wir Widerstand leisten können", ist sie überzeugt. "Wir werden in der Lage sein, die ökonomischen, rechtlichen und sozialen Institutionen zu schaffen, die notwendig sind, um zum Überwachungkapitalismus 'Nein' zu sagen."

Was Zuboff hier vorstellt, ist eine Kampfansage: Es geht darum, den neuen Überwachungskapitalismus zu zähmen. Man kann nur hoffen, dass sie Recht hat: dass es gelingen kann. Denn eines macht sie unmissverständlich klar: Unsere Zukunft hängt davon ab.

Schwerpunkt
NSA, Überwachung, Snowden
mehr zum Thema