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© reuters Lupe
Der Hitler-Vergleich - ein politisches Totschlagargument, dessen Dosis ständig erhöht werden muss.
Hitler reloaded
Nazivergleiche als politische Taktik
Hitler-Vergleiche haben Hochkonjunktur. Gleichzeitig sind sich alle einig: Nazivergleiche gehen gar nicht. Warum eigentlich? Darf man etwa aus der Geschichte nichts lernen?
"In der Geschichte ist es immer problematisch, besondere Ereignisse, vielleicht sogar singuläre Ereignisse wie den Holocaust, mit etwas anderem zu vergleichen", sagt der Historiker Wolfgang Wippermann. "Damit wird - gewollt oder ungewollt - eine Verharmlosung durchgeführt - und auf der anderen Seite auch eine Dämonisierung dessen, mit dem man das vergleicht."

Doppelt falsches Totschlagargument
Die gepflegte Dämonisierung des politischen Gegners gehörte in der alten Bundesrepublik fast schon zum guten Ton. Selbst die Größten machten vor der politisch motivierten Geschichtsverdrehung nicht halt. Im Dienst der guten Sache, versteht sich. "Mit dem NS-Vergleich wird Politik gemacht, aber keine gute Politik", sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. "Es gibt kaum ein effektiveres Mittel, um ein dialogisches und diskursives und diplomatisches Klima zu ruinieren als den NS-Vergleich. Man benutzt ihn als Waffe, als Totschlagargument. Er nutzt eigentlich nie und ist in der Regel doppelt falsch: Er tut der Vergleichsherkunft unrecht, er stimmt nicht mit Bezug auf die NS-Zeit und er stimmt nicht mit Blick auf den Vergleichszielort." Klar ist: Der Nazivergleich ist der größtmögliche politische Angriff. eine komparatistische Atombombe. Und er hat einen klaren Vorteil: Quasi über Nacht ist man in aller Munde.

Der Hitlervergleich ist das Crack der öffentlichen Debatte. Die Aufputschwirkung ist enorm, der langfristige Schaden auch. Doch der Kick ist schnell vorbei. Deshalb muss die Dosis dauernd erhöht werden. "Oft ist der Holocaust- und Nazivergleich ein taktisches Instrument in einem immer härter werdenden Kampf um Aufmerksamkeit", so Pörksen. "Wer einen Nazivergleich wählt, argumentiert mit einem Maximalwert des Bösen, argumentiert scheinbar mit dem Extrem, und eben das sichert Aufmerksamkeit in einer erregungsbereiten, skandalisierungsbereiten Gesellschaft."

Die Lehren der Geschichte
Meistens führen historische Vergleiche nur ins Nichts der wechselseitigen Beleidigungen. Doch abseits des tagespolitischen Theaters gilt: Wehret den Anfängen. Aber wie soll man die Anfänge erkennen, wenn man nicht vergleichen darf? Die moderne Geschichtswissenschaft trat eigentlich an, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Vergleichen heißt schließlich nicht gleichsetzen. "Man kann ja sagen: Geschichte lehrt uns etwas", so Wolfgang Wippermann. "Hoffentlich. Deswegen habe ich Geschichte studiert. Aber man kann auch sagen, dass man sich vor zweifelhaften Lehren der Geschichte - und dazu gehören Vergleiche - hüten soll. Also: Hoffentlich lehrt die Geschichte uns etwas, aber sie lehrt uns auch, dass man mit einer gewissen Rücksicht mit ihr umgehen und sie nicht einfach so im tagespolitischen Kampf missbrauchen soll."

Wie geht es jetzt weiter? Eine Gesetzmäßigkeit gibt es: Godwins Law. Das besagt - streng wissenschaftlich -, dass in kontroversen Debatte früher oder später immer ein Nazivergleich auftaucht. Der nächste Hitlervergleich kommt also ganz bestimmt.