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© dpa Lupe
Gregor Schneiders "Kunstmuseum" in Bochum - ein Werk, das nicht nur räumliche, sondern auch gedankliche Enge zum Thema macht.
Begehbar in Bochum
Gregor Schneiders Tunnelskulptur "Kunstmuseum"
Eine dunkle Röhre, enge Gänge - der Künstler Gregor Schneider inszeniert Räume. Eigentlich wollte er für die Ruhrtriennale eine begehbare Tunnelskulptur in Duisburg bauen. Doch in der Stadt, die ihre Loveparade-Wunden leckt, ließ man ihn nicht. Und so baute er seine Tunnelskultur in Bochum. Seit dem 28. August 2014 ist sie im Rahmen der Ruhrtriennale begehbar.
"Kunstmuseum" gibt es nur, weil das ursprünglich geplante Werk "Totlast" in Duisburg nicht entstehen durfte. Im dortigen Lehmbruck-Museum hätte Schneider es bauen sollen. Eine für Schneider ganz typische Arbeit, die Räume durch ein Tunnelsystem verbindet, bei denen der Besucher die Orientierung verliert, nicht weiß, ob er innerhalb oder außerhalb des Museums ist. Der Oberbürgermeister von Duisburg, Sören Link, ließ das Werk stoppen. Die Stadt sei noch nicht reif für ein Kunstwerk, dem Verwirrungs- und Paniksituationen immanent sind, erklärte er.

© Ruhrtriennale/ Gregor Schneider, Foto: Achim Kukulies, VG Bildkunst BonnLupe
© Ruhrtriennale/ Gregor Schneider, Foto: Achim Kukulies, VG Bildkunst BonnLupe
© Ruhrtriennale/ Gregor Schneider, VG Bildkunst BonnLupe

Gregor Schneider: "Zensur"
Die Absage erfolge - so Link weiter - auf Basis seiner "persönlichen Erfahrungen". Für Gregor Schneider war das ein klarer Fall von Zensur. "Es war ein Rechtsbruch", sagt er. "Es ist natürlich eine Grenzüberschreitung. Es ist, wenn man Artikel 3 Absatz 5 nimmt, auch Zensur. Er argumentiert, es war eine emotionale Entscheidung. Ich weiß nicht, welche Gründe ihn dazu getrieben haben. Vermutlich hat er sich einen politischen Vorteil versprochen."

Politischer Vorteil oder politisches Eigentor? Link teilte dem Intendanten der Ruhrtriennale, Heiner Goebbels, nur wenige Wochen vor der Eröffnung am Telefon mit, dass Schneiders Werk nicht in die Stadt passe. "Aspekte wie Enge, wie Bedrängnis, wie Desorientierung haben mich letztlich dazu bewogen, den Intendanten der Ruhrtriennale anzurufen. Mitte Juni war das, und ihn zu bitten, das Kunstwerk in Duisburg nicht zu realisieren", sagte Sören Link am 14. August 2014.

Duisburgs Bürger fühlten sich bevormundet
© dpa Lupe
Heiner Goebbels: Ein Museum muss selbst entscheiden, was es zeigt.
Ruhrtriennale-Intendant Heiner Goebbels reagierte mit scharfer Kritik. "Dass Herr Link jetzt von einer Bitte redet, ist sehr merkwürdig. Er hat selbst in seiner eigenen Presseerklärung unmittelbar nach unserer Stellungnahme zweimal die Formulierung gebraucht, dass er es abgesagt habe. Und ich bin auch nicht jemand, der nach einem halben Jahr Arbeit, vielen Kosten und Anstrengungen dann auf eine Bitte sagt: Na gut, dann machen wir es halt nicht. Also von einer Bitte kann nicht die Rede sein." Bitte oder Verbot? Vor unserer Kamera wollte sich der Oberbürgermeister nicht mehr äußern. Umso wortgewaltiger reagierten die Bürger der Stadt. Künstler aus Duisburg demonstrierten Ende Juli 2014 mit einer Aktion im Rathaus gegen die Bevormundung ihres Stadtoberhaupts. Ob sie reif seien oder nicht, könnten sie schließlich selbst entscheiden.

Auch für das Duisburger Lehmbruck-Museum hat der Fall schon Konsequenzen. Horst Spankus, bekannter Kunstsammler und wichtiger Leihgeber des Hauses, zieht seine Werke komplett zurück. Er ist erbost über das Verhalten von Stadtspitze und Museumsleitung: "Ich war entsetzt, ich habe es für unvorstellbar gehalten, dass ein Oberbürgermeister die Bürger seiner Stadt nicht reif dafür hält, Kunst zu sehen. Da ist keiner gezwungen, sich das anzusehen. Jeder kann das frei entscheiden. Ich muss mir doch nicht von einem OB sagen lassen, was ich sehen darf und was nicht." Die Kuratoriums-Stiftung des Lehmbruck-Museums wurde erst nachträglich über die Absetzung des Werkes informiert und - akzeptierte sie. Vielleicht auch, weil Sören Link selbst der Vorsitzende dieses Gremiums ist. Museumsleiterin Söke Dinkla gibt dazu kein Interview.

© dpa Lupe
In Bochum freut man sich über Gregor Schneiders Tunnelskulptur.
"Man könnte natürlich daraus eine positive Debatte führen", sagt Künstler Gregor Schneider. "Welche Arbeitsverträge verkauft man den Museumsdirektoren? Welche Unabhängigkeit will man in den Museen haben? Wieso führt man private Stiftungen ein und was hat dann da jemand zu suchen, der sich vielleicht gar nicht für die Kunst interessiert?" Besteht die Freiheit der Kunst in NRW nur auf dem Papier? Welchen Einfluss haben Politiker? Eine Pressemitteilung von Links SPD-Parteigenossen sorgte ebenfalls für Wirbel.

Abstruse Drohung an die Ruhrtriennale
Vier Landtagsabgeordnete drohten Ruhrtriennale-Intendant Goebbels, weil er mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit ging. "Nach so einem Verhalten kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", hieß es da. "Darüber hinaus muss geklärt werden, ob und wie die Finanzierung trotz Haushaltssperre in NRW überhaupt gesichert ist." Eine völlig abstruse Drohung, denn die Zuschüsse der Ruhrtriennale sind von der Haushaltssperre nicht betroffen. 20 Minuten nach der Veröffentlichung zogen die Abgeordneten das Papier wieder zurück.

Das Kunstmuseum in Bochum hat die Chance ergriffen. Hier freut man sich über die vielen Besucher, die Gregor Schneiders neues Werk anlocken wird - ein Werk, das nicht nur räumliche, sondern auch gedankliche Enge zum Thema macht. Auch eine Anspielung auf bürokratische Abhängigkeiten der Kunst? "Ich denke, dass ein Museum eine Unabhängigkeit haben muss und selbst entscheidet, welche Kunst da wie gezeigt wird, das ist offenbar in Duisburg anders gesehen worden", so Ruhrtriennale-Intendant Heiner Goebbels. Ein Bürgermeister, der ein Kunstwerk eigenmächtig zensiert, ein Museum, das sich dagegen nicht wehrt - das ist Willkür, die die Freiheit der Kunst gefährdet.

Kunst
© dpaDas abgelehnte Geschenk
Im Streit: Gregor Schneider und die Stadt Duisburg
Ruhrtriennale
"Kunstmuseum"
von Gregor Schneider
Kunstmuseum Bochum, Bochum29.08. bis 12.10.2014