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© reuters Lupe
Den Namen "Boko Haram" - übersetzt "Westliche Bildung ist Sünde" - spricht in Nordnigeria, der Hochburg des Terrors, längst niemand mehr aus.
"Jeder kann Boko Haram sein"
Nigeria im Würgegriff der Islamistensekte
Beinahe stündlich verzeichnet Nigeria Anschläge der Sekte Boko Haram. Das ganze Land ist wie paralysiert. Der Journalist Michael Obert war für das "Geo"-Magazin in Nigeria und hat eine große Reportage über die Boko Haram geschrieben. Darin erzählt er, wie die Islamistensekte innerhalb von zehn Jahren zu einer der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt wurde.
Den Namen "Boko Haram" - übersetzt "Westliche Bildung ist Sünde" - spricht in Nordnigeria, der Hochburg des Terrors, längst niemand mehr aus. "Diese vier Silben liegen wie ein tödlicher Fluch auf Nordnigeria", sagt Michael Obert. "Die Nordnigerianer nennen die Kämpfer nur noch 'The Boys', 'die Jungs'."

Klima der Angst
5000 Kämpfer, so lautet die Schätzung, zählt die Terrororganisation. Zu erkennen geben sie sich nicht. "Sie tragen keine Uniformen. Niemand weiß, wer der Sekte angehört", so der Journalist. "Jeder kann Boko Haram sein. Der Nachbar, der Freund, der Sohn. Das hat ein Klima der Angst geschaffen, bis tief hinein in die familiären Strukturen."

Zwei Jahre lang hat Obert für "Geo" recherchiert. Ihm ist gelungen, was bisher noch kein westlicher Journalist geschafft hat: Ein Mittelsmann stellte den Kontakt zu einem Boko-Haram-Kämpfer her. Obert und sein Fotograf Andy Spyra trafen den Terroristen. "Der Boko-Haram-Kämpfer war ein sehr 'normal' scheinender Mann", berichtet Obert. "Erst als er angefangen hat, uns zu erzählen, dass sie Anschläge planen, den Gottesstaat errichten wollen, die Nachbarstaaten in den Abgrund stürzen wollen - erst da hatte man ein bedrohliches Gefühl von dieser Ideologie, die sich da manifestiert. Er hat uns auch erzählt: Jeder kann unser Feind sein. Wer nicht mit uns ist, den müssen wir töten."

Und sie töten wahllos: Christen und Muslime. In Kirchen. In Dörfern. Auf Marktplätzen. In Einkaufszentren. Auf Polizeistationen - und erst kürzlich beim Public Viewing zur Fußball-Weltmeisterschaft. "Es gibt eine App, die im Norden kursiert und die Anschläge verzeichnet", sagt Michael Obert. "Das ist wie ein Body Count, der die Toten hochzählt. Mehrere tausend seit Jahresbeginn."

Teil eines internationalen Terrornetzwerks
Nigeria ist der fünftgrößte Erdöl-Exporteur der Welt. Der Süden ist reich, der Norden bitterarm. Dort, im Norden, liegt die Saat des Terrors. Um das Jahr 2001 gründete ein Prediger namens Mohammed Yussuf eine islamistische Sekte. Er predigte gegen Korruption, gegen Armut, gegen westliche Werte. Aber erst mit seinem gewaltsamen Tod wurde aus Boko Haram eine Terrororganisation. "2005 wurde Yussuf in Polizeigewahrsam ermordet", so Obert. "Viele sagen: ohne Verfahren hingerichtet. Sein Nachfolger Abuba Shekkau hat die Fäden in die Hand genommen und die Sekte radikalisiert und - ganz wichtig - Kontakte mit Al-Kaida-Ablegern aufgenommen." Längst ist Boko Haram Teil eines internationalen Terrornetzwerks. Und die nigerianischen Sicherheitskräfte wissen dem nichts entgegenzusetzen - außer Gewalt. Es gibt willkürliche Festnahmen, Folter, und Hinrichtungen, beklagt Amnesty International.

"Wir haben auch Opfer getroffen, denen das passiert ist", so Michael Obert. "Die Sicherheitskräfte kamen ins Dorf, zogen den ersten Mann, den sie sahen, aus dem Haus und erschossen ihn vor den Augen seiner Kinder. Ohne nach dem Namen zu fragen. Als wir den Bruder des Getöteten, der vorher zweifellos ein gemäßigter Muslim war, fragten, wie er damit umgeht, hat er gesagt: Boko Haram wird das rächen." Gewalt und Vergeltung: Dass sich die nigerianische Regierung auf Verhandlungen mit der Boko Haram einlässt, um die entführten Mädchen zu retten, glaubt Obert nicht. Überhaupt hat er wenig Hoffnung. "Es gibt viele Leute, die glauben, dass Boko Haram einen Teil der Mädchen an befreundete Terrorganisationen wie Al Kaida in der Sahelzone verkauft hat", so Obert. "Sollten die Mädchen da sein, werden sie nicht mehr zurückgeholt werden können." Der Terror in Nigeria habe die höchste Eskalationsstufe erreicht, so Michael Obert. Jeder kann ein Kämpfer der Boko Haram sein - und jeder ihr Opfer.

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